Mauerfall

Wernigerode lag in der DDR?

Unterschiede zwischen Ost und West sind noch vorhanden, sollten aber nicht überbewertet werden.

08.11.2017, 23:01

Der Fall der Mauer ist fast so lange her, wie sie gestanden hat. Aber es wird noch einige Jahre dauern, bis sie nicht mehr zu spüren ist. Für viele Menschen war es eben eine traumatische Erfahrung, zuzusehen, wie sich danach ihr Leben auflöste: chancenlos auf dem Arbeitsmarkt, verunsichert. Selbst das private Umfeld formierte sich oft neu. Und so mancher hat nie wieder den Anschluss und die Sicherheit gefunden, die ihm die DDR zur Heimat werden ließen. Das sollte man respektieren.

Andererseits wird man nirgendwo auf der Welt so viele Menschen finden, die sich erfolgreich völlig neu aufgestellt haben, nachdem ihnen mitten im Leben der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Vor allem diese Leistung verdiente mehr Respekt im Westen, wo ein gewisser Hochmut dem Zusammenwachsen nicht zuträglich war. Ja, es gibt noch Unterschiede, aber man sollte sie nicht überbewerten. Natürlich sind viele junge Juristen oder Führungskräfte aus dem Westen, die nach dem Mauerfall das Vakuum in diesem Bereich füllten, noch immer da. Dass kann man wie Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, beklagen. Es kann aber auch als gewünschter Elitentransfer in ein Gebiet gewertet werden, das von 1939 bis 1989 und darüber hinaus viele kluge Köpfe verloren hat.

Man kann die Rentenanpassung fordern, sollte aber auch bedenken, dass der Rentner in Sachsen-Anhalt durchschnittlich mehr erhält als in Niedersachsen. Ja, Wirtschaftskraft und Löhne im Osten sind noch niedriger, aber die Lebensverhältnisse der Durchschnittsdeutschen in Ost und West unterscheiden sich kaum noch. Sicher wird es auch in 30 Jahren noch Ost-West-Unterschiede geben, wenn man dann immer noch West mit Ost vergleicht. Aber wie fragte unlängst ein junger, gebildeter Zuzügler in Magdeburg: „Ach, Wernigerode lag in der DDR?“