Berlin (dpa) l Die Fans des Hamburger SV und FC St. Pauli haben mit dem Abbrennen von Pyro und dem Zünden von Feuerwerk beim Derby im September ihren Vereinen sechsstellige Geldstrafen eingebrockt. Über die Einsprüche der beiden Zweitligisten wird am Freitag vor dem Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) verhandelt.

Doch auf gewisse Weise geht es auch um Grundsätzliches. Der Einsatz von Pyrotechnik hat in dieser und der vergangenen Spielzeit zugenommen. 152 Menschen sind laut Polizeistatistik in der Spielzeit 2018/2019 durch Pyrotechnik verletzt worden. Im Vorjahr waren es 53. Berücksichtigt sind dabei die Spiele der ersten drei Ligen, einschließlich An- und Abreise. Die Dunkelziffer sei aber vermutlich höher, da nur polizeilich erfasste Verletzungen in der Statistik landen. Auch über die Schwere der Verletzungen gibt die Statistik keine Auskunft.

Aber wie gefährlich ist Pyrotechnik im Stadion? Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) spricht von leichtfertiger Gefährdung der Gesundheit und des Lebens Tausender Menschen. Der DFB von der „sehr großen Gefährlichkeit der Verwendung von extrem heißer Pyrotechnik und der gesundheitsschädlichen Rauchentwicklung“. Deshalb seien sich alle Innenminister einig, dass das Abbrennen von Pyrotechnik in Menschenmengen härter bestraft werden sollte.

Fans: Pyro gehört dazu

Auf der anderen Seite steht ein Teil der Fans: „Wir vertreten mehrheitlich die Ansicht, dass Pyrotechnik einfach auch bei einem Spiel dazugehört“, sagt Sven Kistner vom Fan-Bündnis Queer Football Fanclubs (QFF). Er meint, dass Pyrotechnik „keine riesengroße Gefahr“ sei, solange man mit ihr verantwortungsbewusst umgeht. Auch die Fangemeinschaft „Unsere Kurve“ ist für eine Legalisierung wie auch ProFans mit seinem Sprecher Sig Zelt. Man habe bereits 2011 in Gesprächen mit dem DFB Vorschläge dazu gemacht: zertifizierte Erzeugnisse, fachlich unterwiesene Personen und festgelegte Bereiche für Pyrotechnik. Der DFB und die Deutsche Fußball Liga (DFL) erteilten der Legalisierung damals eine klare Absage.

„Gerade mit dem Scheitern dieser Gespräche von 2011 ist die Pyrotechnik auch zu einem Symbol geworden“, sagt Fanforscher Jonas Gabler und verweist auf das Motto: „Ihr kriegt uns nicht klein. Wenn wir es nicht legal machen können, dann machen wir es eben illegal“ – auch dafür stünden die Fackeln im Stadion für Ultras.

Dass gegen Vereine verhängte Geldstrafen reduziert werden können, wenn sie bei der Identifizierung der Schuldigen helfen und die Täter zur Zahlung der Geldstrafen heranziehen können, ist indes auch keine Lösung. Drittligist Carl Zeiss Jena hatte im Dezember angekündigt, mit Rückendeckung anderer Clubs den DFB vor einem Zivilgericht wegen einer Pyrotechnik-Strafe zu verklagen. Jenas Geschäftsführer Chris Förster: „Wir tun alles, um Pyrotechnik im Stadion zu verhindern. Es lässt sich nicht verhindern, insofern trifft uns keine Schuld. Und dann kann man auch nicht bestraft werden.“

Eine Alternative soll auch das kontrollierte Abbrennen außerhalb des Zuschauerbereichs sein. Daran arbeitet etwa der HSV und will noch in dieser Saison einen Versuch starten. Vorstandschef Bernd Hoffmann: „Es kann aus unserer Sicht nicht sein, dass das, was bei jedem ortsüblichen Musikkonzert passiert, für den Fußball nicht zulässig sein soll.“

Der Verein verstehe sich nicht als Anwalt „dieser 20 durchgeknallten Straftäter, denen Gesundheit und Leben ihrer Mitmenschen egal ist, wenn sie unkontrolliert Pyro zündeln“, erklärte er, betonte aber: „Wir wollen auch keine total durchgeplante und durchzertifizierte Liga, in der sich alle in vorauseilender Weise sozial erwünscht verhalten.“ Stimmung und Atmosphäre im Stadion seien „das Rückgrat des Geschäftsmodells Profi-Fußball“.

Kalte Pyro in Dänemark

Auch für die sogenannte „kalte Pyrotechnik“ hatte sich der HSV in der Vergangenheit interessiert. Damit experimentiert der dänische Traditionsclub Brøndby IF. Die Temperatur soll wesentlich niedriger sein. Doch entstehen auch hier noch 200 bis 500 Grad.

So wird das Thema wohl ein „Evergreen“ bleiben, wie es Hans E. Lorenz nennt. Als Vorsitzender Richter des DFB-Sportgerichts wird er sich mit den Einsprüchen vom HSV und St. Pauli befassen. Von den Strafen ist er selbst nicht überzeugt. „Der Umstand, dass so etwas sanktioniert wird, führt nicht zur Lösung des Problems“, sagte Lorenz. „Wir reagieren ja immer nur.“