Magdeburg/Erfurt (dpa) l Es ist oft ein letzter Aufschub für Flüchtlinge vor einer Abschiebung: das Kirchenasyl. Aus Sicht der evangelischen Kirche sehen dies Politiker jedoch zunehmend kritisch. In evangelischen Gotteshäusern und Pfarrämtern in Thüringen und Sachsen-Anhalt leben derzeit 26 Flüchtlinge im Kirchenasyl. Für 31 Menschen in Thüringen und 39 in Sachsen-Anhalt konnte im Laufe des Jahres das Asyl im Schutz der Kirche beendet werden, sagte Bischöfin Ilse Junkermann. Viele hätten eine Duldung in Deutschland bekommen.

Derzeit seien Menschen aus Iran, Irak und Eritrea, aus Afghanistan, Somalia, Syrien oder Nigeria – egal ob Muslim oder Christ – im Kirchenasyl. Es sei für Männern, Frauen und Familien mit Kindern oft die letzte Möglichkeit, eine Abschiebung abzuwenden und eine erneute Überprüfung des Asylverfahrens zu bekommen. Der Schutz kann wenige Tage oder bis zu einem halben Jahr dauern.

Kein Rechtsanspruch

Der Leiter des katholischen Büros in Thüringen, Winfried Weinrich, sagte: "Kirchenasyl ist kein Rechtsanspruch, aber die letzte Möglichkeit für eine Denkpause für eine humane Lösung." Das Büro vertritt die Bistümer Erfurt, Fulda und Dresden-Meißen bei der Thüringer Landesregierung. Es berate auch bei Kirchenasyl und in Härtefällen. Derzeit gebe es lediglich in Ostthüringen, wo einige Gemeinden zum Bistum Dresden-Meißen gehören, einen Fall von Kirchenasyl. Seit 2015 waren es drei Fälle.

Mit den vielen Flüchtlingen, die vor allem 2015 und 2016 nach Deutschland kamen, stieg auch die Zahl der Kirchenasyle. Die Kirchen und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stimmten danach ein Verfahren ab, sagte Junkermann. Danach können Kirchengemeinden möglichst im Vorfeld von drohenden Abschiebungen begründete Einzelfälle zur erneuten Prüfung vorlegen. "Wir prüfen sehr genau, wer in einer Notlage ist", sagte die Theologin. Viele Verfahren endeten mit einer Duldung.

Politik sieht Kirchenasyl kritisch

"Jetzt verstärkt sich der Eindruck, dass diese Dossiers im BAMF kaum gelesen werden", so die Bischöfin. Stimmung und Lage hätten sich verändert. "Von der Politik wird Kirchenasyl kritisch gesehen." Zumeist suchten Menschen Schutz bei Kirchen, die nach der Dublin-Verordnung in das Land zurückgeschickt werden sollen, wo sie zuerst EU-Boden betreten haben. Da gelte vor allem für Italien oder Griechenland, aber auch für Länder wie Bulgarien oder Rumänien.

Aus Sicht der evangelischen Kirche bringen diese Abschiebungen oft neue Gefahren für Flüchtlinge mit sich. Etwa, wenn Familien auseinander gerissen werden. Oder wenn eine Frau auf der Flucht missbraucht wurde, an Aids erkrankte und nun nach Italien zurückgeschickt werden soll. Dort könne ihr aus Kirchensicht wohl nur ungenügend geholfen werden.