Leichtathletik

Die erfolgreichste Sportlerin des Altkreises

8. September 1972, 16 Uhr: Start zum Endlauf über 100 Meter Hürden bei den Olympischen Spielen in München.

Von Reinhard Klar 15.05.2020, 03:00

Ohrsleben/Magdeburg l Im Finale dabei ist die junge Annelie Ehrhardt aus Ohrsleben.

Nach 12,59 Sekunden ist alles vorbei. Die 22-Jährige, die für den SC Magdeburg startete, errang einen überlegenen Sieg in neuer olympischer Rekordzeit. Ein Traum war für sie in Erfüllung gegangen und Ohrsleben stand danach Kopf. Bis weit über Mitternacht gaben sich die Leute aus dem Ort bei Anni und Alwin Jahns, ihren Eltern, die Klinke in die Hand und stießen mit ihnen auf ihre Tochter und den Olympiasieg an.

Annelie Jahns (Jahrgang 1950) verriet frühzeitig viel Bewegungsgefühl und war sportlich vielseitig aktiv. Ihre Eltern nutzten 1961 auf Empfehlung der Schule in Wackersleben einen Aufruf der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Halberstadt, sportlich interessierte und talentierte Kinder vorzustellen.

Nach erfolgter Überprüfung schlug man vor, Annelie noch im Mai umzuschulen. Im Internat der KJS lebte sich die noch Zehnjährige gut ein und fand schulisch und sportlich schnell Anschluss. 1966 wurde sie, für die KJS startend, DDR-Spartakiade-Siegerin über 80 Meter Hürden. Wie sie zum Hürdenlauf kam, erzählte sie 1972 in einem Interview mit der DDR-Jugendzeitung Junge Welt: „Auf der Schule in Halberstadt haben wir alles gemacht, auch den Fünfkampf. Dort sind die Hürden ja mit drin. Und da ich keine großen Schwierigkeiten mit der Technik hatte, blieb ich dabei.“ Den Spartakiade-Erfolg ordnete sie übrigens sehr hoch ein: „Er bedeutete mir damals genau so viel wie jetzt der Olympiasieg. Und ich hatte mich zu dieser Zeit ebenso intensiv vorbereitet, wie auf den Olympiastart.“

Nach dem Abschluss der KJS Halberstadt begann für sie ab September 1966 beim SC Magdeburg ein neuer Lebensabschnitt. Sie absolvierte eine Ausbildung als Fotolaborantin und kam in die Trainingsgruppe von Klaus Wübbenhorst, einem Spezialisten für den Hürdenlauf. Das gezielte, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltete Training brachte Annelie Jahns weiter voran.

1967 gab sie als 16-Jährige im Länderkampf gegen die Sowjetunion ihr Debüt in der Leichtathletik-Nationalmannschaft der DDR und lief mit 11,0 Sekunden persönliche Bestzeit über 80 Meter Hürden. Ihr erster großer Erfolg auf internationaler Ebene war der Sieg über 80 Meter Hürden bei den Europa-Juniorenspielen 1968. Im Hürdenlauf gab es ab 1969 Veränderungen. An Stelle der bisherigen Distanz von 80 Meter wurde der Lauf über 100 Meter installiert. Annelie Jahns kam verhältnismäßig schnell und gut mit den neuen Gegebenheiten (höhere Hürden, eine Hürde mehr und größere Abstände zwischen ihnen) zu recht.

Im Juni 1970 klopfte sie deutlich an das Tor zur Weltklasse. Beim VIII. Internationalen Tag der Leichtathletik in Berlin (Ost) belegte sie zeitgleich hinter der siegreichen polnischen Weltklasseläuferin Theresa Nowak mit 13,3 Sekunden den zweiten Platz und stellte damit einen neuen Junioren-Weltrekord auf. Der Verfasser dieses Beitrages war damals Augenzeuge ihrer Leistung und schrieb darüber in der Lokalausgabe Oschersleben der Volksstimme vom 24. Juni 1970 unter anderem: „ …Dabei hatte es um 18.20 Uhr nicht einmal verheißungsvoll begonnen, denn die Damen waren sehr aufgeregt und fabrizierten vier Fehlstarts, ehe es dann endlich richtig klappte. ….Annelie Jahns jedenfalls bewies beachtliche Nervenstärke und ihre Berliner Leistung lässt für die diesjährige Saison noch einiges erwarten.“

Ihre große Stunde schlug zwei Jahre später bei den Olympischen Spielen in München. Annelie Erhardt (1970 hatte sie den Kanusportler Manfred Ehrhardt, Olympiateilnehmer 1968 in Mexiko, geheiratet) wurde zur Sport-Legende. In den Annalen der Weltsportgeschichte hat sie als Olympiasiegerin einen Platz für die Ewigkeit.

Annelie Ehrhardt ist die erfolgreichste Sportlerin, die der Altkreis Oschersleben je hervorgebracht hat. Sie war Spartakiadesiegerin, DDR-Jugendmeisterin, Siegerin bei den Europa-Juniorenspielen, mehrfache DDR-Meisterin, Europameisterin in der Halle und im Freien, Olympiasiegerin und Weltrekordlerin über 100 und 200 Meter Hürden. Von September 1971 bis zum März 1975 blieb Annelie Ehrhardt auf den Hürdendistanzen national und international unbesiegt. Nach den Olympischen Spielen 1976 in Montreal beendete sie ihre leistungssportliche Laufbahn. Annelie Ehrhardt, Ehrenbürgerin der Stadt Oschersleben, wohnt mit Gatten Manfred seit 1966 in Magdeburg. In Kürze begeht sie ihren 70. Geburtstag.