Magdeburg l Vor dem inneren Auge hat Ali-Serdar Gözübüyük schon die Olympischen Ringe leuchten gesehen. Hell strahlend in Blau, Gelb, Schwarz, Grün und Rot. Tatsächlich stand der Tischtennis-Spieler des Magdeburger Oberligisten TTC Börde 2016 ganz knapp vor der Teilnahme am bedeutendsten Sportevent der Welt. Er ist bei der türkischen Meisterschaft „leider nur Dritter geworden“, wie er berichtet. Die ersten beiden Plätze hätten für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro berechtigt. „Ich habe das schon bereut, aber es war auch in Ordnung. Schon beim Einzug in das Halbfinale hatte ich viel Glück“, denkt er zufrieden an diese erfolgreiche Zeit.

Der heute 31-Jährige blickt auf eine lange und bewegte Tischtennis-Karriere zurück. Die er beim TTC Börde ausklingen lässt. Wobei: Was heißt ausklingen? „Ich fühle mich in Magdeburg sehr wohl und habe meinen Vertrag deshalb um ein weiteres Jahr verlängert.“ Der Berliner hätte auch „vor der Haustür“ bei den Füchsen Regionalliga spielen können. Doch er entschied sich für die familiäre Atmosphäre in der Domstadt. „Ich habe hier viele Kumpels und kenne auch meine Mitspieler Jens und Richard Köhler schon von Landesvergleichen, seit ich 13 Jahre alt bin.“

Bis 2021 beim TTC Börde

Bis 2021 kann Börde also auf jeden Fall noch auf den Angriffsspieler setzen. Ob er darüber hinaus bleibt, hängt auch von einer Entscheidung des Deutschen Tischtennis-Bundes ab. Der DTTB will die Teams der Oberliga 2022 von sechs auf vier Spieler reduzieren. „Das wird die Liga stärker machen“, schätzt Gözübüyük. „Wir werden sehen, was das für mich und Börde bedeutet.“

Fest steht, dass der Berliner mittlerweile sportlich an der Elbe angekommen ist. Nach dem Aufstieg verpflichtete der TTC den Deutsch-Türken Anfang 2019. Er war allerdings nicht sofort ein Punktegarant. „Ich kam anfangs mit den Tischen nicht zurecht“, berichtet der 1,80-Meter-Mann. „Denn hier stehen Adidas-Tische. Das ist nicht die Topmarke im Tischtennis.“ Doch es wurde besser. So gut, dass er in der Vorsaison mit einer Bilanz von 21:7 Siegen fünftbester Einzelspieler der Oberliga Mitte und damit ein wichtiger Baustein für den Klassenerhalt der Magdeburger war.

Corona-Vorbereitung im Keller

Gözübüyük will entsprechend auch in der kommenden Saison wieder angreifen. Und ist dafür bestens gerüstet. Denn während er sonst über den Sommer gern auch mal für mehrere Wochen in den Süden „flüchtet“, war das Reisen aufgrund der Corona-Krise in diesem Jahr nicht möglich. „Ich habe mich deshalb mehr mit mir selbst beschäftigt.“ Lesen, Joggen und Krafttraining standen auf dem Programm. Aber auch Tischtennis spielte eine Rolle. Training im Verein war zwar nicht möglich, doch Gözübüyük machte deutlich: „Die Hand juckt!“

Es mussten Alternativen her. Und eine fand sich bei einem Kumpel im Keller. „Weil es so langweilig war und wir viel Zeit hatten, haben wir fünf- bis sechsmal die Woche trainiert“, berichtet der Angriffsspieler, der mehr als im Sommer üblich an seinen Fähigkeiten gefeilt hat. „Das wird ein kleiner Vorteil sein für die nächste Saison.“

Gözübüyük startete mit 13 durch

Ähnlich trainingsintensiv waren die Sommer nur, als der für die Berliner Stadtreinigung arbeitende Mann noch 2. Bundesliga spielte. Und als er am Anfang seiner Karriere wie „wild“ übte. Wobei seine Erfolge im Tischtennis auch auf seinem großen Talent fußen. Das wird schon deutlich, wenn man bedenkt, dass Gözübüyük erst mit 13 Jahren angefangen hat.

In seiner Kindheit und Jugend in Reinickendorf spielte er zunächst Fußball. Doch er war nicht mannschaftsdienlich. „Wenn ich den Ball hatte, habe ich nur noch das Tor gesehen. Und nicht mehr die Mitspieler“, berichtet er. Es kam zum Streit mit dem Trainer. Er ließ das runde Leder hinter sich. Und verliebte sich in eine deutlich kleinere Zelluloid-Kugel.

Reiz ist der Zweikampf

Trotz nur geringen Erfahrungen von der schulischen Platte stellte er bei seinem ersten Verein TSV Wittenau alle anderen Jugendspieler in den Schatten – auch die älteren, die schon zwei Jahre im Verein waren. Dieses Talent, noch mehr der Ehrgeiz und auch der Fokus auf sich selbst, kamen ihm in diesem Sport zugute. Auch 18 Jahre später beschreibt Gözübüyük seinen Stil als „sehr konzentriert“ und ergänzt: „Ich will immer unbedingt gewinnen, kämpfe bis zum letzten Punkt und gebe nie auf.“ Diese Emotionen, wenn man beispielsweise ein 6:10 noch dreht, liebt die heutige Nummer fünf der Türkei am Tischtennis.

Für die türkische Nationalmannschaft hat er – auch wenn er im erweiterten Kader stand – im Übrigen nie gespielt. Weil er dann in Deutschland gesperrt gewesen wäre. Und das wöchentliche Messen mit einem anderen Spieler zu sehr vermisst hätte. Denn auch diesen Zweikampf mag er am Tischtennis. Fast wie bei einem Duell im Wilden Westen stehen sich zwei Akteure gegenüber. Mit Kellen statt Kanonen. „Es kann im Einzel nur einen Gewinner geben. Das motiviert mich.“

Berliner Meister und zweite Liga

Diese Einstellung, gepaart mit seinen spielerischen Qualitäten von der starken Rückhand bis zu seinen gefürchteten Aufschlägen, brachten ihn im Tischtennis so weit. Sie sorgten für Saisonbilanzen von 15:0 Siegen. Seinen Wechsel mit 16 Jahren zu den Füchsen. Dafür, dass er dreimal Berliner Meister wurde. Dass er über die Regionalliga und die dritte Liga immer weiter aufstieg. Dass er für Hertha zwei Jahre in der zweiten Liga spielte. Und schließlich bei der türkischen Meisterschaft eben nur ganz knapp das Ticket für Olympia verpasste.

Tischtennis war und ist seine große Leidenschaft, auch seit er „nur“ noch in der Oberliga spielt. Zunächst als „Abenteuer Baden-Württemberg“. Bei seiner Station vor Magdeburg ist Gözübüyük tatsächlich aus Berlin immer zu den Spielen geflogen. Heute reicht das Auto. Über die A2 ist er fix in seiner neuen sportlichen Heimat. Wenn er vor Spielen freitags anreist, tritt er erst mal gegen jeden Spieler aus dem Verein an. Ali-Serdar Gözübüyük strahlt eben ein ganz besonderes Flair aus. Das eines erfolgreichen Sportlers, der es fast bis zu Olympia schaffte.