Magdeburg l Pasquale Giordano und Laszlo Galicz haben ihren Nervenkitzel im zermürbenden Zweikampf gepflegt. Mehr als drei Kilometer lang haben sich der Italiener und der Ungar im Kampf um die Spitzenposition aufgerieben. Und Linus Schwedler, der aufmerksame Beobachter an Position drei, hatte sich gedacht: „Lass sie sich doch gemeinsam die Energie aus den Armen prügeln.“

Während sich die Konkurrenz bei diesen Junioren-Europameisterschaften im Freiwasser – es war der erste Augustfreitag in Racice (Tschechien) – also „prügelte“, zog der Schwimmer vom SC Magdeburg nach zwei Dritteln des Rennens erst langsam an und dann langsam vorbei – und erreichte bei seinen ersten großen internationalen Titelkämpfen als Erster das Ziel über die fünf Kilometer.

„Solch ein Erfolg kommt nicht von ungefähr“, sagte Linus‘ Trainer Stefan Döbler. „Er hat sich taktisch sehr gut verhalten, er ist an dem Tag genauso geschwommen, wie ich es mir vorstelle.“ Und hat zugleich sein Reifenzeugnis abgelegt. Sein erstes.

Linus Schwedler ist erst 14  Jahre alt. Ein selbstbewusster Teenager, der 2017 aus Flensburg an die Elbe kam. Dessen Lieblingsfach Geografie ist, der Latein weniger mag, weil man da „immer lernen, lernen, lernen muss“, erklärt er lächelnd. Der aber auch als Athlet noch viel lernen muss. Wozu er die Hilfe seines Coaches braucht, aber nicht immer mag er diese annehmen. „Ich frage ungerne nach Hilfe“, gesteht der 1,85 Meter große Linus, der auch biologisch längst nicht am Ende seiner Entwicklung ist. Wenn‘s doch funktioniert, warum etwas ändern?

Döbler findet auf diese Frage viele Antworten. Zunächst: „Für mich ist es wichtig, dass er regelmäßig trainiert, dass er pünktlich erscheint, dass er Vollgas gibt bei allen Intensitäten und dass die Schule funktioniert.“ Diese Bedingungen erfüllt sein Schützling. Aber der 52-Jährige sagt eben auch: „Wenn er sich trotz seiner Erfolge in jungen Jahren bewusst wird, dass noch viel Arbeit vor ihm liegt, weil seine Technik längst nicht die ist, mit der er oben ankommen kann, erst dann kann er es auch in die Spitze schaffen.“

In die Spitze der Elite. So, wie es Florian Wellbrock, der Weltmeister über zehn Kilometer im Freiwasser und über 1500  Meter Freistil im Becken, geschafft hat. Er ist Linus‘ Vorbild. „Es ist echt cool, ihn täglich zu sehen“, sagt Schwedler. „Er hat eine unfassbare Technik, er ist der Beste der Welt.“

Von Wellbrock kann man sich Tipps holen. Aber, ergänzt Döbler, auch der 22-Jährige „erhält von seinem Trainer Bernd Berkhahn immer wieder Hinweise zu seiner Technik und versucht, diese umzusetzen“. Auch darin sollte Wellbrock also ein Vorbild für Linus Schwedler sein.

Was er bereits im Becken schaffen kann, hat er in den vergangenen Wochen bei den Kurzbahn-Events in Flensburg und in Berlin bestätigt: Zweimal verbesserte er den Altersklassen-Rekord über 1500 Meter Freistil. Zuletzt auf 15:50,24 Minuten. Die nächste Chance, diese Zeit zu toppen, hat er bereits am kommenden Wochenende beim Meeting in Stavanger (Norwegen). Aber dass die Helden immer auf der langen Bahn gesucht und gefeiert werden, weiß auch Linus. „Ziel für die neue Saison ist es, unter 16 Minuten zu bleiben“, erklärt er. Sein persönlicher Rekord im 50-Meter-Becken steht bei 16:25,73 Minuten.

Auf sein erstes großes Hallen-Event muss er noch bis 2021 warten. Im Freiwasser werden im nächsten Jahr indes wieder Europa- und auch Weltmeisterschaften ausgetragen. Beides Titelkämpfe, die ihn auf dem Weg zu seinem großen Traum fordern und fördern. Denn natürlich: Der Start bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris „ist in meinem Kopf schon drin“, sagt Linus lächelnd.

Sein Trainer erklärt: „Er soll auch dieses Ziel haben. Denn nichts ist unmöglich.“ Aber Döbler mahnt eben auch: „Man sollte immer die Kirche im Dorf lassen.“ Denn noch gilt für Linus: Nicht die Sommerspiele, sondern das nächste Training ist das Wichtigste.