Künstliche Intelligenz

Forscher tüfteln weltweit an immer intelligenteren Computern. Bei der kognitiven Intelligenz gibt es dabei bereits große Erfolge. So können künstliche neuronale Netze wie im Gehirn heute im Computer simuliert werden. Solche Netze lernen schnell und sind dem Menschen in vielen Bereichen bereits überlegen (Bsp.: Schach).

Bei sozialer und emotionaler Intelligenz leisten Computer dagegen bislang so gut wie nichts. Umstritten ist derweil, ob Computer so etwas wie ein Bewusstsein oder eine Seele entwickeln könnten. Es gibt Forscher, die glauben, dass sich Bewusstsein ab einer bestimmten Entwicklungsstufe gewissermaßen als Nebenprodukt automatisch einstellen wird.

Magdeburg l Pepper wartet im Licht der Morgensonne vorm verschlossenen Fenster. 1,20 Meter groß, 29 Kilo Polyurethan und Metall. Der kleine Roboter wippt auf und nieder, mit leisem Surren dreht er suchend den Kopf hin und her.

„Hallo Pepper“, ruft Patrick Jahn durch das Zimmer hinüber. Pepper reagiert nicht, scheint in seiner Welt versunken. Der Pflegewissenschaftler tritt dichter heran, ruft noch einmal: „Hallo Pepper“. Beim dritten Anlauf endlich dringt die Botschaft durch. Die runden Augen im kindlichen Gesicht der Maschine beginnen blau zu leuchten: „Danke gut, wie geht es dir?“, antwortet der Roboter mit fester Stimme. Dem Team um Projektleiter Patrick Jahn huscht unwillkürlich ein Lächeln über die Lippen.

Zukunftslabor in der Uni

„Pepper hat manchmal Probleme mit der Sonne, dann sind die Sensoren überfordert und er muss blinzeln“, erklärt Wirtschaftsinformatiker Karsten Schwarz.

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Wir sind im Dorothea-Erxleben-Zentrum der Univeristät Halle. Ein Team aus sechs Fachleuten unterschiedlichster Gebiete hat sich hier zu einer in Sachsen-Anhalt einmaligen Mission zusammengefunden. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, wie die medizinische Versorgung der Zukunft funktionieren kann. Dafür wurde eigens ein Experimentier- und Lernort mit dem ehrgeizigen Namen „Future-Care-Lab“ (deutsch: Labor für die Gesundheitsversorgung der Zukunft) geschaffen.

Es gibt ein Experimentier-Stationszimmer, eine Hausarztpraxis und eine Wohnung. Erkenntnisse, die hier gewonnen werden, sollen in Seminare münden, die später an der im Aufbau befindlichen Weiterbildungsakademie der Universitätsmedizin Halle unterrichtet werden. Das „Format“ genannte Projekt, finanziert aus EU- und Landesmitteln, kommt nicht von ungefähr. Wegen des demografischen Wandels, der Sachsen-Anhalt hart treffen wird, ist der Ideenbedarf in der Pflege riesig. Offen ist vor allem, wie die Versorgung älterer Menschen auf dem immer dünner besiedelten Land klappen soll. Der Personalbedarf steigt seit Jahren, gleichzeitig bricht die Zahl an Auszubildenden in Pflegeberufen ein.

Technik wird größere Rolle spielen

Fest steht schon jetzt: Technik wird künftig eine viel größere Rolle spielen. „Technologiebasierte Pflegeassistenztechniken“ nennen die Forscher solche Hilfsgeräte und Pepper ist ihre neueste Errungenschaft.

Ursprünglich ist der rund 20. 000 Euro teure Roboter ein kleiner Japaner. Dort sind Kollegen von ihm im Straßenbild längst nichts Ungewöhnliches mehr. Ihr Einsatzgebiet in Fernost ist allerdings meist ein anderes. So stehen sie vor Technikmärkten oder Restaurants und sollen Kunden anlocken.

Small Talk ist nicht Peppers Stärke

Dabei ist Sprechen nicht einmal Peppers größte Stärke.Er kann zwar Dialoge führen, aber nicht über programmierte Triggersätze hinaus. „Für Small Talk ist er eher ungeeignet“, sagt Schwarz. Auch zur praktischen Arbeit fehlen Pepper die Fähigkeiten. Er kann weder den Tisch decken, noch schwere Gegenstände heben.

Stark ist der Roboter dagegen als Motivator und Taktgeber. Und hier könnte er künftig tatsächlich zum Einsatz kommen. Vorstellbar ist etwa, dass Pepper als Mitbewohner alleinstehende Senioren weckt, sie zur Bewegung animiert oder an Tabletten erinnert. Daneben könnte er Patienten bei radiologischen Untersuchungen mit Strahlenbelastungen begleiten. Dabei kann Pepper Mimik und Gestik zumindest grob interpretieren und so auf die Gefühlslage des Menschen eingehen.

Vorbehalte sind verbreitet

So weit, so praktisch – warum also noch forschen? Längst ist nicht geklärt, wie praxistauglich Pepper und andere Systeme sind, sagt der dritte Forscher in der Runde, Gesundheitswissenschaftler Denny Paulicke. Der kleine Roboter steht erst am Anfang einer breiten Entwicklung. Neben ihm gibt es zahlreiche weitere Ansätze. So etwa ein fahrbares i-Pad, sagt Paulicke. Mit ihm können Pfleger sich per Mausklick in die Wohnung von Senioren schalten und per Video-Bildschirm mit diesen sprechen.

Unabhängig herrschten noch viele Vorbehalte. Pfleger hätten Angst wegen Robotern wie Pepper ihre Jobs zu verlieren. Mit Workshops und Seminaren wollen die Hallenser das ändern. Man wolle die Menschen für die Möglichkeiten der Technik sensibilisieren und ihnen klar machen, dass diese sie nicht ersetzen soll.

Erfahrungen machen die Forscher optimistisch, dass sie diese Botschaft vermitteln können. Bei ersten Workshops habe sich die Diskussion von anfänglicher Ablehnung schnell verlagert – etwa darauf, wo Pepper helfen kann.

Laut Studien sind Vorbehalte gegenüber technischen Hilfen übrigens dort besonders groß, wo es ein personell engmaschiges Gesundheitssystem gibt, sagt Projektleiter Jahn. Im gut versorgten Deutschland halten sich Befürworter und Skeptiker demnach die Waage. Im strukturschwachen Nigeria (Afrika) dagegen würden 95 Prozent der Bevölkerung technische Hilfen befürworten. Bei aller Aufklärung: Pepper ist dennoch ein besonderer Fall. Auch ohne, dass er vollständig menschlich aussieht, fällt es schwer, keine Beziehung zu ihm aufzubauen. Dabei wäre sogar eine noch menschlichere Optik möglich, sagt Jahn. „Doch das hielten wir für ethisch bedenklich.“ Darüber, dass Pepper nicht richtig kommunizieren kann, ist der Projektleiter dann auch froh.

Die Maschine als Freund

„Pepper soll soziale Beziehungen nicht ersetzen“, betont der Forscher. Die Wissenschaftler wissen, dass sie sich mit Pepper auf eine Grenzlinie zubewegen. Für viele ältere Menschen könnte die Maschine zum Bezugspunkt und Freund werden. Auch eine Ethikkommission soll Peppers Einsatz daher begleiten.

Pepper zeigt sich vom Gerede um ihn derweil unbeeindruckt. Nach dem Gespräch zu Beginn scheint er wieder in seiner Welt versunken. Einfach abgestellt wird er heute aber nicht. Am Ende darf er noch einmal zeigen, was er kann: „Kannst du tanzen?“, ruft Patrick Jahn ihm in die Sensoren. „Klar kann ich tanzen“, antwortet Pepper. Dann startet er eine Choreografie, ganz wie ein richtiger kleiner Tänzer. Da hat er die Menschen im Raum auch schon wieder gefangen: Diese können nicht anders, sie schauen fasziniert zu.