In einem Pfarrhaus laufen die Uhren in der Adventszeit anders. Der Wille zur Besinnung tritt mit jeder Menge Aufgaben in Konkurrenz. Anna-Maria und Rüdiger Meussling könnten von diesem Spagat zwischen den vielen Terminen Bücher schreiben. Der Pfarrer und die Restauratorin kennen es nicht anders. Selbst jetzt im Ruhestand leben sie ihre Berufung aus, wohnen im alten Pfarrhaus von Plötzky bei Schönebeck, wenige Schritte von der Kirche St. Maria Magdalena entfernt.

Loslassen ist ein Fremdwort

Loslassen ist ein Fremdwort, will aber keineswegs mit Klammern an alte Gewohnheiten verwechselt werden. Das Ehepaar hat in den Kirchgemeinden rund um das Dorf Spuren hinterlassen. Für eine Reihe von Sakralbauten war und ist ihr Wirken ein Glücksfall, doch davon später.

Erst einmal kommt das Gespräch im inoffiziellen Amtszimmer des Pfarrers im Ruhestand, das gleichzeitig als Bibliothek dient, auf die Erinnerungen rund um das Weihnachtsfest. Für einen Geistlichen und dessen Ehefrau hielten die Tage im Dezember mehr als genug Termine bereit. Zu DDR-Zeiten war das nicht anders. Die Meusslings waren eher durch einen Zufall nach Plötzky gekommen. Bei Gommern machten sie Urlaub, erfuhren von der vakant werdenden Pfarrstelle. Einen Wechsel aus der Altmark hatten die beiden geplant, machten nun Nägel mit Köpfen.

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Dogge sprengte Krippenspiel

Ach, wäre es doch nur ein Dorf gewesen, doch ein rundes halbes Dutzend Gemeinden gehörten zu Rüdiger Meusslings Aufgabengebiet dazu, desolate Kirchen eingeschlossen. In der Adventszeit und am Heiligen Abend hieß es permanent von einem zum nächsten Gottesdienst zu eilen. Da passierte es, dass der Geistliche in vollem Ornat mit seinem Trabbi in eine Geschwindigkeitskontrolle der Volkspolizei geriet. Die Ordnungshüter zeigten sich verständnisvoll, verzichteten auf eine Strafe.

Anna-Maria Meussling steuert eine weitere Geschichte bei. Irgendwann Anfang der 1970er Jahren hatte sich ihr Mann eine Deutsche Dogge angeschafft. Niemand wusste, dass das stattliche Tier allergisch auf Glockengeläut reagierte. Aus Furcht zeigte er sein ganzes Können, büxte aus dem Pfarrhaus im altmärkischen Baben aus, schaffte es die Kirchentür zu öffnen und wurde Darsteller beim Krippenspiel. „Während uns Ochs und Esel fehlten, ging es trotzdem tierisch zu“, erzählt der Pfarrer mit einem verschmitzten Lächeln.

Die Dogge, zurück in den heimischen vier Wänden, nutzte die Alleinherrschaft aus und machte sich über den bereits eingedeckten Abendbrottisch der Familie mit ihren drei Kindern her. Pech gehabt.

Geburten und Brände

An Erinnerungen an die Gottesdienste zum Heiligen Abend mangelt es nicht. Da war in Plötzky eine junge Frau, die das Krippenspiel mit vorbereitet hatte und ein Kind erwartet. Die Geburt des Sohnes – natürlich genau am 24. Dezember – brachte alles durcheinander. Vier Jahre später spielte der bei der traditionellen Aufführung eine Rolle, war der Stern. Selbst einen brennenden Tannenbaum erlebten Meusslings im Gottesdienst. Glücklicherweise hatten Kameraden der örtlichen Feuerwehr mit einem Eimer Wasser bewaffnet in unmittelbarer Nähe Platz genommen. Das Unglück hielt sich in Grenzen.

Zurück zu den Kirchen. Blaumann und Talar gehörten für Rüdiger Meussling stets zusammen. „Ich konnte nicht zusehen, wie Kirchen verfielen und packte immer selbst mit zu“, berichtet er. Stets gelang es ihm, nicht nur Gemeindeglieder, sondern auch Atheisten für die Projekte zu gewinnen.

Mit Ehefrau Anna-Maria, der gelernten Restauratorin, bekam manches Gotteshaus in seinem Aufgabenbereich eine grundlegende Kur verordnet, selbst die Ruheständler haben mit Baustellen noch viel am Hut. Dächer, die Innenräume und Glasfenster profitierten von dem rastlosen Mühen. Eines der wichtigsten Gebäude war dabei die Pretziener St.-Thomas-Kirche, inzwischen ein Glanzstück auf der Straße der Romanik. Eigentlich hatte sie die Kirchengemeinde längst aufgegeben. Pfarrer und Restauratorin wollten das nicht hinnehmen.

Malereien unter Putz gefunden

Da entdeckte die Kunstexpertin Malereien an den Wänden. Bei der gründlichen Untersuchung traten unter bis zu neun Schichten Farbe und Putz die mittelalterlichen Darstellungen zutage. Vier Jahre intensive restauratorische Arbeit folgten, bis 94 Quadratmeter Bilder aus dem 13. Jahrhundert freigelegt waren. Rüdiger Meussling kümmerte sich parallel um die bauliche Instandsetzung.

Beileibe, alles erinnert an die biblischen Mühen der Ebene. Pfiffigkeit, Improvisationstalent und immer wieder Beziehungen waren gefragt. Material galt es in Zeiten der Planwirtschaft auf verschlungenen Wegen zu beschaffen. Heute lassen sich diese Dinge nur noch erahnen, zeugen Fotos vom schweren Weg. Und der Pretziener Musiksommer, die Kirche sollte ja schnellstmöglich genutzt werden, ging in diesem Jahr in seine 45. Auflage. Dinge, die bleiben, die Bestand haben. Orden und Urkunden hängen im Hausflur, beide Umtriebigen erhielten das Bundesverdienstkreuz, die Goldmedaille der Straße der Romanik, und, und, und.

Meusslings haben keinesfalls das Zeug zum Ruhestand. Rüdiger feiert im Januar seinen 81. und Anna-Maria im Mai ihren 78. Geburtstag. Die Hände nicht in den Schoß legen, das können sie kaum. „Wir brauchen eine Aufgabe und keinen Leerlauf“, lautet ihre Aussage unisono.

Da ergänzt sich manches. Die Restauratorin hat sich dem Bücherschreiben zugewandt, Prosa und Dokumentarisches werden notiert. Acht Titel liegen vor. An Stoffen mangelt es eher weniger. Ehemann Rüdiger widmet sich einem besonderen Hobby. Er bindet Bücher, ganz in alter Tradition. Von jedem neuen Titel seiner Gattin gibt es ein prächtig gebundenes Exemplar.

Talarträger in Miniaturformat

Dann sind da noch die vielen kleinen Pfarrerfiguren. Mit der offiziellen Verabschiedung aus dem Berufsleben im Januar 2000 begann der Spleen. Ein Talarträger im Miniaturformat thronte auf der Torte zum Festschmaus. Inzwischen stehen überall im Haus die Pastoren herum, 129 sind es gegenwärtig exakt, nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem Ausland. Lediglich in Polen suchte man erfolglos nach solchen Darstellungen. Dort ticken die Uhren anders.

Weihnachten ist in Plötzky ohne die Meusslings auch in diesem Jahr unvorstellbar. Das Vorbereitung des Krippenspiels ist Frauensache, wie immer keine einfache Neuauflage, der Fundus an unterschiedlichen Geschichten hat sich als groß erwiesen. Und der Pfarrer steht auf der Kanzel, was auch sonst? Am 24. Dezember hält er zum 57. Mal eine Heilig-Abend-Predigt.