Halberstadt l Wenn man mit Carmen Pesch in der Martinikirche sitzt und sich über die dortige Renaissance-Orgel unterhält, dann spürt man nicht nur ihre Leidenschaft für dieses Instrument, sondern erfährt auch von einer mutigen Vision. „Halberstadt könnte ein Orgelzentrum werden“, sagt das Vorstandsmitglied des Förderkreises Musik am Dom mit Blick auf die 1000-jährige Orgelbautradition in der Stadt. Vor allem im 16. bis 18. Jahrhundert hatte sich eine bedeutende Orgelbauerszene in der Stadt etabliert. Musiker wie Michael Praetorius wirkten dort.

Um das Jahr 1000 soll die erste Orgel in Halberstadt gebaut worden sein. 1361 geht der Priester Faber mit einer für damalige Zeit wohl einmaligen Großorgel in die städtischen Geschichtsbücher ein. Sie gibt es nicht mehr, aber auch die später fein ausgeklügelte Arbeit des Magdeburger Orgelbauermeisters Heinrich Herbst hat mit 18 Metern Höhe nicht nur stattliche Ausmaße, sie ist mit ihren drei Spieltischen eine Rarität.

Heute sind zwölf dieser Instrumente in der Stadt bespielbar. Die prachtvolle Renaissance-Orgel von St. Martini nicht. Wunderschöne Schnitzereien prägen das einst für das Schloss Gröningen gebaute und später nach Halberstadt umgesetzte Instrument. Mehr als 50 Organisten waren ob der Bedeutung zur Einweihung im 16. Jahrhundert angereist. Heute plant der Verein Organum Gruningense Redivivum die Restaurierung des wertvollen Prospektes und eine Neuanschaffung des Orgelwerkes. Ziel: Die Königin der Instrumente mit dem Klang der Renaissance-Zeit wiedererstehen zu lassen.

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Zwei millionenschwere Vorhaben im Blick

Und auch die mächtige Herbst-Orgel im Dom von 1718 solch mit dem Projekt „Durch die Orgel Licht“ neugestaltet und restauriert werden. Presch erzählt, dass die historische Raumposition wieder aufgenommen und zudem die einst vom Baumeister ausgeklügelte Lichtführung wieder gewonnen werden solle. Denn durch einen Tunnel mitten durch die Orgel hindurch drangen einst die Strahlen der Abendsonne. Doch durch Umbauten auf der Orgelempore sind weder die Rosette vom Westportal sichtbar noch gibt es den einstigen Lichteinfall in den Kirchenraum. Die Orgel soll nun versetzt und tiefergelegt werden. Ein aufwändiges Unterfangen. Und kostenintensiv. Für beide Vorhaben – St. Martini und Dom - wären Millionen nötig.

„Die Stadt steht für visionäre Orgelprojekte“, sagt Presch. Bekannt ist vor allem das John-Cage-Orgelkunstprojekt. Den Enthusiasten des 1992 verstorbenen US-amerikanischen Komponisten hatten 2001 ein Musikprojekt in der Burchardi-Kirche gestartet, das 639 Jahre andauern soll. Cages Musikstück „As Slow as Possible“ (So langsam wie möglich) kann in Halberstadt erlebt werden. Den nächsten Klangwechsel gibt es im September 2020. Utopisch wurde es einst bezeichnet, nicht machbar und verrückt. Seit 18 Jahren können Besucher auf einer eigens erbauten Orgel die Langsamkeit für sich entdecken. Pesch spricht von dem damaligen Enthusiasmus und den vielen Spenden. Wieso sollte dieses Engagement nicht wiederholt werden können?

Um die Orgeltradition fortzuführen, die anspruchsvollen Projekte anzupacken, haben sich die John-Cage-Orgel-Stiftung, der Förderverein Musik am Dom und der Förderverein Organum Gruningense Redivivum in einer Initiative zusammengetan. Seit einem Jahr schulen sich die Mitglieder der Vereine im Fundraising, um die benötigten Mittel zu akquirieren. „Wir wissen, dass das ein Kraftakt ist“, sagt Presch. Vor allem muss das Ansinnen unter die Leute kommen.

Zum 9. Deutschen Orgeltag am 8. September will Halberstadt sich nicht nur als Orgelstadt präsentieren, sondern rückt sehr gezielt die finanz­intensiven Projekte in den Mittelpunkt. Und weil das den Organisatoren und der Stadt so wichtig ist, werden gleich drei Tage lang alte und moderne Orgeln der Stadt bespielt, Kolloquien gehalten und am Abend des 6. September (19 Uhr) im Hörsaal der Hochschule Harz die Pläne präsentiert.