Freyburg l Wenn Gottfried Hage von Hefe spricht, legt er den Kopf in den Nacken, lässt beide Hände in der Luft tanzen und reibt Zeigefinger und Daumen aneinander. Er sucht nach einem Wort, um das zu beschreiben, was gerade in seinem Kopf vorgeht. Enthusiasmus. „Oh, da gibt es eine Hefe, die heißt Tropico“, sagt der 29-Jährige. „Die ist toll, total verrückt, gut für den lieblichen Ortega-Weißwein zum Beispiel. Die bringt unfassbare Fruchtaromen, Mango- und Maracuja-Töne.“ Mit bis zu 25 verschiedenen Hefesorten habe die Familie im Gärungsprozess hier schon einmal experimentiert. Das sei eigentlich total übertrieben. Aber irgendwie mache es eben auch den Reiz des Winzer-Daseins aus.

Hage muss es wissen. Trotz seines jungen Alters – oder gerade deshalb. Als Zehnjähriger begann seine Laufbahn. „Mein Vater hat drei Kinder, das waren billige Arbeitskräfte“, merkt der Freyburger schmunzelnd an. Gerade hat er in der oberen Etage des großen Anwesens drei Weingläser auf den Tisch gestellt. Die Tür geht auf. Hage junior zeigt ehrwürdig in Richtung Eberhard Hage. „Das ist der Chef“, stellt er seinen Vater vor. Der hat ein Fotoalbum dabei, das Bild für Bild die 22 Hektar Rebflächen der Familie aus der Vogelperspektive zeigt.

Eigentlich wollte Eberhard Hage hier im Freyburger Ortsteil Zeuchfeld einen landwirtschaftlichen Betrieb aufbauen. Doch Hage, in der DDR noch als Lehrer tätig, bekam Anfang der 1990er Jahre nur 100 Hektar Pachtfläche. „Da hieß es dann: Hages Frau ist Ärztin, der benötigt keine Treuhand-Pachtfläche“, erzählt der heute 64-Jährige und hebt hilflos die Hände. „Also haben wir angefangen, die Sonderkultur Wein anzubauen.“ Mit dem Ziel, als Traubenproduzent das Landesweingut Kloster Pforta zu beliefern. Doch das geriet 1999 in wirtschaftliche Schieflage, stand zwischenzeitlich zum Verkauf. Die Rebflächen der Hages standen erstmals in vollem Ertrag. Viele Trauben, aber kein Abnehmer. „Da haben wir es einfach selber gemacht“, sagt der 64-Jährige. Und sein Sohn? Der studierte zunächst Agrarwissenschaften in Halle, legte dann noch einen Master in Weinbau oben drauf. 2020 soll er den zehnköpfigen Betrieb endgültig übernehmen. Bereits jetzt bestimmen Hage und Kellermeister Sven Lützkendorf maßgeblich die Ausrichtung des Weinguts. Und das ist beachtlich. Bis zu 3600 Rebstöcke wachsen pro Hektar. Doch das Weingut arbeitet mit einem reduzierten Anschnitt. Beim Qualitätswein dürfen Winzer pro Hektar maximal 10.500 Kilogramm Trauben ernten. Das Weingut Hage liegt mit 6500 Kilogramm deutlich darunter. Die Weinstöcke müssen sich um weniger Trauben kümmern. Dadurch steigt die Qualität. Die Ernte: rund 110.000 Liter Wein pro Jahr. Zusätzlich liegen 50.000 Liter immer auf Reserve. Entweder für die gehaltvollen Rotweine oder aber kleine Experimente.

Bilder

Ein solches hat der junge Winzer gerade in die Gläser gegossen. Ein Grauburgunder, Jahrgang 2017. Hage hebt das Glas an, riecht, schließt kurz seine Augen. Sein Vater beobachtet. „Ein bisschen Pfirsich, ein bisschen Quitte, sehr fruchtig“, sagt der Junior und nimmt einen Schluck. Sechs Grad hat der Weißwein. Je länger er steht, desto stärker entfaltet sich das Fruchtaroma, schön süß ist er bereits. Vor allem aber gehaltvoll. Ein Produkt des Super-Weinjahres 2017. Die Mischung aus Feuchtigkeit, Wärme und Sonne bescherte dem Urlauber Sorgen, dem Winzer aber große Freude. Eigentlich gärt der Traubenmost bei Hages nur noch in Edelstahl-Tanks. Die sind hygienischer. „Ab und zu legen wir aber auch mal eine Teilmenge des Weins ins Holzfass und gucken, was passiert“, sagt Hage. Ein Risiko. Denn das im Holz enthaltene Tannin, ein Gärstoff, spiegelt sich später auch im Wein wider. „Aber als wir den Grauburgunder probiert haben, da war dieser cremige Geschmack. Da war sofort klar, dass der separat verfüllt wird.“ Vier weitere Weine der Hages erhalten heute Silber. Insgesamt werden bei der Festveranstaltung in der Rotkäppchen-Sektkellerei 249 und 13 Sekte ausgezeichnet. „Bei richtig guten Weinen stimmt die Harmonie zwischen Bouquet (Anm. d. Red., Geruch des Weines), Geschmack und Volumen“, sagt Hans-Albrecht Zieger, Geschäftsführer der Winzervereinigung Freyburg-Unstrut und einer der sieben Juroren.

Doch welche Bedeutung hat die Prämierung für den Winzer? „Sie ist eine schöne Auszeichnung“, sagt Hage junior. Einige Händler führen nur prämierte Weine, die wecken Neugier beim Kunden. Marketing sei eben wichtig. Doch Enthusiasmus sucht man in seinen Ausführungen zur Prämierung vergebens.

Es gebe auch viele Winzer, die auf solche Preise verzichten. „Auch wir werben mit den Auszeichnungen nicht so intensiv.“ Die Vermarktung funktioniere schlichtweg auch ohne Auszeichnung. Weil die Liebe zum Ausbalancieren zwischen Süße, Säure und Alkohol eben nicht durch Gold, Silber oder Bronze bestimmt wird.

So sei das Etikett beim Wein zweitranig, sagt Hage. Genau das soll sich mit der geplanten Reform des Weingesetzes aber verändern. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner will dem Kabinett einen entsprechenden Entwurf im kommenden Jahr vorlegen, ab 2020 soll es in Kraft treten. Wie in Frankreich soll künftig die Herkunftsangabe im Zentrum stehen. Für Weine mit höherem Qualitätsanspruch wird die genaue Lage genannt, für Landweine allenfalls die Region. Die Grundidee: Je enger die Herkunftsangabe, desto höher die Qualität. „So viel wird sich dadurch nicht ändern“, bleibt Hage gelassen. „Am Ende entscheidet der Geschmack.“

Und der scheint die Kunden zu überzeugen. Das Weingut Hage beliefert Gastronomen und Händler in Thüringen, Sachsen und in der Saale-Unstrut-Region. Seit einigen Jahren steht der Wein auch bei Kaufland in Naumburg im Regal. Dabei waren die Bedingungen im vergangenen Jahr schwierig. Viel Sonne, wenig Niederschlag. Das war nicht ideal. Mit 4,65 Millionen Litern Wein lag die Ertragsmenge in der Region deutlich unter denen der Vorjahre. Der 2018er-Jahrgang wird dominiert von gehaltvollen und aromatischen Weißweinen. Viele Rebstöcke lechzten nach Wasser, nach Mineralien.

Umso wichtiger war die Arbeit im dunklen, von Edelstahl-Tanks dominierten Keller, wo mit temperaturgesteuerter Gärung gearbeitet wird. Es ist stickig, es riecht muffig – das wenig charmante Antlitz des Herzstücks der Weinproduktion ist genau so gewollt. Bei maximal 16 Grad gärt der Wein. So wird der Fruchtester nicht beschädigt. Bei mehr als 25 Grad verkochen die Aromen. Dann riecht es im Keller zwar schön fruchtig. Die feinen Duftnoten aber sind dann eben in der Luft - und nicht im Wein.

Ein Spätburgunder fristet hier noch sein Dasein, alle anderen Weine wurden bereits abgefüllt und mussten Platz machen für die Ernte, die Anfang September beginnt. Und wie die ausfällt, das wissen Hage und viele Winzer aktuell noch nicht. „Bereits jetzt eine allgemeine Aussage zum Weinjahr 2019 zu treffen, fällt schwer, da die Niederschläge der letzten Wochen punktuell sehr unterschiedlich ausgefallen sind“, sagt Sandra Warzeschka vom Weinbauverband Saale-Unstrut. Für Zieger werden die nächsten Wochen entscheidend. „Wir benötigen Wasser, sonst wird es ein sehr schwieriger Jahrgang.“

Die trockene Sandader unter den Traminer-Trauben verrät die Sehnsucht nach Wasser. „Zum Glück ist Wein robust, der nimmt sich, was er braucht“, sagt Hage, während er gerade die kleine provisorisch errichtete Holztreppe am Eingang zum Weinberg hinaufkrackselt. Vor ihm breiten sich tausende Rebstöcke auf, zehn Prozent davon wachsen im Steilhang. Ein kleines Haus am Fuße des Weinberges ist Hages neues Projekt. Denn ein Ausschank fehlt noch. Und dürfte sich lohnen. „Es ist unglaublich, wie groß der Weintourismus in den letzten Jahren zugenommen hat“, sagt der Winzer. Nicht nur hier im Süden Sachsen-Anhalts.

Erstmals haben das Deutsche Weininstitut und die Hochschule Geisenheim bundesweit die wirtschaftliche Bedeutung des Weintourismus untersucht. Demnach reisen jährlich rund 50 Millionen Menschen in deutsche Weinregionen und lassen insgesamt 5,5 Milliarden Euro dort. Damit ist das Einkommen von rund 86.000 Menschen in den 13 Weinanbaugebieten bundesweit direkt vom Weintourismus abhängig. Den Wein- und Radtourismus will auch Familie Hage nutzen. Gäste empfangen, bedienen und mit neuen Experimenten begeistern. „Das wäre schon was“, sagt Hage. Gastfreundschaft, das sei nämlich genau das, was den Winzer auszeichne. „Das gehört einfach dazu.“