Wielun l Die meisten Menschen in der polnischen Kleinstadt Wielun überraschte der Kriegsbeginn im Schlaf. Niemand konnte mit einem Angriff auf ihre Stadt rechnen. Eine Kriegserklärung war noch nicht ausgesprochen. Noch bevor Hitler mit der Lüge „Seit 5:45 Uhr wird zurückgeschossen“ den grausamsten aller bisherigen Kriege eröffnete, flogen gegen 4.40 Uhr 29 Stukas Angriffe auf die Stadt unweit der Grenze zu Deutschland. Drei Angriffe sollten es werden, in deren Folge über 1000 Menschen der 16.000-Einwohner-Stadt ihr Leben verloren und 70 Prozent der Stadt in ein Trümmerfeld verwandelt wurden.

Krankenhaus Wielun völlig zerstört

Der erste Luftangriff galt dem Wieluner Krankenhaus. Es wurde völlig zerstört. Die ersten der später 60 Millionen Menschen starben in dem Hospital. Der Überfall auf Wielun sollte das erste von unzähligen Kriegsverbrechen der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg sein. „Mit dem Angriff auf Wielun wurde ein Tabu gebrochen“, weiß der Direktor des Wieluner Museums, Jan Ksiazek. „Es war ein Bruch der Genfer Kriegskonvention, die das Deutsche Reich 1906 ratifiziert hatte.“ 1864 war dieser Vertrag geschlossen worden, um kampfunfähige Personen wie Kranke und Verletzte zu schützen. Der erste Angriff des Zweiten Weltkriegs aber galt ausgerechnet einem Krankenhaus, einer Kirche, einer Synagoge.

80 Jahre liegt der Angriff auf Wielun zurück, und 2019 wird an dieses Ereignis mit einem Staatsakt erinnert. Der polnische Staatspräsident Andrzej Duda wird in die Kleinstadt zwischen Wroclaw und Lodz reisen; sein deutscher Amtskollege Frank-Walter Steinmeier wird ebenfalls dort sein.

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Osterburger in Wielun

Auch der Osterburger Bürgermeister Nico Schulz und eine Schülergruppe vom Osterburger Gymnasium nehmen am Gedenken teil. Osterburg und Wielun verbindet eine intensive Partnerschaft. „Diese Partnerschaft hat sich über viele Jahre entwickelt“, erzählt Nico Schulz. „Der Kontakt kam über die Handballmannschaften ASG Osterburg und MS Wielun zustande, die sich 1970 bei einem Turnier kennengelernt haben. Dort sind viele Freundschaften entstanden, und es wurden immer wieder Spiele organisiert.“

Der CDU-Politiker erzählt, dass sich die freundschaftlichen Beziehungen ausgeweitet haben. Das Gymnasium von Osterburg und das Lyzeum in Wielun arbeiten eng zusammen. Regelmäßig finden Schüleraustausche statt, die Jugendfeuerwehren organisieren gemeinsame Camps, zu den Stadtfesten besucht man sich gegenseitig, und bei Osterburger Festen tritt immer eine Schülerband aus der polnischen Partnerstadt auf. Schließlich wurde am 3. Oktober 2000 die offizielle Städtepartnerschaft zwischen beiden Orten besiegelt. „Es ist eine sehr lebendige Partnerschaft“, versichert Nico Schulz. „Weil sie sich von unten entwickelt hat und nicht übergestülpt wurde.“ Es ist ihm wichtig, zum Weltkriegsgedenken nach Wielun zu fahren, eine Herzensangelegenheit. Wie jedes Jahr.

Erst seit der Jahrtausendwende ist diese erste Attacke auf polnische Ziele wieder ins Bewusstsein gerückt. „Wielun war das erste Opfer in diesem zerstörerischen Krieg“, beteuert Pawel Okrasa. „Aber es geht uns nicht um die Minuten, sondern darum, dass hier ein Krieg ausbrach und dass es ausschließlich zivile Zeile gab. Militärische Einrichtungen oder Verteidigungsanlagen existierten hier nicht!“

Gedenklauf zur Erinnerung

Seitdem Pawel Okrasa vor fünf Jahren als Bürgermeister ins Wieluner Rathaus eingezogen ist, wird an die Ereignisse mit einem Gedenklauf erinnert. „Der Lauf beginnt in Opole“, berichtet der Bürgermeister, „dort starteten in den frühen Morgenstunden des 1. September die Stukas“. Die 29 Sturzkampfbomber vom Stuka-Geschwader 76 und dem Stuka-Geschwader 2 Immelmann werden symbolisiert durch 29 Läufer, die die 92 Kilometer bis Wielun mit einer Fackel zurücklegen. Unter ihnen ist auch Pawel Okrasa. Sein Amtskollege aus Osterburg hat die Fackel in den zurückliegenden Jahren mehrfach getragen. Schüler aus Osterburg werden wie schon in den Vorjahren auch diesmal mit dabei sein. „Eine tolle Idee, um an die Ereignisse von damals zu erinnern“, findet Nico Schulz.

Noch immer gilt der Angriff auf die Westernplatte als Beginn des Zweiten Weltkriegs. „Dabei war der Angriff auf Wielun die erste militärische Handlung, auch wenn es die große Politik bis heute anders sieht. Wielun organisiert die Gedenkveranstaltung, um ins Bewusstsein zu rücken, dass der Krieg dort begann“, sagt Nico Schulz. „Es findet tatsächlich von Jahr zu Jahr mehr Anerkennung. Im vorigen Jahr war erstmals der polnische Staatspräsident dort.“

Weshalb Wielun? Historiker streiten darüber

Warum ausgerechnet das kleine Wielun das erste Opfer des Zweiten Weltkrieges wurde, darüber streiten Historiker bis heute. In Wielun seien am Tag vor dem Angriff polnische Kavalleristen ausgemacht worden. Die Wehrmacht habe militärische Ziele ausschalten wollen, die aber wegen Nebels verfehlt wurden, so sagen die einen. Andere beteuern, dass in den Einsatzberichten des Stuka-Geschwaders keine Feindbeobachtung verzeichnet war. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass in Wielun die Schlagkraft der deutschen Luftwaffe unter dem Kommando Wolfram von Richthofens getestet werden sollte.

„Wir haben bis heute keine endgültige Antwort“, gesteht Historiker Jan Ksiazek. „Ich denke, es war Teil des Plans, Polen mit einem Blitzkrieg zu überfallen. Unsere Stadt lag damals nur 16 Kilometer von der Grenze entfernt. Möglicherweise hat man Wielun zerstört, um den Weg für die Fußtruppen zu bereiten und unbenutzbar zu machen für polnisches Militär.“ Es ist eine Theorie, die Jan Ksiazek favorisiert.

Der Historiker Tadeusz Olejnik erfuhr in Gesprächen mit Zeitzeugen, dass viele Wieluner das Heulen der Sirenen für einen Probealarm hielten. Erst als die Bomber am Himmel auftauchten, änderte sich das. Menschen liefen auf die Straße, wurden aus den niedrig fliegenden Stukas mit einem Kugelregen aus Bordgewehren niedergemetzelt. „Sie flogen so niedrig, dass sie die Leute, die sie erschossen haben, sehen konnten“, weiß Jan Ksiazek. Andere flohen in die Keller; Hunderte erstickten unter den Trümmern ihrer Häuser.

Deutscher Pilot aus Wielun

Niemand konnte damals ahnen, wie brutal dieser Krieg werden würde. „Es gab Ältere, die sich an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 erinnerten“, berichtet Pawel Okrasa. „Damals gab es einige Kämpfe um Wielun. Aber eine Regel besagte, dass ein Krieg die Rechte der Zivilbevölkerung nicht berührt. Man konnte sich bis zum 1. September nicht im Entferntesten vorstellen, dass jemand eine Stadt ohne Verteidigung angreift.“ In Wielun lebten damals auch viele Juden und einige Deutsche. Einer der Piloten, die den Angriff flogen, war in Wielun aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. „Er kannte die Stadt sehr gut und wusste, was und wen er angriff“, weiß Jan Ksiazek.

Wielun ist eine kleine Stadt mit großen Plänen, in der noch Narben des Krieges zu sehen sind. Der Gedenklauf ist nicht die einzige Idee von Bürgermeister Pawel Orkrasa, für den Wielun eine Stadt der Versöhnung ist. Den Turm der zerstörten Kirche will er wieder aufbauen. Die erhaltenen Grundmauern mahnen inmitten der Stadt, und eine Tafel erzählt, dass das Gotteshaus bei einem dieser ersten Angriffe am 1. September 1939 zerstört wurde. „Im übertragenen Sinne zeigen wir damit, dass man auf Trümmern etwas Neues aufbauen kann. Das liegt mir sehr am Herzen. Wir dürfen in Europa nicht gegeneinander kämpfen, sondern müssen an einem Strang ziehen.“ In dem Turm soll eine Friedensglocke schlagen. Das ist die Vision des parteilosen Stadtoberhaupts. Die Glocke gibt es bereits. Sie wird Sonntag in Wielun zum ersten Mal schlagen.