Gutenswegen l Wer ganz genau hinschaut, entdeckt in dem Gutshaus direkt rechts neben dem Fleischer in der Teerstraße in Gutenswegen einen rohen Diamanten. Die Fassade sieht zwar mitgenommen aus, doch die Stuckarbeiten über den Fenstern und die Ornamente des umlaufenden Schmuckbandes unter dem Dach lassen erahnen, dass es sich bei dem Haus um ein echtes Kleinod handeln könnte.

Gebäude wurde nicht verschandelt

„Teile der Holzkonstruktion müssen ausgetauscht oder verstärkt werden.“

Dachdeckermeister Ralf Claßen

In den einstigen Zustand will es der Eigenbetrieb Wohnungs- und Gebäudeverwaltung der Niederen Börde wieder zurückversetzen. Dabei scheint es wie ein Glücksfall, dass die vergangenen Jahrzehnte so gut wie gar nichts in das Haus investiert worden ist. „Tatsächlich wurde am Gebäude nichts verschandelt, wie es ja oft zu DDR-Zeiten gemacht worden ist“, sagt Anja Schmidt, Leiterin des kommunalen Eigenbetriebs. Abgesehen von dem Anbau des Treppenaufgangs auf der Hofseite – dieser muss in den 1990er Jahren hinzugekommen sein – habe es keine weiteren Stilbrüche gegeben.

Dachziegel sollen zur Außenfarbe passen

Auch Ralf Claßen zeigt sich ganz angetan von dem ehemaligen Gutshof. Und er will auch gleich wissen, welche Farbe die Außenfassade einmal bekommen wird beziehungsweise ob denn der Originalton noch nachzuvollziehen ist. „Wir müssen ja die neuen Ziegel bestellen. Die sollten ebenfalls im Ton des ehemaligen Schieferdaches sein oder zumindest farblich zur Fassade passen“, erklärt der Dachdeckermeister. Sein Unternehmen wird die Arbeiten in luftiger Höhe im Auftrag der Gemeindeverwaltung übernehmen.

Eigentlich sollten seine Mitarbeiter bereits in der vergangenen Woche loslegen. Doch wegen der feuchten Wetterlage steht bisher nur das Gerüst. Der für den gestrigen Montag neu avisierte Projektstart ist nun wieder verschoben worden – wegen der anhaltenden Schneefälle.

Rückbau ohne Staub aufzuwirbeln

Dabei ist viel zu tun. Als erstes muss die Bedeckung runter. Die besteht aus alten Asbestzement-Platten. „Dabei ist Vorsicht geboten. Bei Asbest handelt es sich ja um einen Gefahrenstoff“, erklärt der Fachmann. Der Rückbau muss deshalb sprichwörtlich ohne viel Staub aufzuwirbeln passieren. Seine Mitarbeiter seien extra geschult.

Dann geht es an den Dachstuhl. Dieser nebst Schalung befindet sich laut Ralf Claßen noch im Originalzustand. Doch war der Holzwurm im Laufe der Jahrzehnte sehr gefräßig. „Wir haben zwar keinen Befall mehr. Dennoch müssen Teile der Holzkonstruktion ausgetauscht oder verstärkt werden“, sagt der Meister.

270 Quadratmeter Dacheindeckung

Sind die gröbsten Arbeiten am Holz beendet, geht es an die rund 270 Quadratmeter große Dacheindeckung. Mittlerweile steht laut Anja Schmidt auch die Farbe fest. „Diese wird sich an dem ehemaligen Dach aus Schieferplatten orientieren“, erzählt sie. Liefern soll die neuen Ziegel natürlich die heimische Herstellerfirma aus Groß Ammensleben.

Drei Wochen veranschlagt Dackdeckermeister Ralf Claßen als Dauer für die Sanierungsarbeiten. Nun warten er und seine Mitarbeiter auf besseres Wetter. Trocken muss es sein und kein Schnee mehr liegen.

Gutshaus wurde 1846 errichtet

„Errichtet wurde das Gebäude von Bauer Jenrich im Jahr 1846“, erzählt Anja Schmidt noch etwas zur Geschichte des Gutshauses in der Teerstraße. Bis 1945 sei es von den Fabrikanten Jenrich, Druckenbrodt & Co. genutzt worden, die in Ackendorf die Zuckerfabrik betrieben. „Geschäftsführer bei Jenrich, Druckenbrodt & Co. war übrigens ein Herr Schneidewindt. Seiner Familie gehörte die Villa Schneidewindt in Gutenswegen“, führt die Betriebsleiterin weiter aus.

„Schließlich sollte die Dachsanierung schon Ende 2020 beginnen.“

Eigenbetriebsleiterin Anja Schmidt

In der Scheune hinter dem Haus wurde bis zur Enteignung im Jahr 1945 über den Winter Eis eingelagert. In Stroh gewickelt hielt es sogar bis in den August hinein. So sei die Küche in der Villa Schneidewindt mit Kühlmaterial versorgt worden. Zu Beginn der 1970er Jahre ist der Bau jedoch abgerissen worden.

Hof seit Zweiten Weltkrieg in Kommunaleigentu

Der gesamt Hof befindet sich seit der Enteignung kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nunmehr im kommunalen Eigentum. Auf insgesamt gut 287 Quadratmetern sind heute fünf Wohnungen untergebracht. Alle Einheiten sind laut Anja Schmidt vermietet.

Fertigstellung bis Ende des Jahres geplant

Für die Mieter dürfte mit der Fertigstellung der Sanierung eine neue Ära in dem Haus beginnen. Doch bis dahin müssen sie sich noch etwas gedulden. Anja Schmidt schätzt ein, dass bis Ende des Jahres alles fertig sein wird, einschließlich der Erneuerung der Stromleitungen im Keller. Die Ausschreibung für das Fassadenprojekt sei bereits in Vorbereitung.

Läuft alles glatt, könnte der Zeitplan mit der Sanierung aufgehen. Doch sicher ist sich die Leiterin des Eigenbetriebs nicht. „Schließlich sollte die Dachsanierung schon Ende 2020 beginnen“, sagt Anja Schmidt. So habe der Start wegen der Corona-Einschränkungen auf Anfang Februar verschoben werden müssen. Nun musste die Dachdeckerfirma den Beginn erneut vertagen, und zwar so lange, bis kein Schnee mehr die Arbeiten in luftiger Höhe behindert.