Magdeburg l Hundefutter wurde in der frisch renovierten Halle in Magdeburg-Lemsdorf schon seit Jahren verkauft. Vormals in einem Supermarkt als Massenware, jetzt rein biologisch als Zusatzangebot zum neuen Zweck des Gebäudes: Therapie- und Ausbildungszentrum und Hundeschule in einem. Stephanie Brehm ist Chefin in Doppelfunktion. Sie fungiert als Vorsitzende des Vereins „Tierisch geborger“ und Geschäftsführerin der TAZ-Hundeschule. Beides unter einem Dach, aber die Aufgabenbereiche sind strikt getrennt.

Gleich am Eingang hat sie zwei aufgeregte Vierbeiner im Schlepp: Rhodesian Ridgeback „Coffie“ und Labraodor „Nero“, bereits 13 und 11 Jahre alt. Auch die betagten Tiere sind aber noch immer im Therapie-Einsatz für Kinder oder Senioren.

Als sie fix herausgeschnüffelt haben, dass der Fremde keine Leckerlis in den Taschen versteckt hat, trollen sie sich erstmal. „Nero“, erklärt Brehm, „arbeitet im Wachkoma-Bereich, mit Kindern und Senioren.“ Viel tun muss er dabei eigentlich nicht: Der Hund wirkt allein durch seine Zuneigung und den körperlichen Kontakt stimulierend auf den zu betreuenden Menschen. „Coffie“ ist besonders in Kindergärten im Einsatz.

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Motivation mit Hund

Mit Therapiebegleithunden wie den beiden hilft der Verein beispielsweise, eine Lese- und Rechtschreibschwäche bei Kindern zu behandeln. „Die Hunde sind eine unglaubliche Motivation für die Mädchen und Jungen“, sagt Brehm. Ist eine Schreib- oder Leseübung zu schwer, krallen sich die Kinder ins Fell des tierischen Therapeuten. Gibt es kleine Erfolge, streicheln sie die Vierbeiner und schmusen mit ihnen.

Unter Leitung von Stephanie Brehm werden sie an den Standorten Magdeburg und Schwaneberg des Ausbildlungszentrums geschult: Hunde zur Therapiebegleitung, zur Assistenz oder für Besuche. Blindenführhunde sind nicht dabei. Dafür gebe es eine spezielle Schule, erläutert die 39-Jährige, die das Studium der Kynologie – also der Hundewissenschaften – absolviert hat. Seit 2004 verdient sie mit Hunden ihr Geld. Dabei ist wichtig, dass die Ausbildungen zertifiziert sind und die Krankenkassen auch Therapien finanzieren.

Was kann ein Hund als Hilfe leisten? „Er macht alle Therapien aus Spielbetrieb“, sagt Brehm, „und kann vier- bis fünfmal in der Woche eingesetzt werden.“ Eine Behandlungseinheit dauert jeweils 45 Minuten.

Für eine adäquate Schulung und Behandlung stehen im Magdeburger Zentrum eine Ausbildungshalle, ein Konferenzraum und drei Therapieräume zur Verfügung. Es gibt einen Empfangsbereich mit „Pfötchenbar“, in dem sich Neuankömmlinge schon mal an den etwas strengen Hundegeruch gewöhnen können. Im kommenden Jahr wird noch ein 400 Quadratmeter großer Außenbereich eingerichtet. Bei Geräten, Puppen oder Spielen wird genau auf die Farben geachtet: Zu den Grundfarben Gelb, Rot, Grün und Blau kommen die Therapiefarben Orange und Violett. Wo sie auftauchen, steht immer ein Behandlungszweck dahinter. „Wir finanzieren uns komplett selbst“, betont Brehm. An prominenten Unterstützern für das Vereins-Anliegen fehlt es nicht: SPD-Landeschef Burkhard Lischka, Puppentheater-Intendant Michael Kempchen und FCM-Fußballer Dennis Erdmann gehören dazu.

Plötzlich erscheint eine ältere Dame. Ihr Anliegen bezieht sich auf den zweiten, kommerziellen Zweig des Magdeburger Zentrums: die Hundeschule. Frau Winterfeld hat einen Chihuahua.

Drei Jahre ist ihr „Ricky“ alt. Er hatte ein traumatisches Erlebnis: einen ruppigen Zusammenstoß mit einem größeren Hund. Seither, sagt die Rentnerin, reagiere er äußerst empfindlich auf andere Artgenossen. „Können Sie ihm wieder Manieren beibringen?“, fragt Linda Winterfeld nun hoffnungsvoll an.

Schnupperstunde in der „Rackergruppe“

Stephanie Brehm will es gern versuchen. Nach kurzer Überlegung bietet sie zunächst eine Schnupperstunde für „Ricky“ an. Sie würde den Chihuahua gern in die „Rackergruppe“ stecken. Darin seien zwar üblicherweise die Klienten im Alter von einem halben bis zu einem Jahr versammelt. Doch ein kleiner Chihuahua würde da auch mit drei Jahren noch hineinpassen. Wenn der erste Termin zur Zufriedenheit verlaufe, könne die Rentnerin ihren Hund gern zum regulären Training anmelden. Dann zu den üblichen Gebühren: acht Trainingseinheiten für 120 Euro.

Die Mitarbeiter der Hundeschule bieten alles an, was des Halters Herz begehren könnte. Die Welpenschule genauso wie ein Einzeltraining und selbst Hausbesuche. Dazu gibt es Kurse in Agility, Longieren und Apportieren

Mit ihren beiden Jobs ist Stefanie Brehm voll ausgelastet. Ruhiger geht es zu Hause aber auch nicht zu: Mann, drei Kinder und vier Hunde halten sie dort auf Trab.

Innige Beziehung zum Tier

In der Arbeit geht sie auf.  Zum einen, weil sie zu ihren Tieren eine innige Beziehung hat, zum anderen, weil die Therapie und ihre Wirkung sie immer wieder gefangen nimmt. Brehm: „Mein Herz liegt vor allem bei den Therapie-Kindern, die wir betreuen. Und wenn ich bei einer Behandlung dabei bin, ist das auch eine Qualitätszeit für mich und den Hund.“

Das Verhältnis von Mensch und Hund kann harmonisch sein, ist aber auch konfliktträchtig. Da werden Besitzer mit den Tieren nicht fertig. Mancher nimmt die Beine in die Hand, wenn er einen Hund nur am Horizont erblickt.

Stefanie Brehm hat zumindest für die Hundefreunde einen Vorschlag zur Güte: „Die Menschen müssen den Hund lesen, sonst können sie ihn nicht verstehen.“