Magdeburg l Bei Besuchen seiner Verwandtschaft in Ost-Berlin hat Heiko Pittelkau zu DDR-Zeiten den Sport kennengelernt, der sein Leben nachhaltig prägte. „Sie haben aufgrund der Nähe zum Westen andere Sender empfangen, und da habe ich das erste Mal American Football aus der NFL gesehen“, erzählt Pittelkau und fügt an: „Ich war sofort fasziniert.“

Anfänge in Wernigerode

Die Chance, den US-amerikanischen Kollisionssport selbst zu spielen, bot sich ihm allerdings erst viele Jahre später – nach der Wende. „Ich habe 1993 einen Zeitungsartikel gelesen, dass es in Wernigerode ein Team gibt. Über eine Freundin bekam ich einen Kontakt vermittelt und konnte mich schon bald im Training ausprobieren“, erzählt Pittelkau. Bei den „Mountain Tigers“ gefiel es ihm so gut, dass er – längst nicht als einziger Magdeburger – Woche für Woche für Trainingseinheiten und Spiele in den Harz pendelte. „Das war eine sehr aufregende und schöne Zeit“, erinnert sich der Routinier gerne zurück.

Auf einer der vielen Fahrten nach Wernigerode wurde schließlich die Idee geboren, American Football an die Elbe zu bringen. „Wir hatten durch unsere Fraktion bei den Mountain Tigers schon einen Stamm und haben auch in Magdeburg schnell einige Footballverrückte gefunden“, erzählt Pittelkau.

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Er selbst spielte 1995, im Gründungsjahr der Virgin Guards, seine letzte Saison für Wernigerode, coachte parallel die Magdeburger Garde, die ihre ersten Spiele der Vereinsgeschichte in der Aufbauliga absolvierte.

Erfolgreicher Einstieg

Der Grundstein für eine wahre Erfolgsgeschichte war gelegt. 1996 in der untersten Spielklasse eingestiegen, kratzte die Garde nach drei Aufstiegen in Serie bereits an der zweithöchsten Spielklasse, der GFL 2. „Die Erfolge zum Start als neue Mannschaft ohne große Erfahrungen waren überraschend und überragend zugleich“, so Pittelkau, der seinerzeit einen regelrechten Football-Boom in Magdeburg erlebte: „Das war eine geile Zeit, zu sehen, wie unser Sport die Massen bewegt.“

Weit über 1000 Zuschauer waren im Heinrich-Germer-Stadion damals keine Seltenheit. Ein Freundschaftsspiel gegen das US-amerikanische College Team der Concordia University lockte 1997 gar 8000 Schaulustige. „Das war eines dieser Spiele, die man nicht vergisst“, erzählt Pittelkau, verweist aber umgehend auf weitere Highlights: „Auch bei Aufstiegsspielen war die Hütte immer voll und die Stimmung immer riesig.“

Die Nummer 20 ist geblieben

Während nicht nur die Mitspieler an seiner Seite, sondern auch die amerikanischen Trainer an der Seitenlinie häufig wechselten, blieb der Quarterback mit der Rückennummer 20 eine der wenigen Kons-tanten bei den Virgin Guards. Dabei ist diese Nummer im strengen Reglement der American Footballer gar nicht für die Spielmacher-Position vorgesehen, sondern für Defensivspieler. „Das kommt aus meiner Anfangszeit“, klärt Pittelkau über dieses Kuriosum auf. „In Wernigerode habe ich zunächst als Safety, also quasi als letzter Mann der Defensive gespielt. Position und Verein habe ich zwar gewechselt, die Nummer aber behalten.“

So läuft Pittelkau auch heute noch mit seiner Stammnummer auf der Brust auf, wobei sich die Häufigkeit seiner Einsätze in den letzten Jahren limitiert hat. In Anbetracht des lauernden Nachwuchses auf der Quarterback-Position kann der 50-Jährige guten Gewissens ein allmähliches Ende seiner Laufbahn in Erwägung ziehen. „In diesem Jahr möchte ich auf jeden Fall noch spielen. Was danach kommt, mache ich davon abhängig, wie mein Körper reagiert“, erzählt er.

Pittelkau übergibt an die nächste Generation

In den letzten Spielzeiten teilte sich Pittelkau die Spielmacher-Position der Garde mit Lennart Lüttgau und übergab diese schlussendlich an seinen Nachfolger. Für die neue Saison stünde unter anderem der aus dem Nachwuchs aufgerückte Friedemann Schlicht parat. „Als Lennart aufgrund seines Studiums weggehen musste, hatte ich ein flaues Gefühl, weil er der erste gewesen ist, dem ich nach all den Jahren diese Offensive anvertraut habe“, erzählt Pittelkau. Längst genießt auch Youngster Schlicht dieses Vertrauen. „Meine Bedenken waren schnell weg, weil Friedemann ein enormes Talent mitbringt, schon sehr gut geschult und extrem engagiert ist.“

Eine gemeinsame Spielzeit als „Kontrahent und Mentor zugleich“ möchte sich Pittelkau aber nicht nehmen lassen. „Ein gesunder, sportlicher Druck ist für einen jungen Spieler wichtig“, begründert er zum einen. Zum anderen brenne noch immer die Leidenschaft, die ihn damals bewogen hatte, mit dem Football anzufangen und ihn an die Elbe zu bringen.

"Wohl die beste Entscheidung"

„Das war wohl die beste Entscheidung überhaupt“, meint er rückblickend. „Der Sport und die Virgin Guards haben mir so viel gegeben. Seien es die unzähligen gemeinsamen Stunden, die Erfahrungen aus tollen Erfolgen und bitteren Niederlagen, der Umgang mit so vielen verschiedenen Charakteren, das Streben nach einem großen, gemeinsamen Ziel.“

Dies alles möchte Pittelkau auch mit 50 Jahren nicht missen. Darum hofft er ganz besonders auf eine baldige Rückkehr zum geregelten Trainings- und Spielbetrieb: „Es wäre extrem schade, wenn Corona zwei Jahre verhindert.“ Käme die Erlaubnis aus der Politik, wäre Pittelkau wohl – wie schon 1995 – einer der Ersten auf dem Platz.