Glinde l Die Jacke von Michael Kreyenberg erinnerte an die ganz großen Zeiten im Glinder Handball. Ganz in gelb und blau gehüllt saß er da auf der Bank, der Leistungsträger vom Verbandsligisten Glinder HV „Eintracht“ zu Beginn des Achtelfinals im HVSA-Pokal gegen den SV Langenweddingen aus der Sachsen-Anhalt-Liga. „SG Eintracht Glinde“ stand auf der Jacke. Der Linkshänder erinnerte an den Vorgängerverein, der in den 2000er Jahren in der Regionalliga spielte. Vielleicht wollte der Rückraumspieler unbewusst ein motivierendes Zeichen in die Gegenwart setzen. Um zu zeigen, was mit einem kleinen Verein alles möglich ist. Wie sich ein kleiner Verein gegen die große Handball-Welt behaupten kann.

Mit 33:32 (15:17) warf der Glinder HV „Eintracht“ am Sonnabend den Favoriten Langenweddingen aus dem Pokal. Mit schnellem Tempospiel, viel Herz und unbändigem Willen im Positionsangriff rang Glinde den SVL nieder. „Chapeau an die Mannschaft“, sagte Trainer Peter Pysall. „Von der Papierform her war es eindeutig, aber wir sind immer wiedergekommen, haben sehr leidenschaftlich und befreit aufgespielt. Das sieht man auch an der Freude.“ Minutenlang tanzten die Glinder in der Elbesporthalle im Kreis. Die Freude war riesig.

Spiel jederzeit offen

Dabei deutete sich zu keinem Zeitpunkt an, dass die favorisierten Gäste die Glinder aus der Halle schießen würden. 7:7 stand es in der 14. Minute, beim 10:14 (25.) lag der GHV zwar vier Tore hinten, aber schon zur Halbzeit war der Gastgeber wieder auf 15:17 dran. In der zweiten Halbzeit gab es einen ständigen Führungswechsel, 32:30 lag Glinde in Minute 58 vorn, aber eine Zeigerumdrehung vor dem Ende glich Langenweddingen wieder zum 32:32 aus.

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Letzter Angriff, letzte Auszeit Glinde, letzte Aktion. Sieben Sekunden vor dem Schlusspfiff bekommt der wieder überragende Michael Kreyenberg kurz hinter dem Kreis den Ball und wuchtet das Spielgerät ins Tor. Was Kreyenberg da gedacht hat? Nicht viel. So muss das auch sein. „Wer da noch nachdenkt, ist fehl am Platz. Du willst den Ball dann nur reinmachen“, sagte er. Wie er das Spiel gesehen hat? „Ich habe erwartet, dass es eng wird, aber nicht so eng. Wir sind mit viel Tempo gekommen.“

Gerade am Anfang sorgten ein guter Philipp Giesemann im Tor und ein pfeilschneller Julian Bauer dafür, dass Glinde schnell 2:0 vorn lag. Doch bemerkenswert war, dass nicht Bauer, sondern Alexander Rockmann die meiste Spielzeit als Mittelmann hatte. „Er hat das Spiel seines Lebens gemacht“, schätzte Kreyenberg ein. „Rocki war der Matchwinner. Er war eine der prägenden Figuren“, lobte der Coach. Das zeigte die Mannschaft, in dem sie den kleinen Aufbauspieler nach dem Spiel auf den Schultern hochleben ließ. „Er hat endlich einmal die Vorgaben des Trainers umgesetzt, ist permanent auf Erik Merkel im Innenblock drauf gegangen“, so Kreyenberg. Und weil Rockmann ebenso beweglich ist wie Bauer, stellte er die baumlange, körperlich starke SVL-Abwehr immer wieder vor Probleme. Eine Umdrehung, ein Schritt nach links oder rechts und Rockmann war nicht nur einmal völlig frei vor dem Torwart. Mit drei Toren zwischen dem 21:22 (42.) und dem 24:24 (46.) hielt er Glinde in dieser Phase fast allein im Spiel.

Und doch war es ein permanenter Kraftakt auf Augenhöhe. Zwar drehte sich der GHV zwischendurch im Positionsangriff fast zu viel um die eigene Achse auf der Suche nach der Lücke im massiven Abwehr-Verbund. Aber mit Geduld, Köpfchen und leichten Rückraum-Toren durch Kreyenberg oder Maximilian Kralik blieb Glinde immer dran. Zwischen dem 20:22 (42.) und dem 29:30 (56.) rannten die Gastgeber fast permanent einem Rückstand hinterher. Vier Tore durch Bauer, Rockmann und Kreyenberg brachten die „Eintracht“ dann aber 32:30 in Front (58.). Noch einmal kam der SVL zum Ausgleich, aber den letzten Nackenschlag verpasste Kreyenberg im Fallen. „Hinten heraus war es etwas glücklich“, sagte Pysall. Verdient war der Erfolg trotzdem. „Auch, weil wir ein paar mehr Alternativen hatten“, so Pysall. Acht verschiedene Spieler trafen, was auch für die breite Aufgabenverteilung spricht.

Ansporn für die Liga?

Und so konnte der kleine Verein nach zuletzt eher durchwachsenen Leistungen in der Liga auch endlich mal wieder zeigen, welches Potential in dieser Mannschaft steckt. Immerhin belegte Langenweddingen in der vergangenen Saison Rang drei in der Sachsen-Anhalt-Liga, im Moment ist der SVL Fünfter. „Für uns war es ein Vorteil, dass wir nichts zu verlieren hatten. Das ist vielleicht auch ein Ansporn für die Liga“, meinte Kreyenberg. Das sah der Trainer ähnlich. „Dieses positive Gefühl müssen wir mitnehmen“, sagte er.

Glinde kann schnellen Handball spielen, Glinde kann geduldig spielen über den Positionsangriff, Glinde hat eine gute Abwehr und gute Torhüter. Schließlich hatte Giesemann mit einem gehaltenen freien Wurf (57.) überhaupt erst die nötigen Emotionen für die Schlussphase in Wallung gebracht. Vielleicht war die Partie eine der denkwürdigsten der vergangenen Jahre. So wie früher, als der Glinder Verein noch „SG Eintracht Glinde“ hieß und ein blau-gelbes Logo hatte. Aber nicht nur wegen Kreyenbergs Jacke wurde am Sonnabend eine tolle Symbiose zwischen Vergangenheit und Gegenwart hergestellt.

Glinde: Giesemann, Weiss - Bauer (7), Knoblauch, Schmidt (1), Rosemeier, Rockmann (6), Max Kreyenberg (1), Kowaczeck (1), Kralik (3), Deumeland, Recker (1), Tacke, Michael Kreyenberg (13/7)

Siebenmeter: Glinde 7/7 - SVL 8/7; Zeitstrafen: Glinde 4 - SVL 4