Magdeburg l Roland Oesemann ist nicht einfach nur enttäuscht. „Ich bin tief enttäuscht“, sagt er. Der Trainer der Ruderer vom SC Magdeburg musste während der Corona-Krise zur Kenntnis nehmen, dass sich seine U-23-Gruppe von acht auf sechs Athleten reduziert hat. Jette Prehm teilte ihm ihre Entscheidung über das Ende ihrer Laufbahn am Telefon mit. Emma Appel zog nach. „Als wir uns wieder zum Training treffen wollten, hat sie die Katze aus dem Sack gelassen“, sagt Oesemann.

Beide jungen Damen haben das Abitur, beide jungen Damen verschlägt es in ein Leben außerhalb des Leistungssports. Beide hätten das Ruder nach der Weltmeisterschaft der U 23 im slowenischen Bled sowieso an den Nagel gehängt, teilen sie unisono mit. „Aber als die Absage der WM kam, habe ich mich gefragt, wofür quäle ich mich eigentlich noch weiter. Da ging meine Motivation verloren“, erklärt Appel.

Keine Motivation nach WM-Absage

Gequält hatte sie sich zumindest bis dahin für den Wunsch, mit Teamgefährtin Tabea Kuhnert den Doppel-zweier in Bled zu fahren – so wie sie im vergangenen Jahr deutsche U-23-Meister in jener Bootsklasse wurden. Und Appel hatte sich in ihren letzten Trainingswochen während der Corona-Krise so gut gequält, dass sie selbst „im Homeoffice noch eine Bestzeit auf dem Ergometer gezogen hat“, berichtet Oesemann. Das hat Prehm nicht, aber wie Appel „wollte ich mich nach der WM-Absage ganz auf mein Abitur konzentrieren“, berichtet sie.

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Appel ist die Schwester von Max Appel, der im Doppelvierer des Deutschen Ruderverbandes (DRV) in Richtung Olympische Sommerspiele 2021 in Tokio schippert. Und ganz sicher hat auch Oesemann vermutet, dass bei der 19-Jährigen ein ähnliches Vorhaben im Karriereplan stand. Aber der Bruder allein reichte ihr nicht zum Vorbild: „Im Gegensatz zu Max war es nie mein Ziel, bei Olympia zu starten“, sagt sie. Das wäre natürlich die Grundvoraussetzung, um es im Sport zu etwas zu bringen.

Studium vor Sport

Nicht zuletzt: „Dafür braucht man viel Leidenschaft, denn viel Geld kann man im Rudern nicht verdienen“, sagt Appel. Genau damit argumentiert auch die gleichaltrige Prehm. Allerdings hängt das wiederum davon ab, welchen Status man sich auf der nationalen und internationalen Bühne erarbeitet oder überhaupt erarbeiten möchte.

Das nächste Argument: Appel will nicht gerne nach Berlin. Als Olympiakader, würde sie es in diesen Elitebereich schaffen, müsste sie zum Bundesstützpunkt in der Bundeshauptstadt ziehen. So schreibt es der DRV für die Skull-Damen vor. „Ich möchte aber wieder nach Hamburg zurück. Und dort studieren“, sagt Appel. Beworben hat sie sich für Grundschullehramt, Sportwissenschaften, Erziehungswissenschaften und Kunst. Prehm nimmt indes ein Studium auf Lehramt für Sport und Englisch auf.

Kuhnert bleibt

Die Arbeit, die Oesemann in den vergangenen Jahren in beide Talente investiert hat, hat also mit Silber für Appel bei der U-23-WM im vergangenen Jahr im Doppelvierer ihren Höhepunkt gefunden. Prehm wurde derweil bei der U-19-WM Vierte im Doppel-zweier und holte EM-Bronze in jener Bootsklasse.

Geblieben ist dem 60-jährigen Coach bei den Mädels vor allem Tabea Kuhnert. „Sie hat weiter Schwung aufgenommen“, sagt Oesemann. „Ich denke, dass sie die Minimalchance hat, über Trainingsmaßnahmen im A-Bereich der Nationalmannschaft noch in den Olympiakader zu kommen.“ Die entsprechende Leidenschaft bringt Kuhnert, die morgen ihren 20. Geburtstag feiert, dafür mit. Und den Traum von Olympia.