Melbourne (dpa) - In einem Klima der Verunsicherung und des Misstrauens startet Sebastian Vettel in seine vielleicht letzte Titelmission mit Ferrari.

Selbst am anderen Ende der Welt hat die Formel 1 die Coronavirus-Krise nicht abhängen können und stürzt sich in eine Saison voller Unwägbarkeiten. Die XXL-WM mit einst 22 Grand Prix droht sogar noch weiter einzugehen, nachdem im Fahrerlager von Melbourne schon vor dem Auftakt am Sonntag (6.10 Uhr/RTL und Sky) die ersten Verdachtsfälle auf Sars-CoV-2 aufgetreten sind.

Neben der Debatte um Geister-Grand-Prix und Absagen weiterer Rennen stehen Vettel und seine Scuderia noch im Mittelpunkt von Schummelvorwürfen. Diese Saison, in der die Königsklasse des Motorsports stolz ihren 70. Geburtstag feiern und Titelverteidiger Lewis Hamilton den WM-Rekord von Michael Schumacher einstellen will, könnte zu einer der umstrittensten PS-Tourneen seit Jahren werden.

"Als Team müssen wir uns steigern, als Einzelner muss ich mich steigern", formulierte Vettel auch selbstkritisch seinen Anspruch vor seinem mittlerweile sechsten Jahr in Rot. Titel? Fehlanzeige! Der viermalige Weltmeister ist den Nachweis noch immer schuldig, die Scuderia wie einst sein Idol Schumacher zum Weltmeister machen zu können. Angesichts eines auslaufenden Vertrags steht Vettel mehr denn je in der Bringschuld. "Es liegt immer an den Details, an kleinen Anpassungen. Ich muss nicht anders fahren, ich weiß, wie ich zu fahren habe", beteuerte der 32-Jährige.

Vettels erster Rivale sitzt im eigenen Team. Charles Leclerc stellte 2019 gleich in seiner Ferrari-Premierensaison den Deutschen mit 2:1 nach Siegen in den Schatten und schloss das WM-Klassement als Vierter auch noch direkt vor ihm ab. Mit einem Vertrag bis Ende 2024 schenkte die Scuderia dem 22-Jährigen zudem einen Vertrauensvorschuss. "Wenn ich am Ende der Saison auf das Jahr zurückblicke, will ich keine Gelegenheit ausgelassen haben", betonte Leclerc. Der Monegasse will den Generationenwechsel beschleunigen und sich noch vor Vettel den Titeltraum mit Ferrari erfüllen.

Der SF1000, mit dem die Scuderia in Frankreich ihr 1000. Rennen bestreiten wird, wirkte in den Tests aber nicht wie der große Wurf. Der Wagen hat in den Kurven zugelegt, den Eindrücken von Barcelona zufolge dafür aber auf den Geraden an Geschwindigkeit eingebüßt.

An Vertrauen hat der Motorsport-Weltverband FIA in Sachen Ferrari verloren. Mehrfach war Vettels Arbeitgeber in der vergangenen Saison Schummelei beim Motor vorgeworfen worden. Die FIA untersuchte diese sogenannte Power Unit - und einigte sich anschließend mit der Scuderia auf einen Vergleich und Stillschweigen. Angeführt von Branchenführer Mercedes griffen insgesamt sieben Teams den Verband an, forderten eine Offenlegung der Ergebnisse und schlossen selbst juristische Schritte nicht aus.

In den Fokus geriet Ferrari auch in der Coronavirus-Krise. Würden es die Teammitglieder rechtzeitig aus der Sperrzone Italien überhaupt nach Australien schaffen? Ja, taten sie. In Melbourne soll gefahren werden - auch wenn andernorts längst Massenveranstaltungen abgesagt werden. Die Formel 1 hatte ihren Kalender auf 22 Veranstaltungen aufgebläht. Allerdings musste sie schon den Grand Prix von China auf unbestimmte Zeit verschieben, in Bahrain soll nur eine Woche nach dem Auftakt vor leeren Rängen gefahren werden.

"Es ist eine ernste Situation", räumte Formel-1-Sportchef Ross Brawn ein. "Wir versuchen aber Rennen auf verantwortungsbewusste Weise zu fahren." Aber wird in Melbourne überhaupt Gas gegeben? Diese Frage gewinnt nicht zuletzt deshalb an Brisanz, weil die ersten Verdachtsfälle auf das Coronavirus im Fahrerlager aufgetreten sind. Dabei handelt es sich um mindestens drei Mitarbeiter von Rennställen. Einer ist bei McLaren angestellt, zwei bei Haas. Sie befinden sich derzeit isoliert in ihren Hotelzimmern. Dies bestätigten die beiden Rennställe der Deutschen Presse-Agentur. Es handle sich um Vorsichtsmaßnahmen, man warte nun auf die Ergebnisse.

Die sportlichen Schlagzeilen will im Jahr vor der Regelrevolution wieder Mercedes schreiben. Motorenprobleme haben die Silberpfeile aber alarmiert. "Das ist ganz bestimmt kein einfaches oder entspanntes Szenario für uns", meinte Hamilton. Seine persönliche Vorbereitung für den siebten WM-Triumph verlief aber nach Wunsch. Der 35-Jährige strich Pfannkuchen von seiner Speisekarte, integrierte mehr Pilates, Yoga und Meditation in seine Trainingseinheiten. Hamilton erscheint noch fitter als zuvor.

"Er hat die Chance einer der Größten aller Zeiten zu werden", befand sein früherer Stallrivale Nico Rosberg, der ihm 2016 die WM entreißen konnte. "Absolut unglaublich" sei Hamilton für ihn. "Wenn aber eine Person zurückschlagen kann, dann ist das Sebastian", meinte Rosberg weiter. Melbourne könnte einen Vorgeschmack liefern.

Rennställe

Ferrari-Porträt

Mercedes-Porträt

Fahrerfeld

Rennkalender

Red-Bull-Porträt

Vettel-Profil

Hamilton-Profil

Formel-1-Mitteilung

Ferrari-Vorschau

Coronavirus-Maßnahmen an der Rennstrecke