Neuroathletik

Den Begriff Neuroathletiktraining hat in Deutschland Lars Lienhard geprägt. Er betreute u. a. die Fußball-Nationalmannschaft während der WM in Rio. Sportwissenschaftler und Trainer Lienhard ist derjenige, der den neuro-zentrierten Ansatz in den deutschen Spitzensport brachte.

Magdeburg l Etwas „verrückt“ sei es auf den ersten Blick schon, sagt Daniel Müller, wenn die Spieler des SC Magdeburg zum Beispiel farbige Kugeln auf einer Schnur fixieren müssen. Aber Müller, der seit diesem Sommer als Athletiktrainer beim SCM tätig ist, verfolgt damit ein Ziel: Das Gehirn und das Nervensystem der Handballer zusätzlich zu stimulieren, um ungenutztes Potenzial voll auszuschöpfen. Stichwort: Neuroathletiktraining.

Müller hat beim SCM in seinen ersten Monaten nun aber nicht alles über den Haufen geworfen. Im Gegenteil: „Die Spieler gehen schon noch in den Kraftraum, keine Sorge“, sagt er und lacht. Und fügt an: „Ich bin kein Freund davon, jemandem etwas überzustülpen. Die Spieler müssen erst einmal verstehen, um was es mir geht. Und aus athletischer Sicht war die Verfassung der Mannschaft ja auch gut. Mir geht es vielmehr darum, nach und nach Elemente aus dem neuroathletischen Bereich einfließen zu lassen.“

Auf den Input kommt es an

Der 29-Jährige, der selbständig als Therapeut und Trainer arbeitet sowie als Doktorand an der Fakultät für Humanwissenschaften an der Otto-von-Guericke-Universität forscht, beschreibt den zugrunde liegenden Gedanken des Neuroathletiktrainings so: Üblicherweise beschäftige man sich als Trainer mit dem Output, also mit dem Ergebnis, das die Athleten liefern. Zum Beispiel damit, wie hoch ein Sportler springt.

Bilder

„Wie das Ergebnis zustande kommt, das wird aber nicht beleuchtet“, sagt Müller. Also alles, was passiert, bevor eine Bewegung überhaupt zu sehen ist. „Den Input“, wie es Müller nennt, „den möchte ich verbessern.“

Gehirn steht im Fokus

Denn bevor eine Bewegung entsteht, empfängt das Gehirn schon Informationen, „zu 80 Prozent über die Augen“, sagt Müller. Diese Infos werden ausgewertet und das Gehirn entscheidet, wie die entsprechende Bewegung ausfällt. Also zum Beispiel ob schnell oder langsam.

„Wenn in diesem Prozess irgendwo eine Einschränkung ist, dann sagt das Gehirn: Halt, das ist nicht sicher. Und die Leistungsfähigkeit wird runtergefahren.“ So gibt es beispielsweise einen Spieler, der die linke, obere Torecke nicht gut trifft. Müller analysierte, wie der Spieler wirft, wie er dabei seinen Kopf dreht, in welche Richtung er schaut. „Und dann stellt sich heraus: Der Spieler richtet eigentlich sein starkes Auge nach vorn. Als er auf die besagte Torecke wirft, ist aber sein schwaches Auge vorn, das heißt, sein Gehirn empfängt ein schlechteres Bild.“ Die Leistungsfähigkeit wird negativ beeinträchtigt.

Extra Programm für Torhüter

Dieses Beispiel zeigt auch, dass der Trainingsansatz von Spieler zu Spieler unterschiedlich ist. „Die individuelle Arbeit ist deshalb auch am ergiebigsten.“

Für die Torhüter des SCM, Jannick Green und Tobias Thulin, hat er extra ein Programm entwickelt, das sich vor allem um die Augen dreht, um das sogenannte visuelle System. Wenn Green darüber spricht, klingt er noch etwas zurückhaltend: „Ich denke schon, dass es wichtig und richtig ist, neue Sachen auszuprobieren“, sagt er, „ob man die Übungen dann beibehält, hängt natürlich auch davon ab, wie sie wirken.“

Gerade die Torhüter sind im Spiel besonders gefordert. „Sie müssen schnelle Blick-Sprünge machen, weil sie ja dem Ball hinterher schauen. Dann kommt noch die Lautstärke dazu, sie agieren vielleicht aus der Drehung heraus“, zählt Müller Herausforderungen auf. Er stellt aber auch klar: „Mit dem ganz normalen Training kannst du schon einen weltklasse Torhüter haben. Nur gibt es Reserven, die bisher ungenutzt sind – und an die will ich rankommen.“

Weitere Artikel zum SC Magdeburg finden Sie hier.