Magdeburg l Klein, zierlich, kompetent, kämpferisch bis unter die grauen Haarwurzeln – mit einem guten Schuss englischen Humors –, so präsentierte sich die „Mutter aller Schimpansen“ am Freitagabend beim „Talk am Tresen“ der Mediengruppe Magdeburg in der Xampanyeria der Elbestadt.

Und schon das Entré der 86-Jährigen gab den dichtgedrängten Besuchern im Lokal Anlass zu Beifallsstürmen. Interviewer Tino Grosche hatte Goodall gefragt, wie ihn ein Schimpanse begrüßen würde. Die Engländerin drückte ihn kurzerhand an sich und imitierte täuschend ähnlich die typischen Grunzlaute. Und sie legte gleich nach. Die Laute wurden dunkler, lauter, die Hand ging Richtung Gesicht. Ganz klar: Der Menschenaffe kann sein Gegenüber nicht sonderlich leiden.

Und wie es sich für eine Britin gehört, gab‘s danach erst einmal einen Whisky (zwei Löffel Wasser).

Ob sie sich daran erinnern könne, wann das mit dem Interesse an Tieren begonnen habe? Und Goodall schilderte, wie sie auf dem Bauernhof als Vierjährige unbedingt herausbekommen wollte, aus welchem Loch die Eier beim Huhn kommen. „Ich habe mich vier Stunden auf die Lauer gelegt und beobachtet. Dann war es soweit. Ich habe meinen Eltern stolz das Ergebnis meiner ersten wissenschaftlichen Erkenntnisse mitgeteilt." Und statt zu schelten, weil sie stundenlang verschwunden war, habe sie ihre Mutter gelobt und ermutigt so neugierig zu bleiben.

Die Queen war beim Talk natürlich auch Thema. Ob es innerhalb einer Schimpansen-Gruppe so etwas Würdevolles wie die Queen gebe, so die Frage. Nach einem herzhaften Lacher antwortete die Wissenschaftlerin, dass das wohl nicht zu vergleichen sei. Und das Thema wohl auch gerade nicht passe, weil es Elisabeth (mit Blick auf Meghan und Harry) „zur Zeit sehr schwer“ habe. Aber eine Art Angela Merkel, „Schimpansen-Weibchen, die in der Hierarchie sehr hoch stehen“ gebe es schon, warf sie den Ball zurück.

Und in Richtung Donald Trump meinte sie, dass sie den Präsidenten der USA nicht mit ihren Menschenaffen vergleichen wolle. Weil das die Schimpansen nicht verdient hätten.

Hilfe vom Medizinmann

An ihren ersten Tag vor 60 Jahre im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania kann sich Goodall noch gut erinnern. „Wir kamen vom Fluss her und uns begrüßte ein Bärtiger mit muslimischer Kopfbedeckung. Es war der örtliche Medizinmann. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich und meine Mutter so gut von den Einheimischen aufgenommen wurden. Er sprach in den Familien so gut von uns, dass wir uns schnell einleben konnten.“

Als sie vor zehn Jahren über den Nationalpark geflogen sei, sei sie „geschockt“ gewesen. „Die ursprüngliche Landschaft war zerstört. Der Park mit den Schimpansen war wie eine Oase in der Wüste. Ringsherum war alles kahl und verdorrt.“

Doch Goodall wäre nicht Goodall, wenn sie sich mit den Gegebenheiten abgefunden hätte. So gründete Goodall mit Kindern in Tansania die Aktion Roots & Shoots („Wurzeln und Sprösslinge“, die inzwischen bereits in über 40 Ländern aufgegriffen wurde. In den Roots & Shoots-Gruppen sollen vor allem Kinder und Jugendliche eigene Ideen und kleine Projekte im Bereich Natur- und Umweltschutz entwickeln, um so zur Verbesserung sowohl des menschlichen als auch des tierischen Lebens auf der Erde beizutragen. Um den Nationalpark habe sich die Natur inzwischen erholt.

Von Magdeburg lobt sie zwei Dinge: den Zoo („Sie haben einen phantastischen Direktor“) und den Dom. Auf die Frage, ob sie der Stadt eine Chance als Kulturhauptstadt 2025 gebe, sagte sie: „Ja, aber die Stadt sollte noch grüner werden. Wenn viele, viele junge Leute jeder einen Baum pflanzen würden, wäre das sicherlich eine gute Sache.“ Sie versprach, in fünf Jahren zurückzukommen, wenn Magdeburg den Zuschlag bekommen habe. Allerdings unter einer Bedingung: „Dass Kai Perret noch Zoo-Direktor ist."

Die Frau, die sich auch gegen Tierversuche ausspricht, gab die Geschichte eines amerikanischen Forschers zum Besten. „Der Mann hatte 400 Versuchsaffen in Käfigen des Instituts. Nachdem eine Studie ergeben hatte, dass durch die Tierversuche keine neuen Erkenntnisse gewonnen wurden, ließ er sie frei.“ Der Mann der viele Freunde unter seinen Kollegen verloren habe, sei für sie ein Held.

Ihr optimistischer Wahlspruch: „Du kannst jeden einzelnen Tag etwas bewirken.“

Welches ihr nächstes Abenteuer sein werde, wurde Goodall gefragt. „Sehen sie, ich bin jetzt 86 Jahre. Mein nächstes Abenteuer wird mein Tod sein. Kann es etwas Abenteuerlicheres geben, als zu ergründen, was hinter der Linie ist? “

Dann lüftete sie die Geheimnisse der fünf Stofftiere, die sie rund um die Welt begleiten. Die Kuh steht für Rinder-KZ, für immer mehr Fleischproduktion für das Getreide angebaut wird, obwohl viele Menschen hungern. Oktopus, der Muscheln knacken, Ratte, die Landminen finden kann, Schwein, das so schlau wie ein Hund ist und der Affe stehen für die Intelligenz der Tier. Die Tiere kommen übrigens in denselben Himmel, wie wir Menschen“, ist sich Goodall sicher, „weil sie eine Seele haben.“

www.janegoodall.de