Magdeburg (dpa/sa) - Erst vor wenigen Wochen wurden die Lotto-Chefs in Sachsen-Anhalt wegen Verfehlungen im Umgang mit Großspielern abgesetzt, doch der Ärger hört für das Duo nicht auf. Die Glücksspielaufsicht des Innenministeriums hält das Agieren der früheren Geschäftsführer teilweise für ordnungswidrig und will ein entsprechendes Verfahren einleiten. Das geht aus einem Prüfbericht der Behörde hervor, welcher der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Die Lotto-Führung habe das Ministerium als Glücksspielaufsicht zu keinem Zeitpunkt vollständig über verdächtige Großspieler bei der Sportwette Oddset in einem Lotto-Laden in Zerbst informiert, heißt es darin zur Begründung. Dazu sei Lotto Sachsen-Anhalt (LTSA) aufgrund der Bestimmungen der Sportwetten-Konzession jedoch verpflichtet. "Es besteht bei den hier zu betrachtenden Ereignissen keine Holschuld der Glücksspielaufsicht, sondern eine Bringschuld der LTSA."

Das angekündigte Verfahren könnte sich auf die anstehenden Gespräche auswirken, in denen das Land mit den abberufenen Lotto-Chefs Abfindungen verhandeln muss. Sie waren im Sommer freigestellt und Mitte September mit sofortiger Wirkung endgültig abberufen worden. Aufsichtsratschef Thomas Webel (CDU) hatte das mit mehreren Verfehlungen begründet, vor allem aber mit der unzureichenden Unterrichtung der Aufsichtsgremien. Finanzstaatssekretär Rüdiger Malter sprach von verlorenem Vertrauen.

Offiziell laufen die Verträge noch bis Ende 2022. Wie hoch die Abfindungen ausfallen könnten, ist offen. Derzeit führt ein Experte des Finanzministeriums übergangsweise die landeseigene Gesellschaft, zeitnah soll ein Nachfolger gefunden werden.

Die aktuellen Entwicklungen und die Folgen eines Verfahrens durch die Glücksspielaufsicht wollte das Finanzministerium am Freitag nicht kommentieren. Auch die Lotto-Gesellschaft äußerte sich dazu nicht. Eine Sprecherin teilte lediglich mit, dass eine interne Arbeitsgruppe derzeit die Prüfberichte bewerte und dem Aufsichtsrat im Ergebnis neue Maßnahmen vorschlagen werde.

Bei den vielfach kritisierten Vorgängen geht es um neun Großspieler, die vor allem in einem Lotto-Laden in Zerbst seit 2017 über mehrere Jahre hohe Gewinne erzielen konnten, weil unter anderem das Spiellimit mit Genehmigung von Landes-Lotto erhöht wurde.

Prüfberichten zufolge stieg in dem Laden der wöchentliche Umsatz mit Sportwetten im Jahr 2017 von rund 300 auf 10 000 Euro an, kurz nachdem die Inhaberin gewechselt hatte. Im Jahr 2018 wurden mit einer Kundenkarte 1,35 Millionen Euro verwettet, mit denen 1,53 Millionen Euro gewonnen wurden.

Die Geschäftsführung informierte zwar die Geldwäschestelle, nicht jedoch die zuständigen Behörden und Gremien in Sachsen-Anhalt. Zu diesem Ergebnis kommt neben der Glücksspielaufsicht auch ein interner Bericht, den Lotto bei einer großen Unternehmensberatung in Auftrag gegeben hatte: "Der Berichtspflicht an den Aufsichtsrat wurde unserer Auffassung nach nicht in angemessenem Umfang beschlossen."

Die Vorgänge im Zerbster Lotto-Laden sorgen seit Längerem für Diskussionen. Im Magdeburger Landtag arbeitet ein Untersuchungsausschuss mögliche Verfehlungen auf. Neben der Glücksspielaufsicht prüften auch der Landesrechnungshof und eine großes Beratungsunternehmen die Vorgänge. Ende Januar wurde dem Zerbster Laden auf Anweisung des Finanzministeriums die Lotto-Zulassung entzogen. Die Großspieler wurden teilweise gesperrt oder traten wenig später nicht mehr in Erscheinung.

Die Prüfberichte werden eine Grundlage für die weiteren Beratungen im U-Ausschuss, sagte der Chef des Gremiums, Andreas Steppuhn (SPD), der Deutschen Presse-Agentur auf Nachfrage. Sie bestätigten Versäumnisse, die auch der U-Ausschuss in seiner Arbeit bereits sichtbar gemacht habe. Dabei hätten sich die Vorwürfe, wegen denen der Ausschuss von der AfD mit Minderheitenrecht eingesetzt wurde, nicht bestätigt.

Hintergrund der hohen Spieleinsätze seien weder Geldwäsche noch Spielmanipulationen gewesen, sondern organisiertes gemeinschaftliches Tippen. Stattdessen seien Verfehlungen der Geschäftsführung zutage getreten.

So schreibt es auch die Glücksspielaufsicht des Innenministeriums in ihrem 40-seitigen Bericht: Mit Blick auf mögliche Geldwäsche sei Lotto seinen Pflichten nachgekommen und habe die Geldwäschestellen informiert. Dass die landeseigene Gesellschaft dort nie nachgefragt habe, wie die Ermittlungen zu den verdächtigen Kunden weitergingen, könne ihnen mangels entsprechender Vorschriften nicht vorgeworfen werden. Die Staatsanwaltschaft Halle stellte laut Bericht im August dieses Jahres alle Verfahren wegen möglicher Spielmanipulationen ein.