Magdeburg l Ein kurzer Blick in den Rückspiegel. Ja, er sitzt wirklich dort. Kein Traum. Das Idol auf der Rückbank. Sven Kleeblatt stockt fast der Atem. Seine Hände, mit deutlich mehr Schweiß besetzt als üblich, am Lenkrad. Tischtennis-Star Timo Boll sitzt im Auto. Und Kleeblatt hinter dem Steuer ist einfach nur glücklich. „Da kommen schon die Emotionen hoch“, sagt der 30-Jährige.

Doch wie wurde der technische Sachbearbeiter genau zum Chauffeur? Kleeblatt ist einer von über 150 Volunteers bei den German Open in Magdeburg. Durch die vielen freiwilligen Helfer ist das Großevent in der Getec-Arena überhaupt erst zu stemmen. Der Barleber gehört dabei zum Fahrdienst, ist schon zum dritten Mal in Magdeburg dabei. Und eben dafür zuständig, die Top-Spieler der Welt vom Hotel zur Halle zu bringen. Oder auch vom Flughafen Leipzig/Halle abzuholen. „Diese Fahrten sind am anstrengendsten“, sagt Kleeblatt. Sie bieten aber auch die Möglichkeit, länger mit den Stars zu sprechen. Oder ist das gar nicht möglich? „Unterschiedlich. Manche Spieler wie Timo Boll sind sehr entspannt und kommunikativ, andere schon voll auf den Wettkampf fokussiert.“

Denn dieses Turnier, das seit Dienstag in der Elbestadt läuft und an diesem Wochenende den Zuschauern packende Finals bieten wird, hat eine enorme Bedeutung für die Tischtennis-Welt. Nicht nur, weil im gemischten Doppel sogar noch direkte Plätze für die Olympischen Spiele in Tokio vergeben werden. Auch, weil im Jahr der Sommerspiele einfach jedes Turnier wichtig ist. Und vor allem das in Magdeburg. Denn als „Platinum-Event“ der World Tour werden hier besonders hohe Preisgelder – und noch wichtiger – viele Weltranglistenpunkte vergeben.

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Magdeburg feste Größe in der Tischtennis-Szen

Entsprechend sieht auch das Teilnehmerfeld aus. Bei den Damen und Herren sind fast alle Spieler aus der Top 20 der Welt an der Elbe zu Gast. „Dies zeigt einmal mehr, dass Magdeburg in der internationalen Tischtennis-Szene eine feste Größe ist“, freut sich auch Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper als Schirmherr des Events. Und der lokale Ausrichter, der Tischtennis-Verband Sachsen-Anhalt (TTVSA), erhofft sich von der insgesamt neunten Großveranstaltung dieser Art seit dem Jahr 2000 wieder Werbung für den Sport. Und auch die Stadt.

Bei den Spielern funktioniert das. Vor allem die Chinesen kommen gerne nach Magdeburg und genießen – soweit es der Zeitplan zulässt – Spaziergänge an der Elbe oder im Stadtpark. Wobei sie heute und morgen voll eingebunden sind, gehören doch die Sportler aus Fernost als mit Abstand stärkste Kraft im Tischtennis zu den Turnierfavoriten.

Aber auch Deutschland hat seine Aushängeschilder. Allen voran eben Boll, der als „Flaggschiff des Sports“ nicht nur für Kleeblatt ein Vorbild ist. „Er ist einfach auf dem Boden geblieben, das macht ihn so sympathisch“, sagt der Volunteer. Jedoch lief das Turnier für den 38-Jährigen nicht optimal.

Bereits am Donnerstag schied er im Achtelfinale des Herren-Doppels aus. Mit seinem Partner Ricardo Walther unterlag er den Koreanern Jeoung Youngsik/Lee Sangsu mit 1:3. Und im Einzel ergab sich für Boll ein sehr schweres Los. Gestern Abend musste er gegen den Weltranglistenersten Fan Zhendong antreten. Bislang alle Duelle mit Boll entschied der Chinese für sich, davon allein vier im Herbst des vergangenen Jahres. Und so auch dieses Mal – 2:4.

Doch egal, wann die Abreise für die deutschen und internationalen Stars vom Turnier auch erfolgt: Kleeblatt steht bereit. Überrascht sind die Athleten zumeist darüber, dass es sich beim Fahrdienst um eine ehrenamtliche Arbeit handelt. Kleeblatt macht das, weil das Volunteer-Team für ihn „eine Familie geworden“ ist und weil er die Möglichkeit hat, die „Weltstars hautnah erleben“ zu können. Er saugt wie so viele Zuschauer die Stimmung praktisch auf.

Ovtcharov schwärmt von sehr guter Stimmung

„Auch in den oberen Rängen ist man ganz nah dran am Geschehen“, sagt TTVSA-Präsident Konrad Richter. Und die Tischtennis-Spieler profitieren ebenfalls von der guten Stimmung. „Die German Open sind traditionell gut besucht. Das ist bei anderen Turnieren auf der World Tour nur selten der Fall. Von daher ist es immer besonders, in Deutschland zu spielen, da hier immer eine sehr gute Stimmung herrscht“, schwärmte Dimitrij Ovtcharov schon vor dem Turnierstart.

Und das bestätigte sich für den Weltranglistenelften in den vergangenen Tagen erneut. Er bezeichnete nach guten Auftritten die German Open, die er in der Elbestadt 2017 gewann, als sein „Lieblingsturnier“.

Pluspunkte sammelten die German Open gestern sicher auch bei einigen Kindern und Jugendlichen. Denn sie durften am U-18-Tag bei freiem Eintritt nicht nur die Weltstars anhimmeln, sondern auch selbst aktiv werden. Richter betont: „Für uns sind solche Veranstaltungen auch immer Nachwuchswerbung und wir brauchen besonders die Kinder in den Vereinen.“ In einem Parcours gab es für mehr als 250 Schüler die Möglichkeit, den Sport spielerisch zu erlernen oder ihre Fähigkeiten auszubauen.

Darunter tummelten sich auch Talente des TTV Barleben, in dem sich Ehrenamtler Kleeblatt im Vorstand und vor allem im Nachwuchsbereich aktiv einsetzt. „In diesem Jahr mache ich meine B-Lizenz“, berichtet er. Für ihn ist es Herzenssache, sich nicht nur bei den German Open als freiwilliger Helfer einzubringen, sondern sich auch in seinem Verein zu engagieren. Und zu spielen. Und damit ist er nicht allein. Ein Großteil der Gäste bei den German Open ist auch selbst aktiv.

Körperlicher und seelischer Ausgleich

Für Kleeblatt ist Tischtennis ein „körperlicher und seelischer Ausgleich“. Er hat schon viele Hobbys probiert: Spielte zunächst Schach, holte dann Landesmeistertitel im Ju-Jutsu, gewann an der Luftdruckpistole etliche Turniere in der Region. Geblieben ist er aber beim Tischtennis, das er erst mit 18 Jahren für sich entdeckte. Das ist zwar ein großer Unterschied zu Stars wie Ovtcharov, dem der Sport in die Wiege gelegt wurde, oder Boll, um den als 14-jähriges Toptalent ein eigenes Profiteam gebaut wurde. „Das war schon ein einmaliges Modell“, berichtete er im großen Volksstimme-Interview.

Doch eines eint Kleeblatt mit den Profis: die Begeisterung für das Tischtennis. „Ich kenne keinen vielseitigeren Sport“, schwärmt er. „Man braucht Mentalität und Technik. Und kann es auch noch im hohen Alter ausüben. Neulich habe ich erst gegen einen 75-Jährigen verloren“, sagt Kleeblatt und lacht.

Entsprechend war für ihn die Vorfreude auf die German Open „gigantisch“. Er hilft gern mit und ist damit Teil dieses sportlichen Großevents. Es ist eine Win-win-Situation für Veranstalter und Volunteers. Den vor allem für den Fahrdienst, der in zwei Schichten mit sechs bis acht Fahrern arbeitet, bleibt natürlich auch noch Zeit, die Tischtennis-Asse an der Platte zu erleben. Und zu sehen, wie die Idole vom Rücksitz dort so abschneiden.