Magdeburg/Gardelegen l Der Katastrophenwinter 1978/79 weckt jede Menge Erinnerungen. Als die DDR um den Jahreswechsel im Schnee versank, gab es aber nicht nur Schneesturm, meterhohe Verwehungen, Eispanzer, Stromausfälle und viele andere Entbehrungen. Für mindestens zwei Menschen war es zugleich "der beste Jahreswechsel aller Zeiten".

Silvesterparty bei Dunkelheit

"Kein Strom die ganze Nacht und Silvesterfeier bei Otto im Partykeller", schreibt Frank Palmdorf aus Weteritz bei Gardelegen weiter in seinem Kommentar bei Facebook. In dem sozialen Netzwerk hatte volksstimme.de aufgerufen, Erinnerungen zu posten und per Mail zu schreiben.  "Links und rechts je ein hübsches junges Mädel, überall Kerzenschein und eine heimelige, prickelnde Atmosphäre!" In dieser Nacht verlor "ich bei völliger Dunkelheit auch irgendwie (nicht nur) meine Brieftasche". Das war offenbar Frank Palmdorfs großes Glück, denn: "Eben diese wurde mir dann von einem der hübschen Mädels am nächsten Tag nach Hause gebracht. Nach 5 km Fußmarsch durch die eiskalte, verschneite Landschaft kam sie dann auch völlig erschöpft bei mir an", so Frank Palmdorf. "Ich habe auch schon viele Reaktionen erhalten", ergänzt der 58-Jährige später am Telefon.

Drei Jahre später wurde die junge Dame seine Frau. "Wir sind auch noch 35 Jahre später glücklich verheiratet, haben zwei wunderbare Kinder und drei wundervolle Enkelkinder", verrät Frank Palmdorf öffentlich bei Facebook. "Naturkatastrophen können eben auch manchmal Glück bringen."

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Die Reaktionen lassen bei Facebook nicht lange auf sich warten. "Was für eine wunderbare Geschichte. Weiterhin alles Gute für euch", schreibt nicht nur Nutzerin Heike Wiegand. Auch Frank Palmdorfs Sohn Marcel Palmdorf meldet sich zu Wort: "Gestern haben wir uns noch darüber unterhalten, wie sich unsere Eltern kennenlernten. Manchmal muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein." Und an seine Mutter gewandt, fügt er hinzu: "Dass du aber 5 Kilometer durch diesen meterhohen Schnee läufst, um Papas Brieftasche zurückzubringen, spricht schon für dich. Vielleicht wäre ich ohne die Schusseligkeit von Papa un deiner Gutmütigkeit nicht hier und könnte diesen Kommentar verfassen. Das hört sich für mich persönlich nach witterungsbedingtem Schicksal an."

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Die Mutter, als "Ren Ate" ebenfalls bei Facebook, bleibt gelassen: "Das ist ja ein Zufall. Ja, lange ist (es) her. Manchmal fragt man sich, wo die Jahre geblieben sind." 

Frau war im Winter hochschwanger

Auch andere User erzählen auf der Volksstimme-Facebook-Seite ihre Geschichte vom Chaoswinter 1978/79. "Meine Frau war hochschwanger und ich sollte zum Reservedienst eingezogen werden", erinnert sich Rüdiger Schaper. "Das war ein Akt, das abzulehnen. Wir wohnten im 5. Stock mit Ofenheizung." Rüdiger Schaper musste jeden Tag Kohlen schleppen, "damit die Bude warm bleibt".

"Meine Mutti und ich waren in Kyritz eingeschneit", schreibt sich Annerose Helmholdt. "Silvester wollten wir eigentlich zu Hause feiern, aber da kamen wir erst im Januar an, die Schule hatte schon begonnen."

Busse fuhren nicht

Angelika Anderfuhr hat am 27. Dezember 1978 in Elbingerode geheiratet - "mit viel Schnee". Am 29. Dezember ging es zurück nach Wittenberg. "Nachfeier und Silvester waren Bombe", so die Userin bei Facebook. "Teilweise ohne Strom, dafür 'ne Kuhglocke mit Strippe als Klingel." Anfang Januar seien noch keine Busse gefahren, "so dass wir nicht auf Arbeit kamen".

Mit Schneeketten nach Halberstadt

"War schon ein Hammer", erinnert sich Karl-Heinz Diezel. "Abfahrt in Halberstadt am 29. Dezember, ca. 14 Uhr, bei +12 Grad Celsius, Ankunft Berlin ca. 20 Uhr bei -12 Grad und Schnee ohne Ende." "Dank meiner Weitsicht besaß ich Schneeketten und bin am 3. Januar wohlbehalten wieder in Halberstadt angekommen."

Nur ein Trampelfpfad im Schnee

"Ich war 12 und die Schule fiel nach Neujahr erst mal aus", weiß Martina Lucke noch ganz genau. "Wir kamen nur über einen Trampelpfad aus dem Dorf raus. Die LPG war der Winterdienst mit Schneepflug. Wir haben unseren Hof soweit freigeschaufelt, dass Papa mit dem Trecker drauf kam."

Haben auch Sie noch eine Erinnerung an den Chaoswinter 1978/79, die Sie mit anderen teilen wollen, oder sogar noch Fotos? Dann her damit - am besten per Mail an online@volksstimme.de.