Viele Laufsportler hegen einen Traum – einmal im Leben den New-York-Marathon absolvieren. Jeanette Wagner hat sich diesen Traum vor zwei Wochen erfüllt. Unter 45 000 Teilnehmern absolvierte die 40-Jährige aus Möser die 42,195 Kilometer quer durch den "Big Apple". Nach 5:17 Stunden und 80 Fotos war für sie klar: "Dieses Lauferlebnis ist nicht mehr zu toppen."

Möser. Noch lange nach ihrer sechstägigen New York-Reise laufen vor Jeanette Wagner die Bilder im Kopf ab: Die Skyline der Metropole, die tausenden jubelnden Menschen an der Strecke und immer wieder die Rufe: "Go, go, Jeanette. You can do it!" Sie hat es geschafft, sie hat den Marathon durch eine der schönsten Städte der Welt bewältigt. Die Frage nach der Zeit erübrigt sich. "Ich wollte ankommen, viele Eindrücke sammeln und einfach Spaß haben", sagt Wagner. Allein das zählt.

Jeanette Wagner gehört zu den vielen Sportlern im Kreis, die ihre Freizeit gern beim Laufen verbringen. "Ich trete vor die Tür und laufe einfach los, da ist kein Aufwand dahinter." Sie möchte ungebunden bleiben, schon gar nicht einem Verein oder einer Laufgruppe beitreten. Vielmehr streift sie dreimal pro Woche allein durch "Wald und Flur", um den "Kopf frei zu bekommen".

Mit der Zeit hat aber auch die gelernte Kinderkrankenschwester der Laufvirus gepackt. Nachdem sie 2006 erstmals den Magdeburg-Marathon absolvierte ("Das war wirklich hart"), nahm sie in den folgenden drei Jahren am Berlin-Marathon teil. Dabei erhielt sie schon einen Vorgeschmack, wie es beim weltweit größten Marathon zugeht. Dass sie bereits in diesem Jahr das Lauferlebnis in New York mit rund 45 000 Startern teilen würde, war ihrer Familie zu verdanken. "Sie haben mir die Reise zum 40. Geburtstag geschenkt."

Ehe sie nach Amerika abhob, bereitete sich die zierliche Frau akribisch auf den Marathon vor. Anhand eines speziellen Trainingsplans absolvierte sie ein Zehn-Wochen-Programm mit Steigerungsläufen und den "langen Kanten" am Wochenende über 20, 24, 28 und 30 Kilometer – immer das eine Ziel vor Augen. "Natürlich stellt man auch etwas die Ernährung um, nimmt mehr Kohlenhydrate zu sich, aber sonst bleibt alles beim Alten", sagt Wagner.

Wertvolle Tipps vom "Lauf-Guru"

Anfang November nun ging alles ganz schnell. Zusammen mit einer Läuferin aus Eppelheim, die sie nach der Buchung der Gruppenreise kennen lernte, bezog sie in New York ein Hotelzimmer. Zwar stand an den ersten Tagen Sightseeing (Empire State Building, Trump Tower, Shoppen) auf dem Programm, aber "man musste aufpassen, sich weiter auf den Lauf zu konzentrieren".

Einen Vorgeschmack gab es bereits am Vortag, beim sogenannten Friendship-Run (Freundschaftslauf). Bei dem Vier-Kilometer-Lauf müssen sich die Teilnehmer in den Outfits ihrer Heimatländer präsentieren. Mit Deutschland-Mütze und -T-Shirt ausgestattet, traf Jeanette Wagner dabei auch auf den "Laufguru" Herbert Steffny, der den New York-Marathon 1983 als Dritter beendet hatte. Von ihm und weiteren Experten vor Ort erhielt sie wertvolle Tipps. "Wir sollen unsere eigenen Zeitvorgaben ausblenden, vielmehr das Lauf- event selbst genießen", sagt Wagner.

Und sie genoss den Marathon. Bereits um sieben Uhr morgens (bei drei Grad) fand sie sich am Start auf Staten Island ein. Um 10.20 Uhr setzte sich die "dritte Welle" des riesigen Teilnehmerfeldes, darunter zirka 2000 Deutsche, in Gang. Bereits auf dem ersten Kilometer, auf der Verrazano-Narrows-Brücke, blieb sie stehen, um zu fotografieren. "Das war faszinierend zu sehen wie die Läufer über beide Etagen liefen, zumal ich das Schwingen der Brücke spürte", schildert sie ihre Eindrücke.

"Die Amerikaner sind da noch offener"

Von dort aus ging es auf einer schwierigen Strecke mit insgesamt fünf Brücken durch die einzelnen New Yorker Stadtteile Brooklyn, Queens, Bronx, Harlem bis nach Manhattan. "Ich habe hundert Mal meinen Namen zugerufen bekommen. Die Amerikaner sind da noch offener", sagt Wagner. Und natürlich blieb sie mehrfach stehen, um sich von Zuschauern fotografieren zu lassen. Das Ziel im Central Park sah sie trotzdem, wohl auch aufgrund eines psychologischen Schubs: "Die Kilometer wurden in Meilen angegeben. Und 26 Meilen hört sich besser an als 42 Kilometer", sagt die Sportlerin augenzwinkernd. Und auch ihre Laufzeit von 5:17 Stunden war für sie am Ende völlig nebensächlich. "Ich bin einfach froh, dass ich das Ziel gesehen habe. Angesprochen auf ihre künftigen Ziele als Freizeit-Marathoni, sagt sie: "Keine Ahnung, wie ich das noch toppen soll. Ich muss erstmal die ganzen Eindrücke von New York verarbeiten."