Wassersport für Gehörlose

• Neben Kitesurfen (eine Sportart, bei der das Surfbrett von einem Lenkdrachen gesteuert wird) bieten Marie Kohlen und Pia Boni auch Kanu-Fahrten und Stand-Up-Paddling an

• DeafVentures richtet sich an Gehörlose aller Altersgruppen. Die Camps sind auf vier Teilnehmer pro Termin begrenzt

• DeafVentures wird durch Fördergelder, die die beiden Gründerinnen durch einen Ideenwettbewerb auf der Internetplattform Yooveedoo gewonnen haben, realisiert

• Zusätzlich wird das junge Unternehmen von einem Surfbretthersteller sowie von einer Wassersportstation aus Ummaii (Insel Rügen) unterstützt

Pömmelte/Rügen l Pia Boni und Marie Kohlen (beide 27) stehen mitten im Wasser. Während eine mit Handbewegungen etwas erklärt, zeigt die andere ihrem Surfschüler direkt am Körper, welche Bewegungen er machen soll. Der Stoff des Lenkdrachens, der das Kiteboard steuert, macht vom Wind getrieben ein knatterndes Geräusch. Antonia Ricke und Benjamin Kuffel aus Hamburg können dieses Geräusch nicht hören.Denn sie nehmen teil an einem Surfcamp, das sich an Gehörlose richte.

Bevor es zu dieser Szene an einem Bodden (ein flaches buchtartiges Küstengewässer) auf Rügen kommt, geht es auf die Insel, auf der alles anfing: Sri Lanka.

Es ist das Jahr 2016. Marie Kohlen aus Pömmelte nimmt hier an einem Surfkurs teil. Mit ihrer Lehrerin Pia Boni versteht sie sich auf Anhieb super. So gut, dass sie sich kurze Zeit später auf Rügen treffen und zusammen einige Monate in der Bar eines Hostels jobben.

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Die beiden kommen beruflich aus zwei völlig unterschiedlichen Richtungen: Marie Kohlen ist als ausgebildete Gebärdensprachdolmetscherin vor allem in Sachsen-Anhalt, aber auch über die Landesgrenzen hinaus tätig. Pia Boni wohnt auf der Insel Rügen und finanziert sich ihr Masterstudium „International Management“ als Barleiterin und Surflehrerin. Trotz der Unterschiede hat Pia Boni eine Schnapsidee wie sie sich beruflich perfekt ergänzen könnten: Surf- und Wassersportcamps für Gehörlose. Das Prinzip: Es sollen neben dem Kitesurfen, das sehr vom Wind abhängig ist, noch weitere Wassersportarten für Gehörlose angeboten werden.

Bisher eine echte Marktlücke. Denn, so erzählt Marie Kohlen: „Bei gewöhnlichen Surfcamps werden gehörlose Teilnehmer oft aufgrund von Kommunikationsbarrieren abgelehnt.“

In Deutschland einzigartige Idee

Doch gerade weil diese Idee – zumindest in Deutschland, so weit sie wissen – bisher einzigartig ist, müssen die beiden ein Konzept erarbeiten. Dafür laden sie Marie Kohlens gehörlose Freunde Antonia Ricke und Benjamin Kuffel zu einem Testcamp nach Rügen ein. „Am Anfang war ich schon aufgeregt“, gesteht Pia Boni. Kein Wunder: Schließlich hatte sie auf dem Gebiet bisher weniger Erfahrung als Marie Kohlen, die fast täglich in ihrem Job mit gehörlosen Menschen zusammenarbeitet.

Doch dann sei sie als Surflehrerin relativ schnell reingekommen. Sie erzählt: „Denn den Unterricht habe ich im Prinzip so strukturiert und aufgebaut wie den von Hörenden.“ Schnell merken die beiden, dass man vor allem eines braucht: sehr viel Zeit. Während Pia viel erklärt, muss Marie zunächst dolmetschen, bis es weitergeht. Und anders als bei einem Kurs mit Hörenden, muss vieles zunächst am Ufer erklärt werden. Denn während Hörende Zurufe der Surflehrer auf dem Wasser verstehen können, müssen bei Gehörlosen die Schritte und Situationen durchgegangen werden, bevor es aufs Wasser geht. „Wichtig ist zum Beispiel, genau die Sicherheitsschritte zu erklären“, sagt Marie Kohlen. Dazu gehört etwa das Wissen, wie man sich in einer brenzligen Situation innerhalb von wenigen Sekunden vom Kiteschirm lösen kann.

Die anfängliche Aufregung ist bei den jungen Unternehmerinnen beim Testcamp schnell verflogen. „Gerade die Tatsache, dass der Wind nicht zu stark war, spielte uns zu“, erzählt Pia Boni. Denn dadurch sei auch der Kiteschirm träger und das Board langsamer gewesen. Und so sei es auch möglich gewesen, stets den Blickkontakt zu den Schülern aufrechtzuerhalten, während die ihre ersten Versuche auf dem Wasser wagten. Denn so konnte Marie Kohlen per Gebärdensprache weiterhin mit den Gehörlosen kommunizieren. „Dass es alles geklappt hat, war für uns ein unbeschreibliches Gefühl“, sagt sie.

Nach dem erfolgreichen Testwochenende steht für die ersten richtigen Camps nichts mehr im Wege. In denen soll es übrigens nicht nur um Wassersport gehen. Marie Kohlen erzählt: „Wir werden während der Camps in einem Ferienhaus wohnen und auch zusammen essen und die Gemeinschaft genießen.“ Dass sie mit ihrer Idee völlig ins Schwarze getroffen haben, zeigt die hohe Nachfrage. Alle drei Camps, die in diesem Jahr auf der Insel Rügen stattfinden, sind bereits ausgebucht.

Aufgrund dieser Bestätigung schmieden die beiden bereits eifrig Pläne für die Zukunft. Nach den Camps auf Rügen im Sommer starten die beiden ihr erstes Camp im Ausland – in Portugal. Und im Januar 2019 soll es sogar noch weiter weg gehen: nach Indonesien. „Wenn das alles gut klappt, könnten wir uns beispielsweise auch vorstellen, das Konzept der barrierefreien Wassersportcamps noch weiter auszubreiten“, sagt Marie Kohlen und zählt Ideen auf: „Es gab beispielsweise auf Griechenland von einem anderen Anbieter eine spezielle Woche für blinde Surfschüler. Und dank spezieller Aufsätze für Surfbretter ist Kitesurfen mittlerweile sogar für Rollstuhlfahrer möglich.“ Doch zunächst gibt es für die jungen Unternehmerinnen weitere Projekte. „Seit vergangenem Jahr lerne ich mit Maries Hilfe und einem Volkshochschulkurs selbst deutsche Gebärdensprache“, erzählt Pia Boni. Und Marie Kohlen träumt davon, neben der deutschen noch weitere Gebärdensprachen zu lernen, um mit DeafVentures noch internationaler zu werden.

Und obwohl sie mit ihrem Projekt noch am Anfang sind, haben die beiden bereits eine Vision. Pia Boni erzählt: „Wenn wir irgendwann Gehörlosen selbst eine Kitelehrer-Ausbildung ermöglichen können und diese dann anstellen und so auch noch berufliche Perspektiven schaffen, dann würde für uns ein Traum in Erfüllung gehen.“ Und, so ergänzt Marie Kohlen, dann würde es für Gehörlose noch leichter werden, das Kitesurfen zu lernen. Sie erklärt: „Ich beherrsche die deutsche Gebärdensprache zwar gut, aber von Muttersprachler zu Muttersprachler lässt es sich doch am einfachsten kommunizieren.“

Weitere Informationen gibt es auf der Website von DeafVentures.