Herr Quenstedt, Bundestrainer Christian Prokop hat Sie für die EM-Qualifikationspiele in der vergangenen Woche nominiert. Auch wenn Sie ein Infekt außer Gefecht gesetzt hat – wie viel hat Ihnen das bedeutet?

Dario Quenstedt: Das hat mir sehr viel bedeutet. Denn es war bei meinen wenigen Einsatzzeiten in der zurückliegenden Saison ja nicht unbedingt zu erwarten. Schade, dass der heftige Infekt dann meinen Einsatz verhindert hat.

Ausgerechnet Ihre letzte Saison beim SC Magdeburg war Ihre schwierigste. Sie kamen kaum zum Einsatz. Wie haben Sie sich in dieser Phase motiviert?

Ich hatte den SCM-Fans auf meiner Homepage versprochen, mich bis zum letzten Spiel mit 150 Prozent für den Verein und unsere Ziele einzusetzen. Als mir dann im Verlauf der Saison klar wurde, dass ich unabhängig von der Trainings- und Spielleistung nicht eingesetzt werde, war das natürlich eine besondere Herausforderung. Gespräche im privaten Bereich und mit meinem Spielerberater und Mentalcoach, Frank Schoppe, haben mir sehr geholfen, die Motivation aufrechtzuerhalten. Ich denke, dass es dann auch eine gewisse Trotzreaktion war, jetzt erst recht im Training Gas zu geben. Ich habe sogar an den freien Tagen Extra-Einheiten im Fitnessstudio absolviert, um die fehlende Wettkampfpraxis auszugleichen.

Hat es Sie überrascht, wie mit Ihnen umgegangen wurde?

Mit meiner Zusage beim THW war mir klar, dass ich nicht mehr die erste Wahl beim SCM sein werde. Ich denke, es ist normal, dass der Verein auf die Spieler setzt, die auch zukünftig noch da sein werden. Allerdings hat mich das Ausmaß dann doch überrascht, ja, und auch enttäuscht. Ich war 18 Spiele in Folge nicht in der Startaufstellung und hatte natürlich große Schwierigkeiten in den wichtigen Wettkampfrhythmus zu kommen. Das war für unser Team aus meiner Sicht ein erhebliches Risiko, denn auf Top-Niveau braucht man zwei funktionierende Torhüter. Die einseitige Aufstellung hat sich erst etwas geändert, als wir Spiele verloren haben – da war es aber fürs Erreichen unserer Saisonziele bereits zu spät.

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Im Pokal-Finale in Hamburg war die Mannschaft ganz nah dran am Titelgewinn, der ja als Saisonziel ausgegeben wurde. Auch dank Ihnen ...

Da haben sich die Extra-Einheiten dann zumindest teilweise ausgezahlt. Im Halbfinale konnte ich wesentlich zum Sieg beitragen. Leider durfte ich dann im Finale nicht anfangen, obwohl das Momentum und der Umstand, gegen meinen zukünftigen Verein zu spielen, dafür gesprochen hätten. Nach meiner Einwechslung konnte ich immerhin noch 40 Prozent der Bälle halten, es war aber zu spät für den Sieg.

Mit Jannick Green hatten Sie aber auch einen Konkurrenten an Ihrer Seite, der die komplette Saison hinweg auf einem sehr hohen Niveau agiert hat. Ist die Entscheidung, auf Green zu setzen, für Sie rückblickend daher auch ein Stück weit nachvollziehbar?

Nein. Denn es gab keinen sportlichen oder gesundheitlichen Grund, Jannick und mich nicht zusammen in den Wettkampf-Rhythmus kommen zu lassen. In der Saison davor hatte ich beispielsweise eine Fangquote von über 35 Prozent, die war besser, als die von Niklas Landin oder Andreas Wolff bei vergleichbaren Einsatzzeiten. Die Grundlage dafür waren aber nun mal ausgeglichene Einsatzzeiten, damit beide Torhüter eine entsprechende Sicherheit entwickeln können. Trotz der Leistungsdichte in der Bundesliga gibt es für die Spitzenmannschaften, die ja auch auf internationaler Ebene Einsätze haben, genügend Spiele, um beide Torhüter mit Spielpraxis zu versorgen – wenn der Trainer das denn will.

Haben Sie Ihren Abschied aus Magdeburg trotz all der Spannungen dennoch als rund empfunden?

Ich fand es eine schöne Geste von Bennet Wiegert, dass ich bei meinem letzten Heimspiel für den SCM spielen durfte und ich habe es ihm mit einer Fangquote von 44 Prozent gedankt. Die Verabschiedung war dann erwartet emotional und ich möchte noch einmal allen Zuschauern danken, dass sie nach dem Spiel in der Halle geblieben sind und eine so tolle Stimmung gemacht haben. Das werde ich nicht vergessen.

Hätten Sie sich auch vorstellen können, beim SCM zu bleiben? Oder war es einfach Zeit für einen Tapetenwechsel?

Ich habe überhaupt keine langfristige Planung in Bezug auf Vereinswechsel, da das im Profigeschäft von zu vielen Variablen abhängt. Ich wäre natürlich auch weiter in Magdeburg geblieben, zumal viele Rahmenbedingungen dafür sprachen. Magdeburg ist meine Heimatstadt, meine Frau ist hier sehr zufrieden, unsere Kinder sind hier geboren, wir fühlen uns in unserem Haus wohl und unsere Freunde sind sehr nah. Der SCM hatte viele Trümpfe in der Hand, bekanntlich kam es dann anders.

Wenn all das für Magdeburg gesprochen hat – wie konnte der THW Kiel Sie dann überhaupt überzeugen?

Entscheidend war, dass mich der THW vom Zukunftskonzept des Vereins überzeugt hat und mir das Gefühl gegeben hat, dabei ein wichtiger Baustein zu sein, auf den man nicht verzichten möchte. Das hat den Ausschlag gegeben.

Wie hat der SCM auf die Offerte reagiert?

Kiel ist mit dem Thema sehr offen umgegangen und hat den SCM über die Absicht, mich zu verpflichten, im Vorfeld informiert. Es gab dann seitens des SCM ein Gespräch mit mir und ein Angebot. Inwieweit der SCM dabei seine finanziellen Möglichkeiten ausgereizt hat, kann ich nicht beurteilen. Der finanzielle Aspekt war aber sowieso nicht maßgebend.

Was haben Sie sich jetzt für Ihre Zeit in Kiel vorgenommen? Und wie gehen Sie damit um, dass dort mit Niklas Landin ein starker Torwart seinen Stammplatz inne hat?

Ich freue mich auf die neuen Herausforderungen und muss mir in Kiel natürlich erst einmal durch entsprechende Leistungen auf der Platte einen Namen machen und meinen Platz in der Mannschaft erarbeiten. So wie mit meinen bisherigen Torhüterkollegen, bin ich mir sicher, auch mit Niklas ein sehr gutes, harmonisierendes Team bilden zu können. Ich gehe aber nicht zum THW, um dort als Nummer zwei auf der Bank zu sitzen und erwarte einen fairen Wettkampf und eine transparente Auskunft über die Aufstellung im Tor.

Gibt es etwas, das Sie aus Ihrer Zeit beim SCM mit in den Norden nehmen?

Ich habe jetzt seit dem Jahr 2000 für den SCM gespielt und verdanke den Trainern und Verantwortlichen hier alles, was ich bisher im Handball erreicht habe. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir Harry Jahns und Ghita Licu, die mich in meiner jugendlichen „Sturm- und Drangphase“ trainiert haben. Mit einer gewissen Härte haben sie mir beigebracht, dass es neben Talent auch auf Durchhaltevermögen, Kontinuität und Trainingsfleiß ankommt. Das nehme ich auf jeden Fall mit.

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