Berlin/Leuna (dpa) - Die ostdeutsche Chemie- und Pharmaindustrie blickt trotz der Coronakrise relativ optimistisch in die Zukunft. "Unsere Branche ist sehr heterogen und daher sicherlich nicht in dem Ausmaß wie andere Branchen von Corona betroffen. Wir sind bisher mit einem blauen Auge davongekommen", sagte Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des Landesverbandes Nordost im Verband der Chemischen Industrie (VCI). Indes herrsche nach wie vor auch große Unsicherheit. Die überwiegend kleinen und mittelständischen Firmen in Ostdeutschland hätten flexibel auf die Krise reagiert. Hintergrund ist der mit Beginn der Pandemie gestiegene Bedarf zum Beispiel an Desinfektionsmitteln oder Hamsterkäufe auch bei Medikamenten.

Der Umsatzanteil von Pharma liege derzeit in der Ostchemie bei gut 40 Prozent, bundesweit bei 25 Prozent. Die Chemie sei im Vergleich zu Pharma stark konjunkturabhängig. Sie beliefere fast alle anderen Industriebranchen, so dass sich eine schwächere Nachfrage aus stark angeschlagenen Branchen negativ bemerkbar mache. "Wenn weniger Autos produziert werden, geht auch die Nachfrage für Lacke, Kunststoffe oder Polster zurück", sagte Schmidt-Kesseler. Für die Zukunft der Standorte seien die richtigen wirtschafts- und energiepolitischen Bedingungen mitentscheidend, erst recht in Zeiten der Coronakrise.

Mit Blick auf 30 Jahre Deutsche Einheit zog sie eine überwiegend positive Bilanz für die Branche im Osten. "Wir sind heute auf Augenhöhe mit dem Westen, wir sind genauso gut im Geschäft", sagte sie. "Eine verlängerte Werkbank waren wir in den ersten Jahren des Strukturwandels nach 1990, heute sind wir es nicht mehr." Die Betriebe behaupten sich den Angaben nach im Wettbewerb: "Innerhalb eines Konzerns, innerhalb Deutschlands und im Rest der Welt."

Zahlreiche Neuansiedlungen und Produktionserweiterungen seien Beleg dafür. "Fakt ist allerdings, dass es im Osten wenige Unternehmenszentralen gibt, dafür viele Filialen. Das ist historisch gewachsen und mittelfristig kaum veränderbar. Fakt ist aber auch, dass Produktionsstandorte im Osten meist besonders schlank und hocheffizient aufgestellt sind", sagte sie. So gebe es wenig Verwaltung und viel Produktion. Das mache die Standorte widerstandsfähig, auch gegenüber Sparmaßnahmen beim Personal.

Die Besonderheit der Ostchemie sei, dass durch den gravierenden Umbau nach 1990 eine "sehr gesunde Mischung von Unternehmen" entstanden sei. Dazu gehörten Betriebe von internationalen Konzernen wie BASF in Schwarzheide (Brandenburg), Bayer in Bitterfeld, die Total Raffinerie in Leuna, Dow Chemical in Schkopau (alle Sachsen-Anhalt) und in Böhlen (Sachsen). Mit dem Wandel einher ging aber auch der Abbau Tausender Arbeitsplätze, verbunden mit der Schließung von Betrieben.

Die nach 1990 entstanden Chemieparks seien eine ostdeutsche Erfindung und an westdeutschen Standorten später übernommen worden. Dabei siedeln sich auf einem Areal Unternehmen an und arbeiten in einem Verbund, indem sie Infrastruktur und Dienstleistungen, etwa Energie- und Rohstoffe, möglichst kostengünstig nutzen können. Zudem gebe es im Osten heute etliche Firmen, die weltweit gefragte Spezialprodukte herstellen. Auch in Zukunft werde hier weiter investiert, vor allem unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit. Ein Beispiel sei die Bioraffinerie in Leuna. Aus nachhaltigem Laubholz werden in der Anlage künftig Rohstoffe für Kunststoffe hergestellt.

Die Chemie- und Pharmaindustrie ist in Deutschland nach der Autoindustrie und dem Maschinenbau die drittstärkste Industriebranche. In Ostdeutschland ist sie die viertgrößte Branche und gehört laut Verband zu den größten Arbeitgebern. Bundesweit hat die Branche 465 000 Beschäftigte, in Ostdeutschland 55 000 Mitarbeiter. Der Jahresumsatz in den neuen Ländern lag zuletzt bei 27,2 Milliarden Euro (2019).

Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Ostdeutschland

Die Chemie in Deutschland