Halle (dpa/sa) - Ein Jahr nach dem rechtsextremen und antisemitischen Terroranschlag wird in Halle mit zahlreichen Veranstaltungen und Gesten der Opfer gedacht. Auf dem Marktplatz versammelten sich am Freitagmittag Hunderte Menschen und hielten von 12.01 Uhr an schweigend inne. Viele hielten sich an den Händen oder hatten Tränen in den Augen. Zeitgleich läuteten die Kirchenglocken in der Stadt. Damit erinnerte Halle an den Zeitpunkt, an dem am 9. Oktober 2019 der Anschlag begann. Bereits in den Morgenstunden hatten Passanten Blumen an den Tatorten abgelegt.

Am Hauptbahnhof malten Vertreter des Landesnetzwerks der Migrantenorganisationen (Lamsa) erste Strichmännchen aus Kreide auf den Boden. Aus den Kreidezeichnungen soll als Zeichen der Solidarität eine gemalte, kilometerlange Menschenkette durch die Innenstadt werden, wie Lamsa-Chef Mamad Mohamad zum Auftakt sagte. "Jeder kann mitmachen." Bis in die Mittagsstunden folgten zahlreiche Menschen dem Aufruf und verlängerten mit bunten Kreidemännchen die Kette.

Der Anschlag in Halle habe "faktisch alles verändert", sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) am Freitag dem Sender MDR Aktuell. Es würden Maßnahmen ergriffen, damit eine solche Tat "nie wieder" vorkommt. Die Landesregierung habe unter anderem eine Studie in Auftrag gegeben, um die Ursachen des Antisemitismus in Sachsen-Anhalt zu analysieren.

Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand sprach davon, dass der Anschlag eine Wunde geschlagen habe, die als Narbe bleibe. "Diese Narbe sollten wir nicht verstecken: Sie mahnt uns, erinnert uns daran, wie verletzlich unsere Gesellschaft ist", so der parteilose Stadtchef. Außenminister Heiko Maas bezeichnete rechten Terror als "größte Gefahr für unser Land".

Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, warnte vor einem "steil ansteigenden Antisemitismus in Deutschland". "Gerade in den vergangenen zwei Jahren haben Straftaten, auch Gewalttaten, gegen Juden und jüdische Einrichtungen in Deutschland erheblich zugenommen", sagte Haldenwang dem Berliner "Tagesspiegel" (Freitag). Antisemitismus habe es in Deutschland immer gegeben, aber nicht so offen, sagte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, dem Fernsehsender Phoenix. "Jetzt, durch Hass und Hetze im Internet und in den sozialen Medien, wird er wieder salonfähiger." Klein war auch zum Gedenken nach Halle gereist.

Vor einem Jahr hatte ein schwer bewaffneter Mann vergeblich versucht, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in die Synagoge in Halle einzudringen undein Massaker unter den mehr als 50 Gläubigen anzurichten. Als ihm dies nicht gelang, erschoss der Mann eine 40 Jahre alte Passantin, tötete beim Angriff auf einen nahe gelegenen Döner-Imbiss einen 20-Jährigen und verletzte und traumatisierte zahlreiche weitere Menschen, ehe er nach rund eineinhalb Stunden gefasst wurde. Vor dem Oberlandesgericht läuft gerade der Prozess gegen den 28 Jahre alten Angeklagten Stephan Balliet. Der Deutsche hat die Tat eingeräumt.

In der Stadt im Süden Sachsen-Anhalts waren am Freitag zahlreiche Veranstaltungen geplant, um an die Geschehnisse und die Opfer des Terroranschlags vom 9. Oktober 2019 zu erinnern.

Am Nachmittag wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Halle erwartet. Auch der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff und weitere Vertreter der Landespolitik sind vor Ort. Sie wollen unter anderem Gedenktafeln an den Tatorten enthüllen.

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