Magdeburg l Paul Zander, Ruder-Landestrainer und zugleich Coach der U-19-Athleten des SC Magdeburg, macht sich Gedanken um den Nachwuchs. Und wie er ihn motivieren kann während der Corona-Krise. Über die derzeitige Situation, mögliche Folgen, aber auch über Ziele in diesem Jahr sprach die Volksstimme mit dem 30-Jährigen.

Volksstimme: Paul Zander, Rudertrainer sind dafür bekannt, dass sie im Motorboot den Trainingsfahrten ihrer Schützlinge folgen. Wann haben Sie denn das letzte Mal in einem Boot gesessen?

Paul Zander: Das kann ich Ihnen sogar genau sagen: Das war am Donnerstag, 12. März, in Ŝibenik in Kroatien, als ich mit meiner U-19-Gruppe im Trainingslager war. Aber ich vermisse nicht unbedingt das Boot, sondern das zielstrebige Training mit den Athleten. Und das schon sehr.

Sie leiden also unter akuter Langeweile in Zeiten der Corona-Krise?

Von Langeweile kann gar keine Rede sein, weil zum einen für mich als Landestrainer viele konzeptionelle Aufgaben anstehen. Und zum anderen läuft natürlich die Betreuung der Athleten weiter. Eine Fernbetreuung ist zuweilen noch intensiver und aufwendiger als eine Vorort-Betreuung.

Nun haben die jungen Athleten nicht nur das mentale Problem, sich weiter individuell quälen zu müssen. 16- und 17-Jährige machen jetzt auch physisch einen Sprung, zumal das Krafttraining in dieser Alterklasse intensiviert wird. Wie kann man also das Training aus der Ferne auf einem hohen Niveau halten, um diesen Sprung nicht zu verpassen?

Das ist natürlich schwierig. Wir haben in allen Altersklassen derzeit nur die Möglichkeit, über verschiedene Ergometer-Programme zu arbeiten. Alle haben ein Fahrrad und ein Ruder-Ergometer zu Hause. Was aber die Kraftentwicklung angeht, werden wir einige Probleme bekommen. Die Athleten arbeiten vor allem mit dem eigenen Körpergewicht. Das ist jedoch etwas anderes, als würde ich gewisse Belastungen über Gewichte steuern. Dennoch bin ich der Meinung, dass jeder für sich die formerhaltenden Einheiten auch zu Hause absolvieren kann.

Aber wie lange?

Zumindest über mehrere Wochen. Wenn wir allerdings ein halbes Jahr nicht richtig trainieren, werden wir im Rudern auch langfristige Schäden davontragen. Meines Erachtens ist dennoch die Arbeit im Kopf eine viel schwierigere Aufgabe: Wie sehr quäle ich mich, obwohl ich momentan gar kein Ziel vor Augen habe? Es muss also in einer Form weitergehen, um den Sportlern eine Zielstellung zu geben. Und die Athleten brauchen ein Ziel.

Nachdem nun aber bis Mitte August alle Regatten vom Deutschen Ruderverband (DRV) abgesagt wurden, fragt man sich: Wofür trainieren Ihre Sportler eigentlich?

Diese Frage stellen sich die Sportler natürlich auch. Ich war ein bisschen enttäuscht von der Entscheidung, die am Gründonnerstag vom Präsidium des DRV getroffen wurde. Es war zu erwarten, dass eine deutsche Jahrgangsmeisterschaft im Juni nicht ausgetragen werden kann. Aber eher erschreckend für mich ist, dass der Verband selbst einen Nachholtermin im Herbst komplett ausgeschlossen hat. Das entzieht den Athleten natürlich jegliche Motivation.

Haben Sie schon Rückmeldungen von Ihren Kollegen in den anderen 15 Bundesländern erhalten? Wie gehen diese mit der Situation um?

Auch deutschlandweit merke ich die Unzufriedenheit der Kollegen über diese Entscheidung des DRV. Aber wiederum auch deren Willen, in diesem Jahr noch einen sportlichen Höhepunkt schaffen zu wollen. In welcher Form auch immer. Ich persönlich rechne damit, dass man im August wieder kleinere Wettkämpfe austragen kann. Wir sind eine Outdoor-Sportart mit relativ wenigen Zuschauern, in der der Abstand zwischen den Athleten recht groß gehalten werden kann. Und sei es bei einem Wettkampf auf dem Fahrrad oder als Laufveranstaltung.

Reden wir von einem verlorenen Jahr, wenn es zu keinem sportlichen Höhepunkt mehr kommen würde?    

Komplett verloren ist es nie. Wir arbeiten ja an der langfristigen Entwicklung der Nachwuchsathleten – und die ist nicht von Medaillen abhängig. Sie sollen später vor allem im Hochleistungsbereich erfolgreich sein. Aber es ist natürlich nicht leicht für einen Sportler, wenn er sich quält, sich dann aber nicht dafür belohnen und Erfahrung im Wettkampf sammeln kann. Für mich ist es wichtig, dass ich die Athleten und jeder Einzelne sich selbst für die künftigen Ziele motivieren kann. Denn klar ist auch: Die nächsten Herausforderungen werden kommen.