Magdeburg l Es ist der 28. Dezember 1978, ein Donnerstag. Auch in Magdeburg herrscht noch Tauwetter, als sich die Katastrophe anbahnt. Über der Ostsee prallen ein Hochdruckgebiet und ein Tiefdruckgebiet zusammen. Ein Kälteeinbruch beginnt. Die Temperaturen fallen binnen weniger Stunden rapide. Der Schneesturm schiebt sich langsam südwärts.

Kraftwerken fehlt vorübergehend die Braunkohle aus den Tagebauen. Nicht nur Weichen sind vereist, auch die Kohle ist in Waggons festgefroren und muss mühsam per Hand freigehackt werden. Förderbänder blockieren.

Führung außer Dienst

In der Volksstimme wird damals erst mit mehrtägiger Verzögerung über den Einsatz der Menschen im Kampf gegen die Folgen der Wetterkatastrophe berichtet.

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Dabei wird die Lage von Stunde zu Stunde schwieriger. Das Kraftwerk in Magdeburg-Rothensee zum Beispiel stammt aus dem Jahr 1932. Im Vergleich zu den Großkraftwerken der DDR ist es ein Zwerg, liefert nur einen Bruchteil an Leistung – und sollte übers Silvesterwochenende eigentlich in den Wartungsmodus gehen, nur in Teillast arbeiten. Aber das Rothenseer Kraftwerk ist wichtiger denn je, denn es ist nicht von der Braunkohle abhängig. Es wird mit Erdgas aus dem Förderrevier Salzwedel betrieben.

„Und draußen schneite es immer noch und die Quecksilbersäule fiel weiter“, heißt es in der Volksstimme von damals, minus 16 Grad Celsius werden vermerkt. „S-Bahn- und Eisenbahnfahrpläne waren völlig durcheinandergeraten, der Nahverkehr teilweise zusammengebrochen.“ Die Spätschicht des Rothenseer Kraftwerkes bereitet sich deshalb auf eine zweite Schicht vor.

20 Kilometer Fußmarsch

Niemand glaubt an eine Ablösung. „Aber die Frauen und Männer der Nachtschicht erschienen zur Arbeit. Zu Fuß, nach Märschen von 15, ja sogar 20 Kilometern durch Schnee und Kälte, aus Stadtrandgebieten und den Dörfern der Umgebung.“

In der Volksstimme wird auch Kritik laut. Einem Magdeburger Kraftwerker stieß „im doppelten Sinne des Wortes sauer auf, dass in der Nachtschicht zum Jahreswechsel nach langem Fußmarsch durch einen Polarwinter Heringssalat gereicht wurde, den man vorher drei Kilometer im Blecheimer durch die Kälte getragen hatte“. Auch von anderen Schauplätzen der Katastrophe wird vergleichsweise umfangreich berichtet. So erfahren die Leser über Störungen in der Wasserversorgung in den Städten Stendal, Osterburg, Kalbe (Milde), Elbingerode, Hasselfelde, Egeln und mehreren anderen Gemeinden. Es wurde sich mit Notstromaggregaten beholfen. In Magdeburg war die Gasversorgung für 4000 Haushalte im Wohngebiet Schilfbreite am 3./4. Januar zusammengebrochen.

Einige Kinderkrippen mussten wegen zu niedriger Raumtemperaturen schließen. Kinder aus dem Magdeburger Kinderheim „Erich Weinert“ wurden in eine Schule umquartiert. Aus dem Braunkohlentagebau Harbke wird über den Einsatz von Flammenwerfern und des Triebwerks eines MiG-Jagdflugzeuges berichtet, um die Gleise zu enteisen.

Auf die übliche Marschrichtung wird schon am 5. Januar eingeschwenkt. Mit „großer Entschlossenheit“ arbeiteten die Werktätigen an der Überwindung der Katastrophenfolgen, heißt es in der Volksstimme. Ziel ist nicht etwa die warme Wohnung, sondern „die erfolgreiche Fortführung des sozialistischen Wettbewerbs zu Ehren des 30. Jahrestages der DDR“.

Hier geht es zu einer ganz besonderen Liebesgeschichte, die im Chaoswinter 1978/79 ihren Anfang nahm.