Rübeland l Glänzt so schön neu in der Sonne, schaukelt sacht im Frühlingswind. Jetzt bloß nicht nach unten schauen. Durch die Gitterroste am Boden, eigentlich eher eine Ansammlung von geschätzt 180.000 briefmarkengroßen Löchern, die durch schmale Metallstege zusammengehalten werden, fällt der Blick sehr, sehr tief. Etwa 100 Meter. Dann kommt der Wasserspiegel des Stausees. Das mit dem Höhen-Kick funktioniert schon mal.

440 Meter lang

Volksstimme-Reporter Axel Ehrlich (51) machte zusammen mit Bauherr Stefan Berke (36) einen ersten Tauglichkeitstest auf der längsten Seilbrücke der Welt. Die spannt sich mehr als 440 Meter über die Rappbodetalsperre im Harz. Hängt vorschriftsmäßig durch, wie sich das für eine Hängebrücke gehört - ihr eleganter Krümmungsgrad würde jeder genormten EU-Gurke zur Ehre gereichen.

Optisch luftig- filigran, macht das Teil trotzdem einen soliden Eindruck. Insgesamt 140 Tonnen Stahl, an beiden Seiten von unterarmdicken Tragseilen gehalten und an den Enden mit je zwölf mächtigen Ankern bis zu 25 tief in den Schieferfels gedübelt – das sollte 250 Besucher auf einmal aushalten. Dass es niemals mehr zur gleichen Zeit werden, dafür sorgt das Drehkreuz am Brückeneingang. Wenn alles voll ist, kommt keiner mehr rauf. Funktioniert so ähnlich wie im Parkhaus.

Bilder

Schon vor dem ersten Spatenstich musste das Bauwerk zahlreiche Härtetests bestehen. Mittlerweile bescheinigen über 30 – mitunter ziemlich abseitig anmutende – Gutachten, dass mit der Brücke wirklich, wirklich alles in Ordnung ist.

Eintrag ins Guiness-Buch

Die Wind- und Wetterfestigkeit wurde zuerst am Computer getestet. Mit echten Klimadaten aus dem Harz. Später nochmal an einem Papp-Modell im Windkanal der Uni Hannover. Das Felsgestein wurde im Labor auf Festigkeit gecheckt, die ganze Umgebung der Brücke auf unbedingte Abwesenheit seltener Fledermäuse, die so ein Projekt schnell mal stoppen können ... Sechs Monate Bauzeit und rund zwei Millionen investierte Euro später: Eine Handvoll Arbeiter, Stahlbau-Experten aus Tirol, schrauben in luftiger Höhe die letzten Teile an. Noch fehlt in der Brückenmitte die Absprung-Plattform für die denen der einfache Höhen-Kitzel nicht reicht. 75 Meter in die Tiefe, erst freier Fall, der dann in eine laaange Schaukelbewegung übergeht. Gigaswing heißt das und klingt nach jeder Menge Adrenalin.

Die über 300 mit über vier Kilometern Kabel untereinander verbundenen LED-Lampen sind bereits montiert und funktionieren auch. Sie machen die längste Hängebrücke der Welt (Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde ist schon vorbereitet) nachts zu einer ziemlich bunten längsten Hängebrücke der Welt.

Noch 29 Tage, dann ist sie endlich fertig. Am 7. Mai ist Eröffnung. Stefan und sein Bruder und Mit-Bauherr Mike rechnen am Premieren-Tag mit bis zu 20.000 Besuchern. Vorsichtshalber wird die Straße zur Rappbodetalsperre dann von beiden Seiten gesperrt. Von Rübeland und aus Richtung Wendefurt, fahren Pendelbusse.“

Das ganze Jahr geöffnet

"Ab da haben immer geöffnet”, sagt Stefan Berke. Immer bedeutet in diesem Fall 365 Tage im Jahr (außer bei Starkwind, Eisregen und Gewitter). Von 8 bis 22 Uhr. Und im Dunkeln magisch illuminiert. Wer nach Brücke und Gigaswing noch immer Abenteuer-Potenzial verspürt: Mit der Mega-Zipline gleich neben der Hängebrücke, fliegt man, am Seil hängend, mit bis zu 90 Sachen über den See.