Magdeburg l Wenn am Montag die Vorbereitung der Handballer des SC Magdeburg für das Pokal-Halbfinale am kommenden Sonnabend beginnt, dann findet diese nicht nur auf dem Spielfeld statt. Sondern, wie bei Torhüter Dario Quenstedt, auch mit einem weißen Blatt Papier. Darauf zeichnet er nämlich neben dem Videostudium die Würfe der Konkurrenten ein. Während also unter anderem zehnminütige Clips von Fabian Böhm, Kai Häfner und Morten Olsen von Hannover-Burgdorf, dem Halbfinal-Gegner in der Hamburger Barclaycard-Arena, über den Bildschirm flimmern, trägt er Position, Wurfart und den Punkt, wo der Ball letztlich aufs Tor kommt, ein.

„Dafür brauche ich rund 60  Minuten“, erzählt Quenstedt, „aber damit habe ich sie ja noch nicht abgespeichert.“ Das erfolgt dann durch stupides Auswendiglernen. „Von den Schlüsselspielern der Bundesliga habe ich die meisten Wurfbilder aber im Kopf.“

Svensson führt Statistik

Und wenn es während einer Partie trotzdem mal knirscht oder ein Spieler aus der zweiten Reihe eingewechselt wird, dann gibt es ja immer noch das schwarze Notizbuch von Torwarttrainer Tomas Svensson, in das schnell ein Blick geworfen werden kann.

Bilder

Findet das Trio Green, Quenstedt und Svensson nun heraus, dass ein Spieler den Großteil seiner Würfe auf der rechten Seite platziert, „dann kann man sich trotzdem nicht da hinstellen und Kaffee trinken“, sagt Svensson. Denn: „Es ist immer noch Sport. Es gehört immer Improvisation dazu und wenn ein Spieler einen Schubser bekommt, landet sein Abschluss ganz woanders.“

Auch Quenstedt betont, dass die Vorbereitung keine Garantie für eine gute Fangquote ist. „Es gibt auch immer wieder Spieler, die nur schwer zu entziffern sind. Zum Beispiel Holger Glandorf von der SG Flensburg-Handewitt. Bei ihm ist es unheimlich schwer abzusehen, wann er wo hinwirft.“

SCM-Torhüter agieren unter Zeitnot

Dennoch ist diese Art der Gegner-Analyse extrem wichtig. Torhüter agieren immer unter Zeitnot. Sie können sich nicht nur auf ihre Reaktionsschnelligkeit und das im Auge behalten des Balls verlassen. „Wir haben eine Reaktionszeit von 0,3 Sekunden. Das heißt, nach 0,2 Sekunden verstehen wir erst, was überhaupt passiert ist. Dann kommt der Ball im Schnitt mit 100 km/h aufs Tor. Und letzteres ist sechs Quadratmeter groß – wir decken nur einen Quadratmeter ab“, zählt Svensson die Herausforderungen auf.

Hinzu kommt: Vor dem Torwart stehen die Abwehrspieler, „die schützen uns, sind aber auch große Tiere, die uns die Sicht nehmen“. Agiert nun zum Beispiel der Hannoveraner Morten Olsen auf Rückraum Mitte – er ist 1,84 Meter groß –, geht er hinter den Zwei-Meter-Männern des SCM, Zeljko Musa und Piotr Chrapkowski, quasi unter. „Den siehst du einfach nicht. Du weißt, der ist da, aber im Prinzip rätselt der Torhüter, wann der Ball aufs Tor kommt.“

Keine Geheimnisse bei Füchsen

Mit den Informationen der Wurfbilder ist für Green und Quenstedt somit die Wahrscheinlichkeit, einen Ball zu parieren, höher. Nur: Die Gegner wissen ja um die Vorbereitung der Torhüter. Ist es somit nicht einfach, sie auszutricksen?

„Das stimmt, alle Spieler wissen das. Aber die Besten haben vielleicht drei, vier Wurfvarianten drauf. Und dann darf man nicht vergessen: Die Spieler haben eine Belastung von rund 200 Puls über 60 Minuten – da denkst du am Ende nicht mehr viel nach, da kommt der Wurf automatisch raus“, meint Svensson.

Towart soll kein Roboter sein

So erklärt sich auch, warum die schwierigste Phase für die Torhüter die ersten 20 Minuten sind. „Da sind die Gegner noch fit. Je länger das Spiel läuft, und wenn der Torwart psychologisch stark ist, liegt der Vorteil bei ihm.“ Und dieser Vorteil wird umso größer, je häufiger der Torhüter bereits gegen die Mannschaft gespielt hat. „Gegen die Füchse Berlin haben wir zum Beispiel so oft gespielt, da gibt es einfach keine Geheimnisse mehr.“ Eigentlich eine beruhigende Nachricht, könnten die Füchse doch ein möglicher Gegner des SCM sein – sofern beide Mannschaften ins Pokal-Finale einziehen. Dafür müssten die Berliner den THW Kiel schlagen. „Wir bereiten uns trotzdem vor – im Fall der Final-Teilnahme per Nachtschicht“, betont Quenstedt.

Aus den Wurfbildern will Svensson übrigens kein starres Dogma ableiten. „Es ist eine Voraussetzung für das Torwart-Spiel, das zu wissen. Aber auf dem Spielfeld darf man kein Roboter sein. Wenn ich darüber nachdenke, ‚ach, der schießt ja immer dahin‘, ist es schon zu spät.“ Schlussendlich zähle eh nur eines: „Halt die Klappe und halt den Ball“, sagt Svensson und lacht. Wenn er übrigens ehemalige Handballer trifft, die gegen ihn gespielt haben, dann hat er deren Namen manchmal schon vergessen. „Aber ich weiß: Der hat immer flach rechts geworfen!“

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