Moskau (dpa) l Angesichts der Fußball-Weltmeisterschaft warnen Experten vor einem Anstieg der Zwangsprostitution in Russland. "Dieses Turnier treibt die Nachfrage nach Prostituierten in die Höhe und zieht Kunden an", teilte die Anti-Sklaverei-Organisation Alternatiwa der Deutschen Presse-Agentur in Moskau mit. Vor allem die erleichterte Einreise werde von Menschenhändlern genutzt, um asiatische und afrikanische Frauen nach Russland zu holen und sexuell auszubeuten. "Die visafreie Einreise hilft Menschenhändlern und halbiert die Kosten für den Transport der Opfer."

Während der WM – und auch schon während des Confederations Cups im Sommer 2017 – benötigen Ticket-Inhaber kein russisches Visum, sondern nutzen zur Ein- und Ausreise eine sogenannte Fan-ID. Darauf sind viele persönliche Daten gespeichert. Die Zwangsprostituierten seien teilweise bereits zum Confed Cup als Fußballfans getarnt eingereist und illegal im Land geblieben. Bei Razzien in den vergangenen Monaten seien etwa in Moskau mehrere illegale Bordelle ausgehoben worden, in denen auch Dutzende nigerianische Zwangsprostituierte gearbeitet hätten, so Alternatiwa.

Auch die Russland-Expertin und Soziologin Laura Dean warnte vor einer Zunahme der Zwangsprostitution und Sklaverei in Russland aufgrund der WM. Sie kritisierte in einem Blog-Beitrag laxe russische Gesetze. Die Regierung behandele zudem Menschenhandel nicht mit Vorrang, es habe vor der WM auch keine Aufklärungskampagnen wie in früheren Gastgeberländern gegeben.

Prostitution ist in Russland verboten. Schätzungen zufolge gibt es dennoch rund drei Millionen Sexarbeiter. Davon seien etwa ein bis zwei Prozent Zwangsprostituierte, sagte die Direktorin der Selbsthilfegruppe Silberne Rose (Serebrjanaja Rosa), Irina Maslowa. Nach ihrer Ansicht ist die Zahl der freiwilligen Sexarbeiter, die eigens zur WM nach Russland reisen, äußerst gering. Die Kosten für Anreise, Unterkunft und Werbung stünden in keinem Verhältnis zum erwarteten Profit.

Prostituierte in Russland hätten mit zahlreichen Problemen zu kämpfen, sagte Maslowa. Dazu zählten etwa korrupte Polizisten, Vergewaltigung, Mord und eine schnelle Ausbreitung des HI-Virus. Schutz hätten die Frauen und Männer nicht zu erwarten. "Die Regierung tut nichts", sagte Maslowa. Im Gegenteil: Bereits im Vorfeld der WM hätten die Behörden scharf durchgegriffen, es habe viele Razzien gegeben, aber keine Hilfe. "Viele Nicht-Russinnen wurden ausgewiesen."