Kino

Steven Spielberg hört auf einen Wernigeröder

Der Wernigeröder Flugzeugsammler Clemens Aulich half Star-Regisseur Steven Spielberg bei dessen neuem Spionage-Thriller "Brigde of Spies".

Von Ivonne Sielaff 13.11.2015, 00:01

Wernigerode l Er hat die Dinosaurier zum Leben erweckt und Indiana Jones erschaffen. Er hat uns mit „Schindlers Liste“ zu Tränen gerührt und E.T. zurück nach Hause geschickt: Steven Spielberg. Filmfans aus aller Welt würden viel dafür geben, um den Meister-Regisseur kennenzulernen – um ihm einmal die Hand zu schütteln.

Für Clemens Aulich wurde dies Wirklichkeit. Dabei interessiert sich der 54-jährige Unternehmer nicht einmal groß für Filme. Sein Herz schlägt für die Fliegerei.

Seit 1999 betreibt Clemens Aulich in Wernigerode ein privates Luftfahrtmuseum. Der leidenschaftliche Pilot sammelt Flugzeuge, Hubschrauber, Ausrüstungen und Uniformen, die er auf 5.000 Quadratmetern ausstellt. Seine umfangreiche Sammlung, sein technisches Wissen und das handwerkliche Geschick seiner Mitarbeiter sind in der Filmszene seit Jahren ein Begriff. „Seither werden wir in der Branche, die eigentlich eine kleine ist, herumgereicht.“

Filmemacher hätten oftmals wenig Ahnung davon, welches Flugzeug in welcher Zeitepoche geflogen ist und wie man es bedient. Regelmäßig erhält Aulich deshalb Anfragen für Film- und Fernsehproduktionen. Beispielsweise für den Spielfilm „Starfighter“, der am Donnerstag erstmals auf RTL gezeigt wurde. Aber auch für kleinere Produktionen wie „Alles Klara“ und „Käptn Blaubär“. „Wir stehen den Filmemachern mit Rat und Tat zur Seite, geben Tipps für die richtige Ausrüstung, für die Dialoge der Piloten, bauen Modelle.“ Diese Arbeit nehme in der Regel mehrere Tage in Anspruch, sei nicht sonderlich aufregend. Bis der Anruf aus Hollywood kam.

„Ende 2013 wurde ich angefragt, ob ich beim Bau eines U-2-Cockpits helfen könne.“ Die U 2 wurde während des Kalten Krieges von den USA als Spionageflugzeug eingesetzt. Aus Höhen von 20.000 Metern waren die Maschinen für Bodenabwehr und Jagdflugzeuge nicht erreichbar und konnten lange Zeit über feindlichem Gebiet operieren. Solch eine U 2 steht im Mittelpunkt von „Bridge of Spies“, dem neuen Spionage-Thriller von Steven Spielberg. Der Film spielt in der Zeit des Kalten Krieges. Hauptdarsteller ist kein Geringerer als Tom Hanks.

„Bei Anfragen wie dieser sage ich nie Nein.“ Clemens Aulich recherchierte, holte Informationen über das historische Aufklärungsflugzeug ein und unterbreitete dem Filmteam mehrere Vorschläge. „Das Flugzeug galt ja lange Zeit als geheim. Aber es gibt Bilder im Internet.“ Aulich kontaktierte sogar das US-Militär. „Der Name Spielberg öffnet dort Türen. Sie haben mir Infos und das Flughandbuch geschickt.“

Gut ein halbes Jahr lang tüftelte er mit seinen Mitarbeitern Marco Steinhauer und Walter Tänzler an dem Flugzeugteil. „Das war ein relativ hoher Aufwand. Zuerst haben wir ein 3-D-Modell aus Kunststoffteilen und Papier ausgedruckt, danach ein Holzmodell mit Instrumenten und Bedienteilen gebaut.“ Zwischendurch hielt Clemens Aulich immer wieder Rücksprache mit dem Filmteam. „Wir haben uns mit dem Kameramann und dem Beleuchter abgestimmt, das Drehbuch und die einzelnen Einstellungen analysiert, damit am Ende auch alles passt.“ Das fertige Cockpit wurde aus Metall gefertigt und musste teilbar sein, damit beim Dreh auch Aufnahmen von innen möglich sind.

Doch das war nicht alles. Ende 2014 ein weiterer Anruf – ob er nicht schnell nach Berlin ans Set kommen könnte. „Spielberg hatte entschieden, dass er jemanden dabei haben wollte, der Ahnung hat.“ Zwei Tage verbrachte er auf dem Flughafen Tempelhof. Aulich saß neben Steven Spielberg. „Er fragte mich: ‚Ist das realistisch? Kann man das so machen?’ Immer, wenn ich etwas entdeckte, das nicht passte, durfte ich Stopp rufen. Und Spielberg hat auf mich gehört.“

Die Arbeit an dem Hollywood-Film habe ihn beeindruckt. „Da waren bestimmt 200 Leute am Set, ein Riesenaufwand für eine Szene, die im Film nur wenige Minuten lang ist. Am faszinierendsten fand ich aber die Bewirtung“, sagt Clemens Aulich schmunzelnd. Und Steven Spielberg? „Er ist ein ganz normaler Mensch, hat ‚Guten Tag’ gesagt, mir vom Besuch der Bundeskanzlerin erzählt, hat mir auf seinem Laptop Szenen gezeigt, die bereits abgedreht waren. Bodenständig und überhaupt nicht abgehoben.“

Ein Jahr ist inzwischen vergangen. Anfang Oktober feierte „Bridge of Spies“ auf dem New York Film Festival Premiere, wurde von den Kritikern hoch gelobt. Seit Mitte Oktober läuft der Film in den amerikanischen Kinos. Am 26. November soll er in Deutschland anlaufen.

Bereits am heutigen Freitag wird der Film in Berlin präsentiert. Großer Bahnhof für die Deutschland-Premiere: Hollywood-Star Tom Hanks, der deutsche Schauspieler Sebastian Koch und weitere Darsteller haben sich angekündigt. Und selbstverständlich Steven Spielberg.

Clemens Aulich wird in Berlin nicht über den roten Teppich schreiten. „Das ist nichts für mich. Da habe ich keine Chance. Das ist nur für die ganz wichtigen Leute.“ Den Film will er sich auf jeden Fall anschauen. „Ich habe schon einige Ausschnitte gesehen. Auch mit unserem Cockpit. Es sah richtig gut aus.“

Die verschiedenen Modelle und Fotos von den Dreharbeiten möchte Aulich künftig in seinem Museum in Wernigerode zeigen. Nur das Cockpit, das im Film verwendet wurde, fehlt in der Ausstellung. „Es hat Steven Spielberg so gut gefallen, dass er es selbst behalten wollte – für sein Privatmuseum.“