Magdeburg l In der Magdeburger Volksstimme-Zentrale kommt es zu wüsten Auseinandersetzungen. Demonstranten dringen in das Gebäude in der Magdeburger Bahnhofstraße ein. Sie greifen Mitarbeiter an und verprügeln den Chefredakteur. So geschehen 1953, beim Volksaufstand am 17. Juni.

Ähnliches lag auch im Herbst 1989 in der Luft. Bei den Demonstrationen in Magdeburg und im gesamten Bezirk war die SED-Hörigkeit der Bezirkszeitung ein Angriffspunkt. Die Menschen forderten bedingungslose Pressefreiheit.

Dabei wurde die Volksstimme in der Wendezeit 1989 von Tag zu Tag spannender und lesenswerter. Schritt für Schritt löste sich das Bezirksorgan von der Bevormundung durch die Parteizentralen in Berlin und Magdeburg. Für die Journalisten bedeutete das Freiheiten in der Berichterstattung, die vorher undenkbar gewesen waren. Parallel zum Zerfall der Staatspartei emanzipierte sich die Redaktion mehr und mehr von der SED.

Verweis auf Herausgeber gestrichen

Der Weg hin zu einer parteiunabhängigen Zeitung war für jeden Leser unübersehbar. Vielleicht auch deshalb blieb ein Sturm auf das Pressehaus wie im Juni ’53 aus.

Stürmisch waren die Zeiten dennoch. Anfang Dezember 1989 strich die Chefredaktion auf Seite 1 den Verweis auf den Herausgeber, die Bezirksleitung Magdeburg der SED, unter dem Namen. Vom 9. Dezember 1989 bis zum 14. Dezember erschien die Zeitung ohne Herausgeber-Zeile.

Ersetzt wurde sie durch den Vermerk „Sozialistische Tageszeitung für den Bezirk Magdeburg“. Der amtierende Chefredakteur, Karl-Heinz Schwarzkopf, hatte auf Seite 1 unter der Überschrift „Logische Konsequenz“ unter anderem geschrieben: „Wir wollen deutlich machen, die Journalisten lassen sich nie mehr reglementieren von Leitungen – durch wen auch immer –, sondern wollen ihre eigene, kritische Betrachtungsweise einbringen. Sie wollen an der Seite all jener stehen, die Neues, Besseres erstreben und dafür ihren Fleiß und ihre Gedanken einbringen.“

Dies ging den meisten Lesern und vielen Redakteuren nicht weit genug. Wie unter der Leserschaft kochten die Diskussionen in der Redaktion weiter hoch. Die Konsequenz: Eine Belegschaftsversammlung beschloss am 15. Januar den endgültigen Abschied von der Partei, die inzwischen SED-PDS hieß (siehe Faksimile). Am 18. Januar erschien die 1. Ausgabe neuer Zeitrechnung. Die Volksstimme machte das durch den Zusatz „Unabhängige Tageszeitung für den Bezirk Magdeburg“ unter dem Zeitungstitel deutlich. An diesem Anspruch wollte sich die Redaktion messen lassen.

Das Magdeburger Blatt ging damit DDR-weit als zweites Bezirksblatt eigene Wege. Die Vorlage war aus Thüringen gekommen. Das dortige Erfurter Bezirksorgan „Das Volk“ hatte am 15. Januar die erste parteiunabhängige Ausgabe der Zeitung unter dem neuen Titel „Thüringer Allgemeine“ herausgebracht. Den Wandel konnte wahrlich niemand übersehen: Die alte Bezeichnung wurde mit dem neuen Namen überdruckt.

Die Volksstimme blieb bei ihrem Namen, auch wenn dieser heftig diskutiert wurde. Die meisten Bezirkszeitungen taten es ihr gleich. In Dresden hieß das Dresdner Blatt weiter „Sächsische Zeitung“ und das Rostocker „Ostsee-Zeitung“. In Leipzig blieb es bei „Leipziger Volkszeitung“, in Karl-Marx-Stadt bei „Freie Presse“ oder in Suhl bei „Freies Wort“.

„Freiheit“ verschwand mit der Freiheit

Andere Blätter hielten es wie „Das Volk“. Einige, weil die Namen tatsächlich furchtbar waren. Die „Volkswacht“ aus Gera hieß nun „Ostthüringer Zeitung“, „Neuer Tag“ Frankfurt (O.) jetzt „Märkische Oderzeitung“.

Paradoxes trug sich hingegen in Halle zu: Die Bezirkszeitung trug jahrzehntelang den Namen „Freiheit“. Eine nie erfüllte Verheißung. Nun, da die Freiheit so gut wie errungen schien, wurde er abgeschafft. „Mitteldeutsche Zeitung“ war ein schwacher Ersatz.

Der Volksstimme-Reporter Bernd Kaufholz über eine spannungsgeladene Versammlung und ein denkwürdiges Bekenntnis im Magdeburger Dom.