Magdeburg (dpa/sa) - Der Untersuchungsausschuss zu Vorgängen um Großspieler bei der landeseigenen Lotto-Gesellschaft hat mehrere prominente Zeugen gehört, die aber viele Erinnerungslücken hatten oder Aussagen verweigerten. Das Gremium hatte am Freitag im Magdeburger Landtag sowohl das frühere Lotto-Führungsduo als auch Sachsen-Anhalts Ex-Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) geladen. Das Ministerium ist für die Glücksspielaufsicht zuständig.

Laut Ex-Lotto-Chefin Maren Sieb war die Hausspitze des Ressorts aber auch der Ausgangspunkt, warum sie sich im Jahr 2012 überhaupt für den Posten bewarb. Sie sei vom damaligen Innenstaatssekretär Ulf Gundlach angesprochen worden, sagte Sieb als Zeugin im Untersuchungsausschuss. Gundlach war Stahlknechts Staatssekretär bis 2016.

Sie habe daraufhin ihre Bewerbungsunterlagen abgegeben und das weitere Verfahren durchlaufen. Ein nötiges Stellenprofil sei ihr nicht vorgelegt worden. Die langjährige Journalistin und Unternehmerin war seit 2012 Teil einer Doppelspitze bei der Lotto-Gesellschaft in Sachsen-Anhalt.

Voriges Jahr wurde das Chef-Duo nach monatelangen Querelen und internen Prüfungen fristlos entlassen. Das Land sprach von einem gestörten Vertrauensverhältnis. Hintergrund sind die Erkenntnisse, die der U-Ausschuss zusammengetragen hat. Demnach konnten mehrere Großspieler in Zerbst Millionengewinne mit Sportwetten erzielen - auch weil Landes-Lotto dem Laden das Spiellimit erhöhte.

Die damaligen Geschäftsführer informierten Prüfberichten zufolge zwar die Geldwäschestelle über Auffälligkeiten, nicht jedoch die zuständigen Behörden und Gremien. Das Land zog Konsequenzen und entließ beide Chefs fristlos. Die Glücksspielaufsicht leitete wegen der möglichen Meldeversäumnisse ein Ordnungswidrigkeitsverfahren ein.

Sieb wollte sich am Freitag nicht zu ihren Entscheidungen während ihrer Zeit als Geschäftsführerin äußern und verweigerte die Aussage. Ähnlich verhielt sich der zweite entlassene Lotto-Chef Ralf von Einem mit Blick auf Fragen zum Umgang mit den Zerbster Großspielern.

Der U-Ausschuss wurde auf Antrag der AfD im Landtag im Herbst 2019 eingesetzt. Die Oppositionspartei wirft der früheren Lotto-Chefin vor, dass sie den Job aufgrund ihrer Qualifikation nie hätte bekommen dürfen und dass sie im Anschluss viele Jobs und Fördermittel wegen persönlicher Beziehungen vergeben haben soll. Laut Ausschuss-Chef Andreas Steppuhn (SPD) bestätigten sich letztere Vorwürfe nicht.

Zur Frage, ob Sieb als Lotto-Geschäftsführerin infrage kam, obwohl sie kein Hochschulstudium, sondern nur einen Abschluss einer Akademie hatte, gab es vom Personalberater, der für Lotto mehrfach Kandidaten für den Spitzenposten suchte, eine klare Antwort: Ein Hochschulabschluss sei nicht Zugangsvoraussetzung gewesen, selten erfüllten Bewerber alle Kriterien, sagte Tiemo Kracht als Zeuge im Ausschuss. Eigentlich sollte ein einzelner Geschäftsführer gefunden werden, während der Suche sei auf Doppelspitze gewechselt worden.

Der Kurswechsel sei für ihn durchaus überraschend gewesen, sagte Kracht. Zumal neben Sieb zunächst ein Geschäftsführer gewählt wurde, von dem die Personalberatung laut Kracht abgeraten hatte. Der Kandidat sei vom Finanzministerium vorgeschlagen worden. Hätte es bessere Kandidaten gegeben? Kracht erinnerte sich nur an einen Bewerber, der von West-Lotto kam. Im Auswahlverfahren sei jedoch darauf hingewiesen worden, dass viel dafür spräche, Bewerber aus dem eigenen Land zu berücksichtigen statt eines weiteren West-Imports. "Und diesem Votum konnten wir folgen", sagte Kracht.

Ex-Innenminister Stahlknecht sagte, in seiner Erinnerung habe die Glücksspielaufsicht erst durch die Arbeit des U-Ausschusses von dem Geschehen um die Großspieler im Zerbster Lotto-Laden erfahren. Wann genau er erfuhr, dass Sieb für die Lotto-Geschäftsführung vorgeschlagen wurde und ob er mit ihr während der Bewerbung darüber gesprochen habe, erinnerte er laut Aussage nicht mehr.

Für den Untersuchungsausschuss drängt die Zeit, denn das Gremium besteht nur bis zur Landtagswahl im Juni dieses Jahres. Schon kommende Woche ist die nächste Sitzung, in der weitere Zeugen geladen sind. Es sollte eigentlich die letzte sein, um noch rechtzeitig einen Abschlussbericht zu schreiben. Es zeichne sich jedoch ab, dass es weitere Sitzungen geben werde, weil die AfD unter anderem Maren Sieb erneut befragen wolle, sagte Ausschusschef Steppuhn.

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