Magdeburg l Es ist erst ein paar Tage her, da stand ein Karton vor der Tür des Tierheims Stendal-Borstel. „Wir hatten bereits geschlossen. Nur, weil eine Mitarbeiterin ihr Handy vergessen hatte und noch mal zurückkam, haben wir die sieben Wochen alten Kätzchen recht schnell gefunden“ – halb verdurstet an einem sehr heißen Tag, sagt die Leiterin des Tierheims Antonia Freist.

Harry und Meghan, wie die Samtpfoten inzwischen getauft wurden, hatten Glück im Unglück und gehören heute zu 54 von 64 Stubentigern, die im Altmark-Heim unter der Rubrik „ausgesetzt“ eingetragen sind.

Befragung von Tierheimen

Der Deutsche Tierschutzbund befragt in unregelmäßigen Abständen Tierheime, um die Spitze des Eisbergs in Bezug auf ausgesetzte Tiere festzustellen. Und die Antworten sind eindeutig: Ab Mitte Mai geht die Kurve steil nach oben und erreicht im Juli seinen Höhepunkt. Im September erreicht die Zahl der ausgesetzten Hunde wieder das Aprilniveau. Bei Katzen sieht die Kurve ähnlich aus. Allerdings gibt es im Mai, dem Monat, in dem die „Maikätzchen“ geboren werden, ein Zwischenhoch.

„Im Mai und November werden wir von Jungtieren regelrecht überflutet“, weiß Antonia Feist. „Am Anfang sind die Kleinen noch putzig, aber wenn sie die Katzen rollig werden und anstrengend und wenn die Kater nach der Geschlechtsreife zu stinken beginnen, werden sie aus der Wohnung geworfen. Nach dem Motto: Sieh zu wo du bleibst. Eine Katze hält allerhand aus.“

In jedem Jahr werden deutschlandweit in den Sommermonaten rund 70.000 Tiere in Heimen abgegeben, sagt Kristian Bergerhausen vom Tierschutzbund. „Die Tierheime geraten dann immer wieder an ihre Kapazitätsgrenzen. Warum Tiere ausgesetzt werden, darüber besteht bei Tierschützern kein Zweifel: unüberlegte Geschenke zu Festtagen sowie die Urlaubszeit.

Katze für die Schultüte

Gudrun Müller, Chefin des Magdeburger Tierschutzverein e.V. 1893, schildert einen Fall, bei dem sich ihr heute noch die Haare sträuben: „Da kam ein Vater ins Tierheim und hat gesagt: Ich brauche ganz schnell ein Kätzchen für die Schultüte meiner Tochter.“ Der Mann habe von ihr „natürlich drei kleine Katzen bekommen“, sagt sie sarkastisch.

Immer wenn sie im Radio eine Verkehrsmeldung höre: Auf der Autobahn läuft ein Hund, dann wisse sie schon, dass wieder ein Tier ausgesetzt wurde.

„Und von Jahr zu Jahr werden es mehr Tiere, die ausgesetzt werden.“ Der Verein versuche zwar mit der Urlaubsaktion: „Nimmst du mein Tier, nehme ich dein Tier“ gegenzusteuern, doch jedes Jahr in der Ferienzeit überträfen die Zahlen die des Vorjahres.

Keine Tiere zur Adventszeit

Auch die Nachweihnachtszeit sei so ein Knackpunkt, wenn das vierbeinige Geschenk nicht gefallen hat. „Um dem Aussetzen vorzubeugen, geben wir ganz konsequent in der Adventszeit keine Tiere ab“, so Gudrun Müller. „Das Aussetzen von Tieren ist kein Kavaliersdelikt“, sagt Kristina Bergerhausen Tierschutzbund. „Die Strafe kann bis zu 25.000 Euro betragen.“

Wer sich ein Tier zulege, übernehme die Verantwortung für ein anderes Lebewesen und müsse dafür sorgen, dass es sich wohlfühlt. „Bevor man sich ein Haustier anschafft, sollte man unbedingt sicher sein, dass man keine Allergien hat und finanziell in der Lage ist, einen vierbeinigen Freund zu halten.“

Karin Schulz vom Tierheim in Wolmirstedt kennt ebenfalls die Katzenmisere. „Selbst Katzen, die einen Chip haben, werden ausgesetzt. Wahrscheinlich wissen die Besitzer nicht, dass wir dadurch nachverfolgen können, woher die Tiere stammen.“ Und wenn Tierheimmitarbeiter dann mit dem identifizierten Stubentiger vor der Wohnung stünden, stritten einige immer noch ab, dass die Katze ihnen gehört.