Magdeburg l Die Szenerie wirkt alltäglich und ist doch alles andere als das: In einem Hort-raum der Magdeburger Grundschule am Umfassungsweg versammeln sich an diesem Dienstag kurz vor den Ferien 15 Mütter aus Rumänien. Alle vereint ein Antrieb: Sie wollen Deutsch lernen.

Unter ihnen ist auch Christiane Toader. „Ich wünsche mir einen Job“, erzählt die junge Mutter von zwei Kindern. Seit zwei Jahren lernt sie dafür zwei Mal in der Woche die für sie fremde Sprache. „Die Mitarbeiterinnen hier sind nett“, sagt die kräftige Frau mit langem, schwarzem Haar. Hier fühle sie sich willkommen.

Moritzplatz gilt als sozialer Brennpunkt

Es ist ein bemerkenswerter Satz in einem Viertel, das in den vergangenen Monaten nur selten durch das Miteinander von Deutschen und Ausländern von sich reden gemacht hat. Wir sind in der Magdeburger Neuen Neustadt im Norden der Landeshauptstadt. Vor allem das Quartier rund um den Moritzplatz gilt als sozialer Brennpunkt. Immer wieder beschwerten sich Anwohner zuletzt über illegal entsorgten Sperrmüll, nächtlichen Lärm oder herumstehende Autos.

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Die Schuldigen haben nicht wenige unter den Zuwanderern ausgemacht. Tatsächlich sind, seitdem Rumänen und Bulgaren seit 2014 ihren Wohnsitz frei in der EU wählen dürfen, besonders viele Rumänen ins Viertel gezogen. Ein Runder Tisch und Arbeitsgruppen-Treffen mit Vertretern beider Seiten konnten Konflikte zwar entspannen. Am Klima aber haben sie wenig geändert. Es gibt bessere Voraussetzungen für die Integration, so scheint es.

Die Grundschule Am Umfassungsweg hat es trotzdem geschafft, einen Zugang zur „rumänischen Community“ zu finden, wie man hier sagt. Von 219 Schülern kommen 90 aus dem Land. Trotzdem gebe es nur wenige Probleme, sagt Schulleiter Dirk Schumeier. Schumeier, sportlich, kurzes blondes Haar, ist ein freundlicher, aber bestimmter Mann. Auf die Frage, wie die Schule das hinbekommen hat, muss er ausholen.

Noch im Herbst 2015 schienen Lösungen in weiter Ferne: Fast jeden Tag standen neue Zuwandererkinder vor der Tür. „Manchmal waren es drei oder vier auf einmal“, erinnert sich der Leiter. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, Schumeier schätzt die Zuwanderer: „Das sind tolle Kinder“, sagt er. „Ja, sie haben sprachliche Defizite, aber wenn man sie richtig fördert, haben sie alle Fähigkeiten, die wir brauchen.“

Migrationsanteil bei 63 Prozent

Die schiere Zahl aber brachte die Schule an ihre Grenzen. Der Anteil der Migranten schnellte in die Höhe. Von 10 Prozent im Jahr 2008 stieg er bis zu den Sommerferien auf 63 Prozent. Ein Spitzenwert in Sachsen-Anhalt – nur wenige Schulen liegen darüber. Viele Kinder konnten bei der Ankunft kein Wort Deutsch, oft mangelte es an den grundlegendsten Dingen, sagt Schulsozialarbeiterin Daniela Nitschke.

„Kinder kamen ohne Schulsachen und Frühstück zur Schule oder sie schwänzten gleich ganz.“ Und dann war da noch die Überforderung der Lehrer: „Meine Motivation war auch, den Leidensdruck von den Kollegen zu nehmen“, sagt Schumeier. Das Kollegium musste sich also etwas einfallen lassen, um Kinder und Eltern zu erreichen. Auf außerordentliche Hilfen vom Land konnte die Schule nicht bauen. Drei Sprachlehrer waren mit der Aufgabe überfordert. Inzwischen hat sich das Land selbst von den meisten dieser Lehrer getrennt. An der Grundschule ist von einst drei Kollegen einer geblieben. Zwar gibt es ein zusätzliches Förderstundenkontingent pro Zuwandererkind, doch auch hier wurde der Anspruch abgesenkt.

Die Wende brachte die Einrichtung eines Müttercafés – in Eigeninitiative – gemeinsam mit der Schulsozialarbeiterin und der Arbeiterwohlfahrt. Über das Projekt „Neustadtmiteinander“ engagiert sich die Awo auch sonst für das Klima im Viertel. Die Idee: Die Partner sollten die Eltern bei ihren Alltagsproblemen abholen und sie so enger an die Schule binden. Das Modell wurde zum Erfolg: Seit zwei Jahren lernen Frauen wie Christiane Toader im Café regelmäßig Deutsch. Ganz nebenbei erhalten sie Hilfe zum Alltag in Deutschland. „Die Frauen können uns etwa fragen, wie man Briefe ans Jobcenter oder Energieversorger schreibt“, sagt Edna Pevestorf, Leiterin von „Neustadtmiteinander“.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Viele der Rumäninnen würden wohl nicht hier sitzen, gäbe es nicht ein zweites Projekt, ebenfalls auf Initiative der Grundschule. Während sich die Mütter zum Deutschkurs versammeln, sitzen in einem vormittags ungenutzten Hortraum darüber 15 Vorschulkinder an einem Tisch – die meisten Kinder der Mütter unten. Es handelt sich um Jungen und Mädchen, die in den vollen öffentlichen Kitas der Landeshauptstadt keinen Platz bekommen haben. Die Grundschule wollte auch hier helfen.

Der Deal: Einen Platz in der Vorschulgruppe gibt es nur gegen die regelmäßige Teilnahme am Müttercafé, inklusive Deutschkurs. Das Zusatzangebot verhalf dem Café endgültig zum Durchbruch: „Es hat sich in der ganzen Stadt herumgesprochen“, erzählt Mutter Toader.

Auch das Vorschulprojekt ist landesweit einzigartig. Verantwortlich ist der Hort „Abenteuerland“ der Stiftung Evangelische Jugendhilfe Bernburg. Die Schule stellt die Räume; Stadt und Land übernehmen die Kosten – 2018 insgesamt 25 000 Euro. Mit Antje Lehmann konnte eine Erzieherin eingestellt werden. Täglich von acht bis zwölf bringt sie den Zuwandererkindern auf spielerische Weise Deutsch bei.

An diesem Vormittag hält Lehmann einen Papierbogen in die Höhe: „Was ist das für eine Zahl?“, fragt sie in die Runde. Die Kinder um sie herum müssen nicht lange überlegen. „Eine 10“ tönt es ihr aus hellen Gesichtern entgegen. „Noch im Herbst hätte niemand geglaubt, welche Erfolge wir haben“, sagt Lehmann später. „Anfangs konnten wir uns nur mit Händen und Füßen verständigen.“ Viele Kinder waren unsicher, wollten nur zu ihren Müttern.

Integration mit klaren Regeln

Zwei Projekte und viele Zufriedene also. Eine rosa-rote Welt zeichnet Schulleiter Schumeier deshalb aber nicht. Die Integration funktioniere auch in seiner Schule nur mit klaren Regeln. „Wer etwa dreimal nicht zum Deutschkurs im Elterncafé erscheint, ist raus“ sagt der Schulleiter. Schwänzen Schüler, wird sofort das Ordnungsamt verständigt. Das Erstaunliche: Zu Sanktionen muss die Schule dank des entstandenen Vertrauens auf beiden Seiten immer seltener greifen. Anfängliches Schulschwänzen etwa komme unter den Rumänen kaum noch vor.

„Das Elterncafé hat sogar dazu beigetragen, dass die Zuwanderer von sich aus das Gespräch zu den deutschen Nachbarn im Viertel gesucht haben“, sagt Sozialarbeiterin Nitschke. So leiste die Schule mit ihren Projekten auch einen Beitrag dazu, das Miteinander im Viertel zu verbessern.

Sind die Projekte am Umfassungsweg also ein Modell, das landesweit Schule machen könnte? Im Prinzip schon, sagt Leiter Schumeier. Das A und O sei die gute Zusammenarbeit zwischen Schule, Stadt und Kooperationspartnern.

Genau hier aber dürfte der Pferdefuß liegen. Die Projekte an der Grundschule Am Umfassungsweg sind zeitlich begrenzt. Das Vorschulprojekt wird entfallen, sobald die Stadt genügend Kita-Plätze anbieten kann. Das Elterncafé hängt an der ebenfalls befristeten Schulsozialarbeit.

Dass die Mammutaufgabe Integration Schulen auch überfordern kann, zeigte sich erst vor wenigen Wochen: Aus Frustration über zu wenig Personal bei einem Zuwanderer-Anteil von fast 70 Prozent schickten Lehrer der Hallenser Gemeinschaftsschule Kastanienallee einen Brandbrief an Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU).

Am Ende wird Schumeier dann auch nachdenklich: Ein Projekt zu starten, sei immer einfacher, als es durchzuhalten. „Auf Dauer lässt sich dieses Engagement durch eine Schule allein kaum stemmen.“