Wernigerode l Rainer Schulze ist eigentlich Buchhändler in Wernigerode. Jetzt hat der 72-Jährige auch die Schlüsselgewalt über die denkmalgeschützte Liebfrauenkirche. Der 1762 vollendete Bau mit dem 1890 angedockten hohen Turm gehört der Kulturstiftung Wernigerode. Schulze hat sie 2006 privat gegründet. Er ist Vorsitzender. Die Kirchgemeinde St. Sylvestri und Liebfrauen in Wernigerode hatte Anfang des Jahres das Gotteshaus an seine Stiftung abgegeben. Für einen Euro. Für eine Vision. Die Kirche soll ein Konzerthaus werden.

Schulze dreht den Schlüssel im Schloss. Klack. Es geht hinein in einen hellen Raum mit Altar, Fürstenloge und Emporen. Eine gewölbte Holzdecke umfasst das Innere auf sanfte Weise. Der Wernigeröder gibt einen lauten Ton von sich. „Hören Sie das?“, fragt er lächelnd. „Die Akustik ist grandios, vergleichbar mit jener des Gewandhauses.“ Entsprechende Messungen hätten Bestwerte für Liebfrauen ergeben.

Eine Anspannung, dass es jetzt losgeht mit der Millioneninvestition und all den handwerklichen Arbeiten, ist Schulze nicht anzumerken. Der Stiftungschef ist die Ruhe in Person. Aber seine Freude, die verspürt man, wenn er am Modell zeigt, wie das Ganze einmal aussehen wird. Hier wird die Empore verkleinert, zeigt er, dort ist die Bühne geplant, davor der ansteigende Zuschauerraum. Die Orgel, 1883 erbaut vom bekannten Baumeister Wilhelm Sauer, weiterhin Eigentum der Kirchgemeinde, wird tiefer gesetzt.

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Kurz vor Weihnachten 2021 soll die Kirche wieder Menschen empfangen. Nicht zu Gottesdiensten, sondern zu Konzerten. Dann ist die Eröffnung geplant. 24 Monate sind Zeit. Der Plan ist sportlich, sagt Schulze. Das Fördergeld von der EU muss bis dahin verbaut sein.

„Wir würden gern auch schon früher einziehen“, meint Christian Fitzner mit einem Lächeln im Gesicht. Er weiß allzu gut um den kühnen Zeitplan. Aber der Chefdirigent des Philharmonischen Kammerorchesters Wernigerode zählt die Monate bis zum Glücksmoment. Er sitzt mit seinem Büro momentan nebenan in einem Fachwerkhaus. Die Verwaltung des Klangkörpers würde in die Liebfrauenkirche umziehen. Aber das ist nicht das Entscheidende. Das Wernigeröder Orchester hätte erstmals eine eigene Spielstätte.

Viele Diskussionen über Risiken

Das Projekt Konzertkirche ist nicht neu. Schon 2002, 2003, so erinnert sich Schulze, hatte die Idee erste Konturen angenommen. Da gab es die Stiftung noch gar nicht. Seitdem aber schlummerte das Vorhaben in Schubladen, bis 2017 ein Kulturerbe-Wettbewerb der EU aufgelegt wurde, an dem sich die Kulturstiftung beteiligte und sich im Januar 2018 auf der förderfähigen Projekte-Liste wiederfand. Die Vision war wieder da. Und mit ihr Unterstützer und Kritiker.

Der Stadtrat hatte zu entscheiden, weil ursprünglich eine Million an städtischem Haushaltsgeld zugeschossen werden sollte. Er lehnte ihm Mai 2018 mit einer Patt-Situation das Vorhaben höchst knapp ab. In den Ausschüssen war zuvor schon monatelang hitzig über Chancen und Risiken diskutiert worden. Befürworter und Gegner griffen sich scharf an. Es ging vor allem um die Finanzierbarkeit des Projekts, auch um die Unterstützung einer privaten Stiftung in Zeiten einer äußerst klammen Stadtkasse. Warum sollte ausgerechnet dieses Projekt Geld bekommen?

Zeitliche Aufschübe brachten das Vorhaben ins Wanken. Letztlich gab der Stadtrat im September vergangenen Jahres in einem Sitzungskrimi grünes Licht. Da hatte die Kulturstiftung den städtischen Anteil mit einer Reduzierung auf 480.000 Euro schmackhafter gemacht.

Anfang November nun überbrachte Kulturminister Rainer Robra den Förderbescheid über 3,6 Millionen Euro. Das Bauen kann beginnen.

Eine besondere Akustik

Die Kirche ist intakt, aber wer sie betritt, kann sich ein wenig ausmalen, was da an Arbeit zu bewältigen ist – und dass jede Menge Geld gebraucht wird. Das Gesamtbudget liegt bei 6,4 Millionen. Fürs Dach und die Fassade gibt es Geld aus dem Denkmalschutz-Programm. Die Stadt beteiligt sich an der Kofinanzierung.

Das Projekt ist mutig und ambitioniert – und wäre ohne das mühsame Sammeln von Spenden überhaupt nicht machbar. Die Ostdeutsche Sparkassenstiftung gibt großzügig. Wernigeröder Befürworter spenden seit vielen Monaten, auch über Benefizkonzerte und Projekte wie „Ein Stein für Liebfrauen“. Bis Ende Februar läuft eine Crowdfunding-Aktion.

Jetzt soll, muss es losgehen. Gestühl und Fußboden raus, Dach, Abwasser und Elektro neu. Im April sollen die Versorgungsleitungen fertig sein. Ein Anbau soll erfolgen mit Eingangsbereich, Haustechnik, Sanitäranlagen. Geplant ist auch ein klimatisierter Raum. Ein Flügel soll dort geschützt werden.

500 Plätze werden zwischen Altar und Loge Platz finden. Schulze erzählt am Modell, wie die Reihen nach oben ansteigen. Nicht nur der besseren Sicht wegen – der Klang soll von den Zuhörern genossen werden können. Er nennt die Akustik die eigentliche Anziehungskraft. Und das besondere Ambiente des Raumes natürlich. Freilich kennt der Stiftungschef die vor Jahren schon zum Veranstaltungshaus umgebaute Johanniskirche in Magdeburg. Deren Akustik wird bei Konzerten immer wieder bemängelt. Hoch und lang sei Johannis, sagt Schulze, Liebfrauen hingegen wie ein Schuhkarton.

Er verschließt die Tür wieder. Auf dem Weg zurück zu seiner Buchhandlung geht er an der „Galerie 1530“ und am Schiefen Haus vorbei, dem prägnanten Fachwerkgebäude hinter dem Rathaus. Dort gibt es ein Museum (Eintritt ein Euro) und Ausstellungsräume. Die Kulturstiftung ist Träger. „Wir kommen ohne städtischen Zuschuss aus“, sagt Schulze und schiebt in seiner besonnenen Art hinterher, dass die Stiftung das auch bei der Kulturkirche schaffe. Es sei alles gut durchgerechnet worden mit Konzerten durch Philharmonie und Gastensembles. Auslastungssorgen sieht Schulze nicht. Im weiten Umkreis gebe es schließlich kein vergleichbares Haus.

Zurück in seinem Geschäft kümmert er sich wieder um Liebfrauen – und um Ilsenburg. Ins dortige Schlossareal soll eine Galerie für Malerei und Grafik einziehen. Die Stiftung hat laut Schulze hunderte Zeichnungen und Ölgemälde aus dem Nachlass des spätromantischen Malerehepaares Elise und Georg-Heinrich Crola geschenkt bekommen. Für Schulze steht längst fest, dass die Arbeiten der Öffentlichkeit gezeigt werden. Der Name Crola gehöre schließlich zur Harzregion. Schulze sieht man die Freude an, wenn er über solche kulturellen Belebungen spricht. Und er sagt das so, als ob solche Vorhaben das Selbstverständlichste von der Welt wären.