Salzwedel l Die Volksstimme erinnert daran. In der Serie „Fußball-Sternstunden in der Altmark“ wird in loser Folge mit Vereinslegenden, Funktionären oder Spielern gesprochen. Im ersten Teil blickt Klaus-Dieter Steckhan, Trainer des TSV Kusey, mit Fabian Schönrock auf das Torfestival in der Kreisoberliga der vergangenen Saison zwischen dem TSV Kusey und dem SSV Gardelegen II, das 7:5 endete, zurück.

Volksstimme: Herr Steckhan, was war in diesem ungewöhnlichen Spiel los?

Klaus-Dieter Steckhan: Wir hatten eine klare taktische Vorgabe. Diese war nach zwei Minuten hinfällig. Ich weiß noch, wie wir uns da draußen an der Seitenlinie ärgerten. Dann folgte das nächste Tor für den SSV und danach wieder das nächste. Es stand 0:3 und wir hatten nicht gecheckt, was los war. Ich stand an der Seitenlinie und wusste nicht, was da gerade abgeht. Dann folgte irgendwann unser erstes Tor. Es stand 1:4. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch große Zweifel, ob wir noch einmal zurück kommen ins Spiel. Aber in den Augen meiner Spieler spürte ich, dass da noch etwas für uns drin ist. Da war Galligkeit in den Augen der Spieler. Keiner schob Frust. Im Gegenteil. Die Spieler waren sauer und wütend. Wir hatten ein gutes Spiel gemacht und lagen dennoch hinten. Was dann folgte, war sensationell.

Wann setzte der Knackpunkt im Spiel ein?

Das Gefühl hatte ich beim Gang in die Kabine. Die Jungs haben das Spiel von 1:4 auf 4:4 geschraubt. Wenn du innerhalb von drei Minuten, drei Tore erzielst, wie es Rene Armgart geglückt ist, dann musst du das Ding gewinnen. Wir hatten den psychologischen Vorteil auf unserer Seite. Gardelegen II hatte das Ding schon abgehakt und war gefühlt sicher durch. Sportlich ist es dann schwer, noch einmal hochzuschalten. Dann bekamen sie die Gegen- tore noch kurz vor der Pause. Der SSV II hatte Angst, das Ding noch aus den Händen zu geben und war völlig perplex. Diese Unsicherheit spürten wir. Das Tempo bei den Gästen war raus.

Was passierte zur Halbzeit in der Kabine?

Ich brauchte nicht viel zu sagen. Die Jungs waren heiß. Ich habe nicht in der Kabine geschrien und musste die Jungs nicht motivieren. Ich habe nur an die Ehre appelliert und gesagt, dass wir weiter spielen werden, als stünde es noch 0:0. Wir wollten erhobenen Hauptes das Spielfeld verlassen, auch wenn wir am Ende verlieren sollten. Als ich selbst als Spieler aktiv war, habe ich mir selbst gewünscht, dass der Trainer nicht verbal drauf haut, sondern uns zum Weiterspielen ermutigt. Und so gingen wir auf den Platz. Ich sagte den Jungs, dass wir heute als Sieger vom Platz gehen und dieses Spiel an diesem Tag ganz sicher nicht verlieren werden.

Und dann gelingt Ihrer Elf das Unmögliche und gewinnt mit 7:5. Was ging in der zweiten Hälfte in Ihnen vor?

Beim 4:4-Ausgleich blieb ich noch verhältnismäßig ruhig. Als das 5:4 für uns fiel, war das schon etwas anders. Das war ein größerer Gefühlsausbruch. Ein „Jürgen Klopp-Light“ würde ich sagen. Ab da wusste ich: dieses Spiel verlieren wir nicht mehr. Das merkte ich an der Stimmung im Team. Als Trainer beobachtet man die Spieler. Da war der absolute Wille spürbar. Die Jungs haben sich die Lunge aus dem Hals gelaufen. Der SSV dagegen wusste nicht, was da passiert. In der zweiten Hälfte bissen wir uns von Minute zu Minute zurück. Das lief wie in einem Film an mir vorbei.

Wieso kann es nicht jeden Spieltag ein solches Torfestival geben?

Da hat einfach alles mit hinein gespielt. Beide Mannschaften waren brutal offensiv ausgerichtet. Die anderen Mannschaften haben nicht versucht, so mitzuspielen. Dann haben wir natürlich oben mitgespielt. Wenn du um die Meisterschaft spielst und nicht gegen den Abstieg, ist es leichter nach vorne zu spielen.

Laut dem Fußballportal fupa sahen 70 Zuschauer das 7:5. Kamen nach dem Spektakel noch mehr Zuschauer nach Kusey?

Ja, man merkte schon, dass der ein oder andere Zuschauer mehr den Weg nach Kusey gefunden hat. Wenn man die Zeitung und das Spielergebnis liest, wird man natürlich hellhörig. Das Spielergebnis hatte sich schnell herum gesprochen. Als neutraler Beobachter ist solch ein Spiel natürlich das Beste, was einem passieren kann. Das Spiel war ansehnlich und hat als neutraler Zuschauer unheimlich viel Spaß und Freude bereitet.

Haben Sie vor dem Spiel mit diesem Ausgang gerechnet?

Nein, definitiv nicht. Wenn ich das vor dem Spiel als Tipp abgegeben hätte, wäre ich gleich eingewiesen wurden. Die Leute hätten doch gedacht, dass ich einen an der Mappe habe. Aber in der Halbzeit hätte ich 1000 Euro auf einen Sieg von uns gesetzt. Ich war überzeugt, dass wir das Spiel gewinnen. Das Bier nach dem Spiel hatte noch nie so gut geschmeckt, wie nach diesem Spielverlauf.

Rene Armgart erzielte fünf Treffer. War dieses Spiel das beste, das er je gespielt hat für den TSV?

Rene absolvierte ein gutes Spiel, aber so blöd es klingt: in anderen Spielen war er noch besser. Er spielte gut, war aber mannschaftsdienlicher in anderen Spielen. An diesem Tag nutzte er seine unglaubliche Geschwindigkeit aus. Da hatte viel zusammengepasst.

Für die Zweite vom SSV Gardelegen liefen Florian Scheinert und Simon Bache auf. Heute sind sie Leistungsträger für die Erste. Hätten Sie damals gedacht, dass beide Talente für den Spitzenreiter der Landesliga spielen würden?

Ja, das hat man schon gesehen. Wir haben vorher angemerkt, dass wir den Bache in den Griff bekommen müssen. Im Grunde genommen hat er nur zwei Tricks auf Lager. Doch diese beherrscht er wie kein Zweiter. Bei Florian Scheinert war auch klar, dass man ihn direkt beim ersten Ballkontakt stören muss. Mit seiner Art Fußball zu spielen, wirkt er manchmal etwas lässig. Das liegt daran, dass seine Bewegungen am Ball elegant und leicht aussehen. Wir haben gehofft, dass er leichtsinnig wird und auf Schwächen spekuliert. Die Marschroute war, ihn unter Druck zu setzen. Bei Bache hat es nach der Halbzeit geklappt. Er bekam keine Chancen mehr. Aber insgesamt, ist es schwierig gewesen, beide Spieler über 90 Minuten auszuschalten.

 Der TSV wurde in der selben Saison Kreismeister. Aufgestiegen ist allerdings der Gegner aus Gardelegen, der in der Landesklasse auf einem Abstiegsplatz steht. Ihre Meinung?

Ich bin mir sicher, dass wir in der Landesklasse besser mit gespielt hätten. Das Problem sind die Sonnabendspiele. In der Breite und Qualität des Kaders, hätten wir sicherlich gut mithalten können. Dieser Anreiz hätte sicherlich geholfen, um zehn Prozent mehr raus zu kitzeln. Durch den Nichtaufstieg sind Spieler, die mit einem Wechsel zu uns geliebäugelt hatten, leider nicht zu gekommen.