Ilsenburg l Die Mannschaft des KSC Ilsenburg blickt sogar auf eine Saison in der Deutschen Eliteliga zurück. Eine konstante Größe dabei ist Christian König, der in elf Jahren Bundesliga nur ein Punktspiel verpasste. Volksstimme-Redakteur Ingolf Geßler unterhielt sich mit dem 38-Jährigen über seinen sportlichen Weg und die aktuelle Situation im Verein und Kegelsport allgemein.

Volksstimme: Wie hast Du zu Corona-Zeiten die Feiertage verbracht?

Christian König: Den aktuellen Umständen entsprechend, haben wir Weihnachten in der Familie mit Eltern und Schwiegereltern und Silvester mit einer Freundin meiner Frau und deren Kind gefeiert. Quasi ganz in Ruhe.

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Du spielst seit über zehn Jahren für den KSC Ilsenburg bzw. die SG Derenburg/Ilsenburg in der 2. Bundesliga. Wie bist Du überhaupt zum Kegeln gekommen?

Ich bin der Meinung, dass ich mit elf Jahren aktiv mit dem Kegeln begonnen habe. Gekommen ist das durch die Familie. Meine Mutter hat gekegelt, meine Tante hat gekegelt, mein Cousin hat gekegelt und natürlich auch mein Opa Karl-Dietrich Müller, der vielen Kegelsportlern über die Kreisgrenzen hinaus bekannt war. Das waren die treibenden Kräfte, dass ich in der Jugendzeit zum Kegeln kam. Mit der Cousine waren wir fast täglich kegeln. Ihr Vater Wolfgang Steckel war ja Inhaber der Bahn, hat dann auch gleich Mittag gekocht und so war man gleich nach der Schule auf der Kegelbahn. So hat sich das ergeben - und man ist halt immer noch dabei.

Was macht das Kegeln für Dich so besonders?

Ich weiß gar nicht, ob man das so wirklich beschreiben kann. Ein Grund war sicher, dass sich von Beginn an der Erfolg eingestellt hat. Ich kann mich noch an meine ersten Landesmeisterschaften erinnern, das war in der Jugend B mit 60 Wurf in Stendal. Hätte ich nicht eine Bahn „verhauen“, wäre ich gleich im ersten Jahr Dritter gewesen. Vorher hat man eher seine Kugeln gespielt, ohne zu wissen, ob das wirklich gut war. Das war auch noch eine ganz andere Jugendarbeit, da waren wir wesentlich mehr, als es heute im Verein der Fall ist. Aber dann sagt man sich schon „Du hast ein gewisses Talent“. Das war dann so der Startschuss für eine erfolgreiche Zeit in der Jugend.

Das Kegeln ist für seine familiäre Atmosphäre bekannt. Macht das einen gewissen Unterschied zu anderen Sportarten aus?

Na klar. Es gibt ja gewisse Mannschaften, ob ich nun auf die Bundesliga-Zeit zurückschaue oder die Gegner auf Landesebene, ob es jetzt Seyda ist, ob es Blankenburg ist oder auch Tangermünde aus vielen Jahren: Man kennt sich seit eh und jeh, man fühlt sich wohl und ist wie eine große Familie. Man will zusammen Spaß haben, klar will man auch gewinnen, aber immer in einem freundschaftlichen Flair. Da gibt es Beispiele wie Union Oberschöneweide, wo schon vor Bundesliga-Zeiten durch Freundschaftsspiele eine langfristige Beziehung gewachsen ist. Oder Blankenburg und Seyda, die schon seit vielen Jahren im Austausch sind. Ich weiß nicht, ob es das in anderen Sportarten so auch gibt.

Zurück zu den Anfängen: Was waren die größten Erfolge im Nachwuchs?

1996 haben wir in der Jugend B mit der Ilsenburger Mannschaft in Bremerhaven die erste Medaille bei der Deutschen Meisterschaft geholt. Mit dabei waren Michael Höpfner, Mario Bressel, Michael Nickel, der als Blankenburger mit Zweitspielrecht bei uns spielte, und Fabian Langer, der ja auch noch heute im Bundesliga-Team dabei ist. Ich meine, dass dies die erste Medaille war, die Sachsen-Anhalt bei Deutschen Meisterschaften gewonnen hat. Das war für Sachsen-Anhalt immer noch Neuland, wir waren ja eigentlich „Kegel-Ausländer“ bei solchen Veranstaltungen. An die Vereine aus den alten Bundesländern ist man damals nicht rangekommen, das ist ja noch heute in vielen Alterklassen der Fall.

Mit dieser Truppe haben wir dann mehrere Jahre erfolgreich zusammen gespielt, haben in Sachsen-Anhalt auch in der A-Jugend dominiert. Es war zwar immer das eine oder andere Team dabei, das uns geärgert hat, aber mannschaftlich war gegen uns im Land kein Kraut gewachsen.

Auch im Einzel haben sich in diesem Zeitraum die ersten Erfolge eingestellt, das lief bei mir von der A-Jugend bis in den Juniorenbereich hinein. Der größte Einzelerfolg war für mich ein sechster Platz bei der Deutschen Meisterschaft der Junioren in Uelzen, daraufhin folgte die Nominierung für den Nationalkader. Beim Kadertraining im Oktober 2004 in Rendsburg habe ich mir den Platz in der Mannschaft gesichert, im November habe ich mein erstes und einziges Länderspiel gemacht. Ich glaube fast alle Deutsche Mannschaften haben an diesem Tag ihre Spiele gegen Dänemark gewonnen, das war noch einmal ein besonderes Highlight meiner Karriere. Jetzt ist es durch die Lindner-Zwillinge aus Blankenburg und Maurice Bläß aus unserem Verein, die schon mehrfach dabei waren, etwas anderes. Gerade Lucy Linder ist ja doch eine ganz andere Kategorie. Aber damals war das alles noch Neuland, gerade für Sachsen-Anhalt. Das hatte es zuvor noch nicht gegeben.

Gibt es besondere Spiele, die einem aus der Jugendzeit in Erinnerung geblieben sind?

Die mit Abstand geilsten Finals habe ich bei den Landesmeisterschaften der Junioren in Braunschweig erlebt. Auf der großen Anlage haben alle Kegler von den Junioren über Damen und Herren ihre Meister ermittelt und ich habe mir zwei Jahre am Stück mit Matthias Nerlich vom KSV Reinsdorf im Kreis Wittenberg ein packendes und hochklassiges Duell um den Titel geliefert. Beide Finals konnte ich mit einem Holz Vorsprung gewinnen, mit +97 zu +96 beziehungsweise +93 zu +92 haben wir beide auch die Besten der Herren-Konkurrenz hinter uns gelassen. Eine Hälfte der Halle stand hinter Matze, die andere stand hinter mir, das war von der Stimmung ein absolutes Highlight.

Wie hat es sich im Erwachsenenbereich fortgesetzt?

Auch bei den Herren habe ich mich 2009 für das Finale um die Deutsche Meisterschaft qualifiziert und hier den neunten Platz erreicht. Daraufhin folgte eine weitere Berufung in den Nationalkader, für die Mannschaft hat es diesmal nicht gereicht. Das war auch ein super Jahr, in der Einzelwertung der 2. Bundesliga war ich auf dem sechsten Platz. Den größte Erfolg habe ich mit Horst Bläß bei den Deutschen Meisterschaften 2016 in Kiel gefeiert, als wir Vizemeister der Paare Herren wurden.

Vor vier Jahren habt ihr mit der Kegelhalle im Eichholz eure Heimstätte verloren. Wie sehr hat das den Verein zurück geworfen?

Es hatte sich ja angedeutet, dass Erika (Steckel, Betreiberin der Kegelbahn/d. Red.) nicht weiter macht. Auch sie ist ja 2020, wie mein Opa Karl-Dietrich Müller und Steffen Könnemund als Teammitglied der neuen Spielgemeinschaft mit Derenburg verstorben. Das waren innerhalb eines Jahres gleich drei Personen, die mich im Kegeln über viele Jahre begleitet und geprägt haben. In Ilsenburg waren wir halt seit 1993 jede Woche auf der Kegelbahn, ob es Training war oder Wettkämpfe. Erst bei Wolfgang Steckel, dann bei Erika. Für den Verein war es ein Schlag in den Nacken. Es gab zwar Gespräche mit der Stadt, das waren aber alles Modelle, die von uns als kleinem Verein nicht zu stemmen waren. Auch die Option in der Harzlandhalle, wo es schon weitführende Gespräche gab. Da waren finanzielle Summen im Umlauf, bei denen wir die Bahn selbst hätten verpachten müssen. Aber das war mit unseren 30 Mitgliedern nicht möglich, wir hatten auch keinen, der sich da im frühen Rentenalter hingestellt und jeden Abend drum gekümmert hätte. Das führte letztlich zur Frage, welche Optionen haben wir noch. Und so wurde halt der Kontakt gesucht und eine Spielgemeinschaft mit Eintracht Derenburg gegründet.

Hier ging es gleich im ersten Jahr auf „neuer Heimbahn“ in die 1. Bundesliga?

Mit Steffen Könnemund und Peter Rummelhagen haben wir zwei Derenburger in die erste Mannschaft geholt, um durch Einheimische mehr Sicherheit mitzubringen, was die Bahn angeht. Wir haben dann die Option gewählt, den Aufstieg in die 1. Bundesliga wahrzunehmen. Wir haben das erste Jahr in Derenburg genutzt, um uns einzuspielen, ohne das wir aus der 2. Bundesliga absteigen konnten. Wir sind am Ende abgestiegen, haben es aber selbst verbockt, weil der Klassenerhalt möglich war. Letztlich war es der richtige Schritt, auch wenn einige Kegler auf der Strecke geblieben sind, die den Weg nach Derenburg nicht mitmachen wollten. Aber der Kern, speziell die Bundesliga-Truppe, die auch die weiten Fahrten nach Kiel oder Rostock in Kauf nehmen, ist zusammen geblieben.

Du sprichst die langen Auswärtsfahrten an, das setzt auch die Unterstützung der Familie voraus?

Ohne die Akzeptanz in der Familie würde das nicht funktionieren. Wenn ich das bei mir sehe, ohne die Unterstützung der Frau oder der Omas, die die Kinder nehmen, wäre dies nicht möglich. Es sind nun elf Jahre, die wir mit kurzer Unterbrechung in der Bundesliga spielen. Seit dieser Zeit habe ich ein einziges Spiel verpasst, weil wir auf Arbeit in der Bank eine Systemumstellung hatten, wo ich jetzt keine Oma hinschicken konnte.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf den Kegelsport ausgewirkt, ist aktuell ein Trainingsbetrieb möglich?

Das begann ja schon letzte Saison, wir sind mit unserer Serie zum Glück noch durchgekommen. Die Playoff-Spiele um Meistertitel und Auf- bzw. Abstieg fanden nicht mehr statt, ebenso die Landes- und Deutschen Meisterschaften und der Ländervergleich, der im Herbst stattfindet. Wir sind ja auch eine Hallensportart und bei Meisterschaften sind viele Leute auf engem Raum. Ich habe dadurch ab Februar bis in den August hinein nicht trainiert.

Die neue Saison wurde zunächst ausgesetzt bis in den November hinein, bis einige Klubs Einspruch beim DBKV eingelegt haben. Daraufhin wurden die ersten beiden Spieltags-Wochenenden mit zwei Wochen Verzögerung ausgetragen, zu dieser Zeit verschärfte sich die Lage aber wieder und wir konnten nur zwei Spiele austragen. Eine Auswärtspartie haben wir als Mannschaft absagt, weil Berlin zum Risikogebiet erklärt wurde. Ein Heimspiel wurde vom Gegner abgesagt, weil ein positiver Corona-Fall in der Mannschaft vorlag.

In den beiden ausgetragenen Spielen hast Du jeweils die Tagesbestleistung gespielt?

Die beiden 12-Punkte-Spiele sind vielleicht ein schöner Nebeneffekt, wobei es vor allem in Treuenbrietzen beim Auswärtsspiel gegen Seyda hervorragend lief. Aber letztlich ist es alles für die Katz. Ich denke, dass die Saison in dieser Form nicht zu Ende gespielt wird, zumindest nicht jetzt. Es gibt Überlegungen, dass sie zum aktuellen Stand eingefroren und vielleicht im Sommer statt der neuen Saison fortgeführt wird, vorausgesetzt Sport in der Halle ist dann wieder möglich. Die Deutschen Meisterschaften sind eh schon abgesagt, so wird es auch auf Landesebene kommen, da keine Vorkämpfe stattfinden konnten. Wir wollen natürlich kegeln, aber seine Gesundheit und Familie wird keiner aufgrund des Hobbys gefährden.

Hältst Du Dich auf andere Art und Weise fit?

Das ist im Moment schwierig. Training ist ja nicht, da die Hallen geschlossen sind. Ansonsten ist es zeitlich schwierig, vor allem arbeitsbedingt. Und dann sind ja noch zwei „Steppkes“ Zuhause mit sieben und fast zwei Jahren. Wenn etwas mehr freie Zeit vorhanden sind, versucht man diese natürlich mit der Familie zu verbringen. Was das Sportliche angeht, bin ich recht faul, das war früher anders. Als Kind hatte ich Fußball gespielt, bis zur ersten Saison auf dem Großfeld. Danach bin ich zum Handball gegangen, habe viele Jahre parallel zum Kegeln beim HV Ilsenburg gespielt. Durch die Auswärtsfahrten beim Kegeln habe ich natürlich ein paar Handballspiele ausfallen lassen müssen. Irgendwann wurde ich daher vom Trainer vor die Wahl gestellt: „Du musst Dich für eins entscheiden!“ Da wir mit dem KSC Ilsenburg gerade in die 2. Bundesliga aufgestiegen waren, war die Entscheidung klar. Handball hatte ich aus Spaß an der Truppe und das gewisse Training gespielt, die Erfolge hatte ich beim Kegeln.

Zwischendurch war mal Mountainbiken im Harz an der Tagesordnung, aber das ist leider auch vor sechs oder sieben Jahren eingeschlafen. Durch die Familie bleibt sicherlich einiges auf der Strecke, eigentlich müsste man wieder ein bisschen was für die Fitness machen.

Welche sportlichen Ziele verfolgt Ihr mit der SG Derenburg/Ilsenburg?

Vor zwei Jahren waren wir zehn Leute, aus denen wir die sechs Spieler für die Punktspiele der ersten Mannschaft ziehen konnten. Nach der Rückkehr in die 2. Bundesliga fiel Horst Bläß lange Zeit aus, auch zu Beginn dieser Saison. Steffen Könnemund fehlte letzte Saison lange krankheitsbedingt und nun natürlich durch seinen tragischen Tod komplett. Dazu hat uns Oliver Angerstein zum Ende der Saison mitgeteilt, dass er aufhört, mittlerweile hat er bei Hertha BSC gespielt. Ihm muss man ohnehin hoch anrechnen, dass er den Weg aus Wittenberg angetreten hat. Er hatte ja quasi nie ein Heimspiel und damit einen noch höheren Aufwand. Dazu kommen mit Marcel Gleffe und Fabian Langer zwei Schichtarbeiter, die auch nicht immer frei und Urlaub nehmen können, um bei den Spielen dabei zu sein. Als ich die ersten Auswärtsspiele der Saison geplant habe, war es schwer, eine Mannschaft vollzubekommen. Der Zweiten kann man auch nicht alle Leute wegnehmen, da sie festgespielt wären. Beim Auswärtsspiel gegen Seyda waren gerade einmal drei der ursprünglichen zehn Spieler dabei. Somit kann man nur das Ziel Klassenerhalt haben. In den Heimspielen sollte man mit den sechs Stammleuten die nötigen Punkte einfahren.

In naher Zukunft muss man sehen, wie sich die personelle Situation entwickelt. Möglicherweise besteht gemeinsam mit anderen aufstrebenden Vereinen im Harzkreis die Chance, sich langfristig in der 2. Bundesliga zu etablieren und vielleicht noch höhere Ziele anzustreben. In unserer Mannschaft gibt es fünf Leute, die sicher noch einige Jahre auf hohem Niveau spielen könnten.

Und aus persönlicher Sicht?

Hier versuche ich weiterhin, bei Meisterschaften vorn dabei zu sein, um möglicherweise noch einmal zur Deutschen Meisterschaft zu fahren. Auf Einzelebene wird das sicher nicht einfacher, bei den Paaren spielen wir auf Landesebene immer oben mit. Bei Deutschen Meisterschaften hast du aber auch da zu viele dabei, die einfach Kegeln können. Da muss der Tag passen, die Bahn passen, da muss alles passen, um erstmal ins Finale zu kommen. Auch die Ländervergleiche mit Sachsen-Anhalt will ich noch so oft wie möglich mitnehmen, da bin ich seit vielen Jahren dabei. Es soll weiter viel Spaß machen, wenn der ein oder andere Erfolg abfällt, sage ich auch nicht nein.

Ansonsten würde ich gern die 500 Punktspiele voll bekommen, aktuell stehe ich da bei 235. Das hängt aber auch von der Entwicklung im Kegelsport ab. Es werden zunehmend weniger Mannschaften, die Verbandsliga ist hier das beste Beispiel, es werden immer weniger Bahnen. Der Trend ist wirklich schade, aber ich weiß nicht, ob dieser „schleichende Abgang“ aufzuhalten ist.

Die Harzer Bohle-Kegler sorgen seit Jahren deutschlandweit für Furore, wie Du schon mit den Deutschen Meistertiteln von Lucy Lindner oder Maurice Bläß in der jüngerer Vergangenheit angesprochen hast. Gibt es dafür einen besonderen Grund?

Das Talent „X“ musst Du mitbringen, als talentfreier auf der Bahn funktioniert das auch mit Training nicht. Dazu muss man auch eine gewisse Einstellung haben. Diesen zeitlichen Aufwand und die teilweise weiten Anfahrtsstrecken, um für eine halbe oder dreiviertel Stunde „Kegel zu schmeißen“, wie es einige sagen, muss man auf sich zu nehmen, ansonsten funktioniert es nicht. Warum der Harzkreis diese Talente hervorbringt, ist schwierig zu erklären. Der Verein muss dahinter stehen, es müssen Leute dahinter stehen, die sich kümmern. Diese müssen immer zum Training da sein, müssen den Nachwuchs ermutigen, dran zu bleiben und ständig weiter zu machen. Aber ohne das eigene Wollen, funktioniert es nicht.