Anderbeck l Erst auf dem Fensterbrett, dann auf der kleinen Sitzbank neben dem Kühlschrank: Ashari macht gleich mal deutlich, dass die Küche ihr Reich ist. Besuch hin oder her. Runde, große Augen, wacher Blick, silber und schwarz schimmerndes Fell. „Ashari ist die Erstgeborene“, sagt Franziska Kassik stolz. Die Bengalkatze ist das erste Kätzchen aus dem A-Wurf, dem ersten Zuchterfolg Kassiks. Das war vor vier Jahren. Mittlerweile ist der siebente Wurf, der G-Wurf, Geschichte. Insgesamt sechs Vierbeiner, darunter mit Benno auch ein normaler Hauskater, haben es sich hier in Anderbeck nun gemütlich gemacht und ein ganzes Grundstück in Beschlag genommen. „Die Bengalen von Oz“, so bezeichnet Kassik ihre Zucht, angelehnt an den Film der Zauberer von Oz. Das zauberhafte Land, so lautet der Alternativtitel im deutschsprachigen Raum – und er passt auch gut zum Lebensraum der Bengalkatzen hier im nördlichen Harzvorland. Das liegt vor allem an der Leidenschaft der Zuchtmama, wie sich Kassik selbst bezeichnet.

Tierliebe und ein Ur-Mutterinstinkt

Die 37-Jährige wuchs bereits als Kind mit Katzen und anderen Tieren auf. Nach dem Studium in Halle folgte der Hauskauf in Anderbeck. Benno wurde vom Nachbarn adoptiert. Nachdem dann auch noch Tommy, eine Stoppelkatze, vom nahegelegenen Bauernhof gerettet wurde, „hatte ich mich erstmal wieder von meinen Plänen mit der Zucht verabschiedet“, erzählt Kassik. Erst nach dem plötzlichen Tod von Tommy, der zwei Bulldoggen zum Opfer fiel, griff sie ihren ursprünglichen Plan wieder auf. „Ich hatte mich vorher schon viel belesen rund um Bengalkatzen, sie haben mich von Beginn an fasziniert“, sagt Kassik. Also kauften die Kassiks 2015 mit Anni ihre erste Bengalkatze. 16 Wochen alt. Knapp ein Jahr später folgte der erste Wurf – mit Ashari. Nach dem B-Wurf von Anni traten Komplikationen auf, ein Stück vom Darm musste entfernt werden. Kassik entschied sich, den Vierbeiner kastrieren zu lassen. „Nach dem B-Wurf hatte ich richtig Angst um Anni“, sagt Kassik mit Tränen in den Augen. Sieben Würfe in vier Jahren sind nicht viel, aber die Abstände der Trächtigkeiten sind zum Wohl der Katzen einzuhalten“, so Kassik.

Allein der Moment, wenn ein neuer Wurf kurz bevorsteht, wecke in ihr eine Art Ur-Mutterinstinkt. Verbunden mit ihrer generell großen Tierliebe, ist die Zucht für Kassik mehr eine Art Berufung. Alles, aber keine wirkliche Einnahmequelle. Pro Kätzchen nimmt Kassik rund 1000 Euro, im vergangenen Jahr hat sie sieben Kitten verkauft – und nach eigenen Aussagen 9000 Euro Minus gemacht.

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Leidenschaft für die Rasse

Es ist eher die Leidenschaft für die Rasse der Bengalkatzen, die sie antreibt. „Die Rasse ist sehr speziell für mich“, sagt Kassik. „Sie sind agil, sehr aufgeweckt und intelligent und dann natürlich ihr Aussehen.“ Bengalkatzen haben einen muskulösen Körperbau, einen verhältnismäßig kleinen Kopf und weit hinten ansetzende Ohren. Was sie so besonders macht, ist ihr wilder Leoparden-Look. Kassik sagt, ihr Ziel sei es nicht, ständig nur neue Babys mit ihren Würfen zu produzieren. Sie wolle die Rasse weiterentwickeln. Und das bedeutet: das Aussehen einer Wildkatze, aber eben auch den Charakter einer Hauskatze im Tier hervorbringen.

Bengalkatzen gehören zu den Hybridrassen und sind damit Nachkommen aus einer Kreuzung zwischen Wild- und Hauskatze. Die Genetikerin Jean Mill startete Anfang der 1960er Jahre die ersten Kreuzungsversuche mit ihrem schwarzen Hauskater und einer asiatischen Leopardkatze. Im Rahmen eines Forschungsprojekts in den 70er Jahren wurden weitere asiatische Leopardkatzen mit Hauskatzen gekreuzt. Ziel war es, die Immunität der Wildkatze gegenüber dem Leukämievirus auf die Hauskatze zu übertragen. Dieses Unterfangen misslang zwar, jedoch wurden viele Katzen dieses Experiments an Mill übergeben, die die Zucht weiterführte. Als Rasse offiziell anerkannt wurde die Bengalkatze dann in den 1980er Jahren.

Rückgrat aus Stahl

Wenn sie von eine ihrer Bengalkatzen erzählt, setzt sie gern einen Artikel vor den Namen, da ist es dann „die Ashari“ oder „die Zoey“. Kassik bewegt immer wieder eine Hand an den Körper, wenn sie von ihren Katzen erzählt. „Als Züchter braucht man ein Rückgrat aus Stahl und ein Herz aus Gold“, sagt sie.

Und vor allem viel Verantwortungsbewusstsein. Wenn ein Wurf bevorsteht, kann die Katze entscheiden, ob sie im Wohnzimmer in der extra dafür angefertigten Box ihre Kätzchen zur Welt bringt oder im Schlafzimmer. Kassik schläft in jedem Fall neben der werdenden Mutter. „Auch die Katzen können überfordert sein, deswegen ist es wichtig bei der Geburt stets eingreifen zu können, um die Kitten beispielsweise abzunabeln, die Fruchtblase zu öffnen und sie erstzuversorgen“, sagt Kassik, die während der Phase nach der Geburt einen echten „Vollzeit-Job“ hat. Abnehmer für die Neugeborenen gibt es immer genügend. Jedoch hat Kassik auch hier ganz genaue Vorstellungen. „In Einzelhaltung geben wir keine Katze.“ Und der Wurf bleibt länger als zwölf Wochen in ihrem Zuhause, weil die Kätzchen nur zweifach grundimmunisiert ausziehen dürfen. Und erst ab diesem Zeitpunkt verliere die Mutter auch mal die Geduld, die Tiere lernen dann sozusagen, was erlaubt ist und nicht. „Da ist es dann gut, andere Katzen zu haben, die sagen: Hey, so nicht. So läuft die Erziehung“, sagt Kassik und lacht.