Magdeburg/Halle (dpa/sa) - "Wir haben nicht damit gerechnet", sagt Café-Inhaber Mohammed Lemlah. Seinen Laden hat er am Mittwochnachmittag bereits abgeschlossen. Während er spricht, steht er an seinem leeren Tresen, trinkt "Corona"-Bier. Lemlahs Café ist in Halle, und damit in der Stadt in Sachsen-Anhalt, die am Mittwoch verkündete, gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus alle Gaststätten schließen zu lassen.

Er habe laufende Kosten, jetzt aber keine Einnahmen mehr, sagt Lemlah. Er rechne damit, dass er die Schließung eine Woche durchhalte, ehe es existenzbedrohlich werde. "Ich bin froh, dass ich mir vorher ein bisschen was angespart habe", sagt eine seiner Angestellten. "Ansonsten hätte ich gerade ein richtiges Problem."

Es ist Tag eins im verordneten Runterfahrmodus in Sachsen-Anhalt. Um die Übertragung des neuartigen Coronavirus im Land einzudämmen, hat die Regierung von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) verordnet, nach den Schulen und Kitas auch zahlreiche Sportstätten, Freizeit- und Kultureinrichtungen, Läden, Clubs und Kneipen zu schließen. Bis mindestens 19. April soll das gelten.

In Halle hat Oberbürgermeister Bernd Wiegand am Dienstag den Katastrophenfall ausgerufen. Er will noch stärker durchgreifen als das Land. Der parteilose Stadtchef will Polizei und Bundeswehr zur Hilfe rufen. Aus seiner Sicht erlaubt das Land zu viele Ausnahmen.

Landesweit soll die Polizei bei gemeinsamen Kontrollen mit den Ordnungsämtern überwachen, dass die Regeln eingehalten werden, wie das Innenministerium am Mittwoch ankündigte. Magdeburg will das Spielplatzverbot an seinen 124 Flächen mit großen Schildern betonen.

Die Schulen und Kitas sind schon seit Montag geschlossen. Das Bildungsministerium entschied, die Prüfungen zum Realschulabschluss wegen der aktuellen Situation um drei Wochen zu verschieben. Sie sollen jetzt am 11. Mai beginnen. Anders als in Mecklenburg-Vorpommern und Bayern sollen die Abiturprüfungen zunächst nicht verschoben werden und unverändert am 27. April starten, hieß es.

In Halle muss der erste Covid-19-Patient in Sachsen-Anhalt auf einer Intensivstation behandelt werden. Der 66-Jährige liegt im Krankenhaus Maria-Martha. Laut Amtsärztin Christine Gröger hat er Vorerkrankungen. Drei weitere Covid-19-Patienten mussten ebenfalls in Krankenhäusern betreut werden.

Das Sozialministerium meldete am Mittwoch erneut einen Anstieg der nachgewiesenen Sars-Cov-2-Infektionen. Am späten Nachmittag waren 133 Fälle bekannt, 28 mehr als am Vortag. In einer Übersicht des Robert Koch-Instituts mit etwas älteren Zahlen heißt es, dass es im Land rechnerisch etwa 4,8 Erkrankte je 100 000 Einwohner gibt. Das ist deutlich weniger als im Bundesschnitt (9,9). Nur in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern (3,5 je 100 000) ist die Verbreitung geringer.

Die Beschränkungen des öffentlichen Lebens sollen verhindern, dass sich viele Menschen im Alltag anstecken und die Krankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. Ministerpräsident Haseloff hatte selbst von gravierenden Eingriffen gesprochen, die aber nötig seien.

"Wenn sich jeder an die Regeln hält, werden Ausgangssperren nicht nötig", sagte der CDU-Politiker in einem Interview der "Mitteldeutschen Zeitung" (Mittwoch). Solche Sperren gelten etwa in Frankreich und Italien, dort darf nur noch raus, wer zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen will - oder alleine joggt. Derzeit kann sich jeder, der nicht unter Haus-Quarantäne steht, in Sachsen-Anhalts Städten frei bewegen - er soll nur Abstand zu den anderen halten.

In Magdeburg tummeln sich am Mittwochvormittag trotz Verbots noch wenige Kinder auf einem Spielplatz in der Innenstadt. Doch kurz darauf herrscht dort trotz besten Wetters gähnende Leere. Auch viele Läden sind geschlossen. Auf jedem zweiten Tisch eines Cafés steht ein Schild und erklärt den Platz als gesperrt. So soll der verordnete Sicherheitsabstand von zwei Metern zwischen den Gästen garantiert werden - aber fast alle Tische sind unbesetzt. Das Café verkürze freiwillig seine Öffnungszeiten, sagt eine Kellnerin. Es sei sowieso kaum jemand da und sie habe als einzige Bedienung oft nichts zu tun.

Sachsen-Anhalts Landesregierung hatte sich dagegen entschieden, die Cafés und Restaurants zu zwingen, schon am Nachmittag zu schließen. Halle will allerdings alle Gaststätten dicht machen. Der Hotel- und Gaststättenverband fordert vor diesem Hintergrund klare Vorgaben - und zwar möglichst einheitlich für alle Kommunen im Land. Ohne behördliche Anordnungen seien Entschädigungszahlungen nicht wahrscheinlich, teilte der Verband mit.

Doch längst nicht nur die Gastronomie und der zum Schließen verpflichtete Einzelhandel spüren negative Auswirkungen durch die weltweite Corona-Pandemie. Im Süden Sachsen-Anhalts sei jedes dritte Unternehmen stark betroffen, teilte die Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau unter Berufung auf eine Blitz-Umfrage mit. Am stärksten machten sich demnach Umsatzeinbußen, Einschränkungen bei Geschäftsreisen und Personalausfälle bemerkbar, hieß es.

Wolfgang Fleischer von der Interessengemeinschaft Citygemeinschaft Halle forderte schnelle und unbürokratische Hilfe. Viele Händler könnten die durch die angeordneten Schließungen bevorstehenden Umsatzausfälle nicht aus den eigenen Rücklagen stemmen. "Wenn das Geld erst im Juli oder August kommt, werden das viele nicht überleben", warnte Fleischer.

Übersicht des Robert-Koch-Instituts mit gemeldeten Corona-Infektionen und Verbreitung nach Bundesländern

Mitteilung der Stadt Halle