Magdeburg l Womöglich staunt auch seine Mama über den Verdauungstrakt ihres Sohnes. Der gibt derzeit nämlich ein paar Rätsel auf. Adrian-Nick Bastian isst alles und von allem auch viel. So wie es sich sein Trainer wünscht: „Fünf, sechs Kilo mehr wären schön“, sagt Paul Zander nämlich.

Nur bleibt sein 17-jähriger Schützling vom SC Magdeburg irgendwie an der 80-Kilo-Marke hängen. Vielleicht sucht sich die Nahrung im Körper des Teenagers ja verschlungene Pfade, in denen sie sich verstecken kann. Vielleicht bedarf es noch eines biologischen Sprungs, um Essen auch in Gewicht umzusetzen. Denn: „Mehr Gewicht ist gut, um das Boot im Wasser stabiler halten zu können“, sagt Coach Zander.

Was dem jungen Mann aus Gerwisch allerdings ganz und gar nicht fehlt, ist das Gefühl. „Er hat sogar ein sehr gutes Rudergefühl“, freut sich Zander. Und große Lust, die Älteren zu ärgern, außerdem.

Bei DRV-Prüfung überzeugt

Bastian ist der jüngere U-19-Jahrgang. Und er muss die älteren Athleten natürlich ärgern, um sich einen Startplatz bei den Europameisterschaften in Belgrad (Serbien) am letzten September-Wochenende zu sichern. Zunächst trainieren die Athleten des Deutschen Ruderverbandes (DRV) der vorgeschalteten Ranglistenregatta im August entgegen. Auch auf dem Ergometer. Auf diesem hat Bastian (Bestwert: 6:09,0 min über 2000 m) bei der jüngsten DRV-Prüfung überzeugt: diesmal mit 6:11,5 Minuten. Das Resultat geht als Kriterium in die EM-Nominierung ein.

Der Weg nach Belgrad ist also auch mit 80 Kilo bei einer Körpergröße von 1,89 Meter für Bastian geebnet. Nun startet Zanders Gruppe in der Vorbereitung in den Wettkampfmodus: Tempo, Tempo, Tempo.

Zwei Vorbilder gefunden

Dass Bastian auch dafür ein gutes Gefühl hat, begründet sich in seinem ursprünglichen Plan, Leistungssportler zu werden: in der Leichtathletik. „Ich wollte Sprinter oder Hochspringer werden“, sagt er. Bis ihn Rudercoach Andreas Kosmann sichtete, ihn als Ruderer empfahl. Und Bastian in der Altersklasse 14 von der Tartanbahn auf das Wasser wechselte. Und wo er alsbald seine Vorbilder entdeckte.

Zum Beispiel den Einer-Weltmeister Oliver Zeidler aus Ingolstadt, wie Bastian ein später Quereinsteiger, der aus dem Schwimmen kam. „Das ist schon stark, was er geschafft hat.“ Oder den WM-Fünften im Doppelvierer Timo Piontek aus Koblenz: „Bei ihm gefällt mir die Dynamik im Boot“, berichtet Bastian.

Er selbst ist bei den letzten Wettkämpfen 2019 in Berlin und Dortmund immer auf den zweiten Platz gefahren über 6000 Meter. Und hatte bereits im vergangenen März einen sehr guten Leistungsstand. Bis die Corona-Krise kam, und Bastian in einer Phase nicht nur mit den Hanteln, sondern auch mit der Motivation zu kämpfen hatte. „Er hatte danach Probleme, wieder ins Rudern reinzukommen, aber das ist ganz normal“, erklärt Trainer Zander.

Gern in der Natur

Inzwischen haben sich die Probleme relativiert. Inzwischen gleitet er wieder mit dem guten Gefühl über die Elbe. „Ich bin froh, dass wir endlich aufs Wasser zurückkehren konnten“, bestätigt Bastian, der Naturbursche. Denn nicht nur zum Rudern zieht ihn raus unters Himmelszelt. „Ich fahre gerne mit dem Fahrrad, es macht mir Spaß, in der Natur zu sein“, erklärt er. Und er mag und beschäftigt sich mit Koi-Karpfen. „Dabei kann ich sehr gut abschalten.“ Und positive Gedanken sammeln.

Denn wenn es etwas gibt, woran er noch arbeiten kann, dann daran: „Ich bin immer noch zu negativ eingestellt, wenn es mal nicht läuft“, sagt er und ergänzt: „Aber dann denke ich, ich will eines Tages auf dem Olympiatreppchen stehen, also muss ich weiterkämpfen.“ Und weiter essen.