Magdeburg/Wernigerode l Semesterstart an der Uni Magdeburg im vergangenen Jahr: Da stand doch ein Vater in der Einführungswoche seiner Tochter tatsächlich jeden Tag mit auf der Matte. Setzte sich in Vorträge, wackelte bei der Campusführung mit. Und damit nicht genug: Sogar beim Umtrunk in der Kneipe war er dabei. „Er hat den ganzen Abend lang versucht, bei mir gute Stimmung für sein Töchterchen zu machen“, erzählt ein Dozent der Universität. Dabei muss er ein bisschen lachen.

Helikopter-Eltern wird jene Spezies genannt - weil sie ständig über ihre Kinder wacht. Selbst dann noch, wenn die schon erwachsen sind. „In dieser Stärke habe ich das Phänomen zwar nur das eine Mal erlebt“, sagt der Magdeburger Professor. In abgeschwächter Form würden ihm solche Mütter und Väter aber immer mal wieder begegnen.

Am ersten Tag der Einführungswoche kämen regelmäßig einige Erstsemester in Begleitung. Auch ein paar Tage später in der Infoveranstaltung seines Fachbereichs säßen Mamas und Papas in den Reihen, zuletzt knapp ein Dutzend. Allerdings sei der Spuk nach den ersten Tagen vorbei: „Später sieht man keine Eltern mehr.“

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An großen Universitäten in Deutschland haben Studienberater schon viele Kuriositäten mit Helikopter-Eltern erlebt. Spiegel Online hat kürzlich einige aus Köln, Bielefeld und Marburg zusammengetragen:

Eine Mutter rief an, um mitzuteilen, ihre Tochter sei heute krank, könne nicht zur Uni kommen. Ein Vater ließ sich am Telefon Bewerbungsmodalitäten für seinen Spross haarklein erklären – obwohl der selbst daneben saß. In einem Beratungsgespräch verkündete eine Mutter, ihre Tochter wolle Jura oder Lehramt studieren – doch diese ergänzte zaghaft „oder was mit Kunst“. Und die Mutter eines 14-Jährigen wollte sich über die Bewerbung für Pharmazie im Jahr 2020 informieren.

Diese Fälle sind den allgemeinen Studienberatern der Hochschulen im Norden Sachsen-Anhalts bisher nicht untergekommen. An andere Extrembeispiele – wenn auch sehr wenige – erinnern sie sich aber schon. Cornelius Hupe von der Hochschule Harz weiß folgenden Schwank zu erzählen: „Ein Betriebswirtschafts-Student kam zu mir und sagte, dass er sich viel lieber für Politik eingeschrieben hätte. Aber seine Eltern hätten ihn zu BWL gedrängt.“

Monika Lehmann von der Hochschule Magdeburg-Stendal telefonierte mal in einer Dreier-Konferenz mit Mutter und Kind, die gemeinsam ein Online-Bewerbungsformular ausfüllten.

Und Petra Kabisch muss an der Magdeburger Uni ab und zu besorgte Eltern beruhigen, weil ihr Kind „so ein komisches Fach“ studieren will – also eine Geisteswissenschaft. Sie bleibt dann immer ganz gelassen: „Ich erzähle ihnen einfach, was meine Studienfächer waren: Sport und Geschichte.“ Auch eine andere skurrile Formulierung begegnet ihr von Zeit zu Zeit: „Wir möchten studieren.“

Wenn‘s um die Studienwahl ihrer Zöglinge geht, scheinen Eltern überhaupt neugierig: Den drei Beratern zufolge sitzt in rund der Hälfte ihrer Gespräche Mutter oder Vater mit dabei. Dass die das Ruder an sich reißen, passiere aber selten. „Sie sind meist liberal“, sagt Lehmann von der Hochschule Magdeburg-Stendal. Eher würden sie zum Schluss noch organisatorische Fragen stellen, zum Beispiel zum Wohnungsmarkt.

Bei Peter Knüppel, der an der Magdeburger Uni Interessenten für den Bereich Medizintechnik berät, sind die Erfahrungen etwas extremer: In drei von vier Gesprächen seien die Eltern mit dabei, sagt er. „Und dann sitzen sie nicht einfach still daneben. Ab und zu führe ich das Gespräch sogar nur mit ihnen. Aber das ist dann gegenüber ihren Kindern keine böse Absicht.“

Wie es kommt, dass sich Eltern übertrieben um ihre Zöglinge kümmern, erklärt Professor Raimund Geene vom Fachbereich Kindliche Entwicklung und Gesundheit an der Hochschule Magdeburg-Stendal so: „Das Leben von Kindern und Jugendlichen findet kaum noch im freien Raum, sondern fast komplett auf betreuten Inseln statt –zum Beispiel im Sportverein oder in der Musikschule.“ Hinzu käme, dass sich manche Eltern mit ihren Sprösslingen überidentifizierten. „Sie wären gern ihre besten Kumpels.“ Geene zufolge seien Helikopter-Eltern ein Phänomen der Mittel- und Oberschicht. Denn dort sei die Zahl der Kinder meist geringer.

Überfürsorgliche Eltern beobachten die Studienberater übrigens unter Müttern und Vätern gleichermaßen. Wenn es um Töchter geht, sieht Petra Kabisch allerdings eine Tendenz: Dann seien es häufiger die Väter, die sich einmischten.

Dass Dozenten hierzulande seltener Helikopter-Eltern antreffen als etwa in Köln, hängt vermutlich mit der Größe der Hochschulen zusammen: An einer Uni mit 50 000 Studenten gibt es natürlich statistisch gesehen mehr Minderjährige als an einer mit 14 000.

Deutschlandweit reagieren Hochschulen inzwischen auf das Phänomen: Von Hamburg bis Wuppertal laden immer mehr Einrichtungen zu Elternabenden ein. Einige kredenzen gar ein informatorisches Festmahl: Freiburg hat einen Erstsemester-Familientag, der aus Platzgründen im Fußballstadion stattfindet. Und die Uni Münster veranstaltete schon ein „Elternalarm-Wochenende“, um Fragen zu klären wie: Hat die Mensa überhaupt was Vegetarisches im Angebot? Oder: Stört die Kneipe schräg gegenüber mein Kind beim Einschlafen? Diese Fragen sind nicht etwa erfunden, sondern standen in einem Ankündigungs-Flyer.

In Sachsen-Anhalt zieht jetzt die erste Hochschule nach: Im Harz gibt‘s diesen Herbst den ersten Eltern-Informationstag. Studienberater Hupe erklärt: „Wir haben zwar bisher kaum Helikopter-Eltern. Aber wir wissen von den Erfahrungen anderer. Also betreiben wir Prävention.“ Das Stadion des FC Einheit Wernigerode wird man aber nicht mieten.