Magdeburg l Auf den ersten Blick wirkt Halberstadt wie das Musterbild einer Kleinstadt. Aus stahlblauem Himmel scheint die Sonne an diesem Maivormittag auf den Marktplatz im Zentrum. Rentner sitzen auf Bänken vor den mächtigen Türmen der Martinikirche. Erzieher spazieren mit Gruppen lachender Kinder vorbei. Ein Postbote trägt Pakete in Geschäfte. Es riecht nach Kaffee und frischen Brötchen.

Es ist eine heile Welt, so scheint es. Fast wie aus der Fernsehreklame. Doch wer an der Oberfläche kratzt, bekommt schnell anderes zu hören. Da ist zum Beispiel Lutz Reinecke, der Bratwurstverkäufer. Seit mehr als 20 Jahren steht der ältere Herr mit Mütze mit seinem roten Stand fast täglich vor der Rathauspassage.

Junge hauen ab, Kneipen machen zu

Die Stimmung in seiner Stadt? Die sei schlecht, sagt der 68-Jährige. „Schauen Sie sich doch um, ich verkaufe Würstchen für ein paar Rentner, das war’s.“ Seit Jahren passiere in Halberstadt nichts, die Jugend haue ab. Die alten Kneipen seien zu. „Schauen Sie nach Wernigerode, da sind die Touristen“, sagt Reinecke. „Dort könnte ich meine Bratwurst locker für 3,50 Euro verkaufen. Aber hier ...“

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Es sind Sätze, die häufig hört, wer sich an diesem Vormittag mit den überwiegend älteren Passanten im Zentrum der 40.000-Einwohner-Stadt unterhält. Sicher, repräsentativ ist das nicht, aber doch eine Tendenz.

Es wirkt, als habe irgendetwas vielen Bürgern hier den Mut genommen. Als sei Halberstadt mit den jungen Menschen, die es verlassen haben, auch ein Stück Zuversicht abhanden gekommen.

Vielleicht ist das einer der Gründe, aus denen bei der Europa- und Kommunalwahl 2014 hier besonders wenige Leute zur Wahl gingen. An der Stadtratswahl beteiligten sich nach Angaben des Rathauses damals ganze 35 Prozent. Die Stadt zählte damit zu den Negativ-Spitzenreitern in Sachsen-Anhalt. Der Durchschnittswert betrug immerhin 43 Prozent. Im Spitzenreiterort Giersleben bei Aschersleben nahmen gar 64 Prozent teil.

Am 26. Mai stehen nun wieder Europa- und Kommunalwahlen an. Und auf den ersten Blick deutet wenig darauf hin, dass sich die Halberstädter diesmal mehr fürs Wählen begeistern lassen werden. Zwar finden sich in den Straßen der Vorharz-Stadt die üblichen Plakate der Parteien. Viele Einwohner aber scheinen sie kaum zu erreichen.

Keine Geschäfte mehr

Auch Dominik Born wird ganz sicher nicht hingehen. Der 67-jährige frühere Stadtangestellte sitzt an diesem Vormittag in einem Eiscafé in der Fußgängerzone und trinkt seinen Morgenkaffee. Früher hätte er SPD gewählt, erzählt der freundliche Rentner. „Aber die Politiker fragen uns doch gar nicht mehr, was wir wollen. Da ist viel Vertrauen kaputt gegangen.“

Und Halberstadt? Die Einkaufsstraße Breiter Weg sei ein Armutszeugnis für eine Kreisstadt, sagt er. Ein Geschäft nach dem anderen mache dicht. „Wenn ich es schön haben will, fahre ich doch lieber nach Wernigerode oder Quedlinburg.“

Daniel Szarata, CDU-Landtagsabgeordneter und Stadtrat in Halberstadt, kennt den Frust vieler Einheimischer über die Politik. „Die Stimmung ist schon seit Jahren nicht gut“, sagt er. Schuld sei nicht der Stadtrat, in dem CDU und Linke derzeit die meisten Sitze haben. Kommunalpolitik sei Ehrenamt – neben einem Hauptberuf.

Die Ursache hat Szarata vielmehr im Rathaus ausgemacht: Es sei die Stadtverwaltung. „Von dort kommen einfach zu wenig Ideen, um Halberstadt attraktiver zu machen.“ Seit drei Jahren gebe es etwa kein Altstadtfest mehr, die Stadt sei quasi pleite, es fehlten Erfolgsmeldungen wie Industrie-Ansiedlungen. „All das schlägt sich negativ auf die Stimmung nieder.“

Seitenhieb gegen den Bürgermeister

Berechtigt oder nicht. Die Äußerungen sind auch als Seitenhieb gegen den amtierenden Bürgermeister Andreas Henke zu verstehen. Dazu muss man wissen: Bei der vorigen Bürgermeisterwahl 2013 wurde der Linke-Politiker Henke mit 54 Prozent im ersten Wahlgang wiedergewählt, Gegenkandidat Szarata unterlag mit 34 Prozent zwar deutlich – für den jungen Christdemokraten dennoch ein Achtungserfolg.

Falsch muss die Wahrnehmung der Frustration deshalb aber nicht sein. Selbst Zugezogene bestätigen sie: „Die Stadt ist nicht hässlich, aber eben auch nicht attraktiv“, sagt etwa Asli Kursun. Die Mittzwanzigerin aus Rheinland-Pfalz zählt zu den rund 750 jungen Leuten, die in Halberstadt Verwaltungswissenschaften studieren.

Gerade macht sie mit einer Freundin auf dem kleinen Campusgelände am Domplatz Mittagspause. Der Stadt fehle es vor allem an Flair, sagt Kursun. „Es gibt zwar ein, zwei Kneipen für junge Leute. Ansonsten werden aber um 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt.“ Wenn sie mit Freunden etwas unternehmen wollen, müsse sie schon woanders hinfahren – etwa nach Wernigerode.

Regionale Konkurrenten

Überhaupt: Wernigerode und Quedlinburg – die Namen fallen hier immer wieder. Viele Halberstädter scheinen ein Problem mit den attraktiven Nachbarn zu haben. Das dürfte auch mit der Vergangenheit zusammenhängen – das 20. Jahrhundert hat in Halberstadt Wunden gerissen, die bis heute nie ganz verheilt sind. Halberstadt selbst hat eine große Geschichte: Schon 804 von Karl dem Großen zum Bischofssitz erhoben, galt es lange als ärgste Konkurrentin des jüngeren Bischofssitzes Magdeburg. Der Dichter Ludwig Gleim machte die Stadt später zum heimlichen Zentrum der Aufklärung. Hier wurde 1896 das Dosenwürstchen erfunden. Für sein großartiges Fachwerkensemble war Halberstadt bis 1945 berühmt.

Der alte Glanz aber wurde mit einem Schlag vernichtet: Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, am 8. April 1945, zerstörten amerikanische Bomber rund 80 Prozent der Innenstadt. Damals gab es kriegswichtige Flugzeugwerke in der Stadt.

Was die Bomben nicht schafften, hätte die DDR fast vollendet. Aus dem Ruinenmeer erwuchsen die Betonwüsten sozialistischer Wohnungsbauprogramme. Bis heute durchziehen sie die Innenstadt. Die weitgehend verschont gebliebenen Nachbarn mit ihren intakten Zentren führen den Halberstädtern damit immer wieder auch den eigenen Verlust vor Augen.

Oberbürgermeister Andreas Henke weiß um die „Larmoyanz“ vieler Halberstädter, wie er es nennt. Er weigert sich aber, sich dem Negativ-Bild anzuschließen. Gerade habe die Verwaltung mit den „Halberstädter Schatzjahren“ eine Kultur-Veranstaltungsreihe gestartet, um solchen Stimmungen zu begegnen, sagt er. Der Oberbürgermeister verweist auch sonst lieber auf die Potenziale seiner Stadt. Tatsächlich sind die trotz der Brüche der Vergangenheit reichlich vorhanden. Allen voran sind da der Dom und sein prächtiger Schatz. Mit 650 Objekten gilt der als einer der umfangreichsten mittelalterlichen Kirchenschätze weltweit.

Neuanfang nach der Wende

Halberstadt habe es zudem in einmaliger Weise geschafft, sein Zentrum nach der Wende neu aufzubauen und sich so wieder ein Gesicht zu geben, sagt Henke. Auch das historisch anmutende Rathaus etwa, in dem der Oberbürgermeister gerade sitzt, wurde erst Ende der 90er Jahre wiedererrichtet.

Dank Fördergeld sind jenseits des Domplatzes zudem ganze Viertel der Altstadt wiedererstanden. „Gerade erst hat eine Analyse ergeben, dass junge Familien mit Kindern verstärkt in ihre Heimatstadt zurückziehen“, sagt Henke dann noch. Die Botschaft ist klar: Es nicht alles gut in Halberstadt, und doch darf die Stadt stolz auf ihre Entwicklung ein.

Dass vielen Halberstädtern die Politik keineswegs so egal sein dürfte, wie das Stimmungsbild auf der Straße vermittelt, legen auch zwei aktuelle Bürger- entscheide nahe: Vor drei Jahren retteten die Einwohner mit ihrem Votum die Diesterweg-Grundschule, und damit ein denkmalgeschütztes Ensemble vor dem sicheren Aus. Auch bei der Wahl am 26. Mai sollen die Bürger nun wieder entscheiden: Darüber, wie viel Geld die Stadt in Rad- und Gehwege investieren soll. Initiatoren hatten zuvor Tausende Unterschriften dafür gesammelt, dass die Verwaltung in den nächsten drei Jahren jeweils eine Million Euro für ihr Wegenetz in die Hand nehmen soll.

Arnulf Kaus, Pfarrer der evangelischen Domgemeinde, spricht für seine Gemeinde sogar von einer positiven Aufbruchstimmung. Die gab es schon einmal – 1989 in der Martinikirche. Die heute kaum noch für Gottesdienste genutzte Kirche im Zentrum war damals Ausgangspunkt der friedlichen Revolution in der Stadt. Hier protestierten die Bürger gegen den von der DDR-Führung forcierten Abriss der Reste ihrer Altstadt – letztlich erfolgreich. Nach Jahren der Flaute wachse die evangelische Gemeinde heute wieder, erzählt Kaus. Allein 2018 habe es 45 Taufen gegeben.

Spendengelder für die Domglocke

Wie sehr sich die Halberstädter heute mit ihrer Stadt identifizieren, wird für den Pfarrer am Beispiel der Domina – der großen Domglocke - deutlich. 1999, vor 10.000 Einwohnern dank Spendengeld öffentlich gegossen, zogen die Halberstädter sie damals mit Muskelkraft in Position. Zu Silvester 1999 läutete sie das neue Jahrtausend ein.

Wegen eines Risses ist sie seit 2018 allerdings zum Schweigen verdammt. Eigentlich sollte die Domina eingeschmolzen werden, um so eine neue Glocke zu finanzieren, erzählt der Pfarrer. Doch die Halberstädter wollen nun erneut sammeln, um die Glocke zu retten und vor dem Dom aufzustellen. „Da hängt viel Herzblut dran“, sagt der Pfarrer. Und tatsächlich, wer im Gespräch mit den Halberstädtern auf die Sehenswürdigkeiten wechselt, erhält wortreich Auskunft. „Schauen Sie sich den Dom an, das lohnt sich“ sagt eine Frau auf dem Markt, die gerade noch über Geschäftsschließungen geschimpft hat. Ob sie am 26. Mai Stadtrat und Europaparlament mitwählen wird? „Ja“ sagt die Frau nach kurzem Überlegen. „Ich verrate aber nicht, wen.“