Magdeburg l Der jüngste Vorfall liegt erst Tage zurück. Auf dem Gelände einer alten Kiesgrube bei Meitzendorf töteten wohl Wölfe am 23. Januar 12 von 16 Schafen einer Herde. Schafhalter Yves Bloege aus Barleben hatte seine Tiere dort für den Naturschutzbund weiden lassen. Durch Grasen sollten sie die Artenvielfalt von Kräutern und Gräsern erhöhen.

Ein zwei Meter hoher Wildschutzzaun und ein zusätzlicher Elektrozaun konnten die Räuber nicht davon abhalten, zu ihrer Beute zu gelangen. Am Ende buddelten sich die intelligenten Tiere einfach unter dem an dieser Stelle stromfreien Wildschutzzaun durch. Der DNA-Nachweis von Wölfen durch das Wolfskompetenzzentrum Iden steht zwar aus, für Schafhalter Bloege deutet aber vieles auf Wölfe hin.

Der Vorfall ist kein Einzelfall. Laut Zahlen des Bauernverbandes fielen allein im Januar landesweit 65 Weidetiere mutmaßlich Wölfen zum Opfer. Im gesamten Jahr 2019 waren es laut Riss-Statistik des Landes 148. Die Bauern glauben auch hier aber an eine höhere Dunkelziffer. Für 59 Tiere etwa habe nicht bestimmt werden können, ob ein Wolf der Verursacher war.

Dalbert will mehr Herdenschutz

Grund für die undurchsichtige Datenlage aus Sicht der Bauern: Der Aufwand für das Melden von Rissen übertreffe mögliche Ausgleichszahlungen, die Bearbeitung dauere Monate. Längst nicht alle Risse würden daher angezeigt. Als Konsequenz fordern die Bauern endlich eine festgelegte Obergrenze für den Wolfsbestand. Und eine Herdenschutzförderung, bei der die Kosten den Aufwand nicht übersteigen. Andernfalls „wird die Ablehnung im ländlichen Raum zunehmen“, warnt der Verband.

Das Umweltministerium zeichnet indes ein anderes Bild. Demnach konnte für die von den Bauern angeführten 59 offenen Riss-Fälle 2019 sehr wohl ausgeschlossen werden, dass Wölfe die Angreifer waren.

Die Behörde weist zudem auf eine rege Inanspruchnahme staatlich geförderten Herdenschutzes hin. Unterstützt werden der Kauf von Schutzzäunen sowie die Anschaffung von Herdenschutzhunden. In Zahlen bewilligte Sachsen-Anhalt 2019 108 Anträge von Tierhaltern im Umfang von 563.000 Euro – ein neuer Rekord. Noch 2016 waren es nur 53 Anträge mit einer Gesamtsumme von 93.000 Euro.

Eine stagnierende Zahl von Anträgen auf Riss-Entschädigungen bei gleichzeitig wachsendem Wolfsbestand wertet das Ministerium zugleich als Beleg dafür, dass die Hilfe wirkt: So zahlte das Land 2017 bei 27 Anträgen noch 35.000 Euro. 2019 waren es bei 25 Anträgen noch 12.000 Euro.

Förderung soll ausgebaut werden

Umweltministerin Claudia Dalbert (Grüne) fühlt sich bestärkt, sie will die Herdenschutz-Förderung ausbauen. 2020 könnten dank einer neuen Bund-Länder-Förderung „Schutz vor Schäden durch den den Wolf“ auch Kosten für die Arbeitsleistung beim Aufbau von Schutzzäunen sowie Futter für Herdenschutzhunde übernommen werden. „Wenn wir unsere Herden sicher vor dem Wolf schützen, kann ein Miteinander von Wolf und Weidetierhaltung gelingen“, betonte Dalbert.

Peter Schmiedtchen, Vizechef der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe, die sich für den Herdenschutz einsetzt, begrüßt die Pläne. Allein die Futterkosten für Herdenschutzhunde betrügen bis zu 1200 Euro pro Jahr und Tier, sagte er.

Schafhalter Bloege sagt heute: „Zäune allein bieten keinen 100-prozentigen Schutz.“ Seine Schafe will er auch künftig auf dem Gelände der Meitzendorfer Kieskuhle weiden lassen – dann aber mit Hunden als zusätzlicher Abschreckung. Meinung