Staßfurt l Der HV Rot-Weiss Staßfurt steht vor einem großen Neuanfang. Denn ab dem Spätsommer gibt es in der Bodestadt nicht nur eine neue Halle, sondern auch eine neue Liga. Dennis Uhlemann sprach mit Präsident Patrick Schliwa über die Schwierigkeiten beim Personal, starke Zeichen von Mannschaft und Trainer sowie die Herausforderung Sachsen-Anhalt-Liga.

Volksstimme: Der Abstieg des HV Rot-Weiss Staßfurt aus der Mitteldeutschen Oberliga ist nach acht Jahren besiegelt. Was bedeutet das für den Verein?

Schliwa: Diese Liga war eine reizbare Aufgabe. Der Abschied tut schon sehr weh. Das hat man auch in der Mannschaft gesehen. Die Köpfe hingen doch mächtig, als es feststand. Es ist schon in der Region etwas besonderes. Die Mitteldeutsche Oberliga ist das, wozu wir die Fähigkeiten haben und wo wir hingehören. Nicht darunter und nicht darüber.

Wenn Sie nochmal zurückblicken, was würden sie als die gravierendsten Gründe für den Abstieg nennen?

Wir waren der Meinung, dass wir eine super Truppe zusammen hatten vor der Saison. Das hat auch der erste Sieg gegen Köthen direkt gezeigt. Und dann gingen die Personalprobleme los. Gerade bei den Polizisten, Maurice Wilke und Niclas Kaiser, war das so nicht absehbar. Ich hätte mir da von den beiden wirklich mehr Eigeninitiative gewünscht, dass sie auch mal Schichten tauschen oder Urlaub nehmen. In anderen Vereinen funktioniert das besser, das muss man so sagen. Wir haben die Aufwandsentschädigungen reduziert. Damit waren sie nicht einverstanden. Dann haben sie den Verein komplett verlassen. Sie haben ihre Sachen genommen und sind nicht mehr erschienen. Wir sind nicht im Guten auseinander gegangen.

Doch sie können den Abstieg ja nicht an zwei Spielern festmachen.

Nein, aber das war der größte Knackpunkt. Dazu kam, dass Marvin Frank zu einem Praktikum in die Schweiz gegangen ist und ein halbes Jahr weg war. Dann fiel auch noch Cosmin Tiganasu lange aus, erst durch die Fünf-Spiele-Sperre, dann mit Rückenproblemen.

Weil dann Wilke, Tiganasu und auch Enrico Lampe fehlten, hatten Sie phasenweise gar keinen Mittelmann mehr zur Verfügung.

Genau. Und mit dem Mittelmann steht und fällt das Spiel. Er setzt die anderen Spieler in Szene und ist selbst torgefährlich. Die ganzen Kombinationen und Ideen gehen einfach vom Mittelmann aus. Wenn man da jede Woche einen anderen Spieler aufbieten muss, ist das sehr schwierig. Respekt an Tobi Ortmann, der das dann für seine Verhältnisse gut gelöst hat, aber auch nicht regelmäßig durch seine Arzttätigkeit am Training teilnehmen konnte.

Wie so viele in der Mannschaft. Auch die Trainingsbeteiligung war ein großes Problem in der abgelaufenen Saison.

Ja. Und wer die Abläufe im Training nicht übt, kann sie im Wettkampf auch nicht bringen. Wir waren dadurch auch nicht in der Lage, ein schnelleres Spiel aufzuziehen. Die Leute, die da waren, gingen auf dem Zahnfleisch. Es waren immer die gleichen Spieler beim Training. Dann war es auch moralisch problematisch. Es hieß erst: Dieses Wochenende sind wir voll besetzt. Dann kamen wieder zwei oder drei kurzfristige Absagen. Und dann fielen die anderen Spieler jedes Mal wieder in ein Loch. Wir haben ja oft 45 Minuten gut mitgehalten, bis wir dann einfach keine Alternativen mehr hatten.

Also gab es auch einige Fehler in der Personalplanung?

Hätte ich im Vorfeld gewusst, dass wir mit so vielen Problemen zu kämpfen haben werden, hätte ich mich auf vieles nicht eingelassen. Zum Beispiel hatte auch Nils Hähnel nur einen Vertrag für Heimspiele. Auf soviel wenn und aber hätten wir uns nicht einlassen sollen.

Haben Sie vielleicht auch zu sehr auf die Rückkehrer gesetzt, anstatt neue jüngere Spieler zu holen?

Im Nachhinein denke ich schon. Wir hatten ja auch Gespräche mit Spielern aus der zweiten Mannschaft und dem Nachwuchs, die dann noch nicht wollten. Man muss auch schauen, wer das Potenzial hat. Von der A-Jugend in die Oberliga ist es ein riesiger Sprung.

War Niklas Zimnick der einzige Spieler, dem sie diesen Schritt zugetraut haben?

Er wollte unbedingt. Er hat seine Einsatzzeiten genutzt, die er bekommen hat. Er wird sich entwickeln. Das Jahr hat ihm sicher gut getan, auch wenn er noch nicht viel gespielt hat. Aber das ist der Weg, den wir gehen möchten.

Dennoch spielt beispielsweise die eigene A-Jugend nur in der Bezirksliga. Sind Sie da im Nachwuchs nicht gut genug aufgestellt?

Doch. Es ist uns in der Vorsaison gelungen mit Toni Fanselow einen guten Spieler zu integrieren. Wenn man sich die Mannschaft anschaut, sind das ja alles größtenteils Staßfurter. Das ist bei anderen Vereinen aus der Region nicht so. Sicher haben wir auch Jahrgänge, aus denen kein Spieler hochkommt, aber auch das ist normal. Die Jugendarbeit wird im Moment wieder intensiviert. Gerade von unten wachsen wir deutlich breiter und hoffen, perspektivisch wieder mehr Spieler integrieren zu können. Selbst in der jetzigen A-Jugend: Tommy Minet oder Justin Becker. Das sind potenzielle Spieler für die Erste, die wir im Auge haben, aber die auch noch ihre Zeit benötigen.

Trotzdem sind Sie für die kommende Saison den Weg gegangen, ausländische Spieler wie Martin Strnad oder Gabor Vadaszi zu verpflichten. Warum haben Sie sich für diesen Schritt entschieden? War das einfacher, als jüngere deutsche Spieler zu verpflichten?

Ja. Aus dem Nachwuchs haben wir keinen gesehen, der die Lücke jetzt schon schließen kann. Wir brauchen Spieler, die das Niveau für die Oberliga haben, auch wenn wir in der nächsten Saison nur in der Sachsen-Anhalt-Liga spielen. Deswegen haben wir Martin Strnad verpflichtet, einen sehr jungen Spieler, den wir perspektivisch hier binden wollen. Wir haben ihm eine Ausbildung bei der EMS als Einzelhandelskaufmann vermittelt und hoffen, dass er langfristig in Staßfurt bleibt. Das ist grundsätzlich unser Konzept.

Das war also auch bei Gabor Vadaszi ähnlich?

Beide kommen ja vom HBC und haben in Wittenberg schon zusammen gewohnt. Sie haben viel zusammen gemacht. Wir haben sie im Prinzip als Team hier hergeholt.

Haben Sie Bedenken hinsichtlich der Integration?

Nein, gar nicht. Die beiden sind schon zwei Jahre in Deutschland, können unsere Sprache. Auch menschlich und charakterlich passen sie beide super rein.

Und von der spielerischen Qualität? Immerhin spielten beide auch nur bei einem Abstiegskandidaten aus der Sachsen-Anhalt-Liga.

Ja, aber sie waren dort die Leistungsträger. Vor allem Martin ist erst 21 Jahre alt und noch total entwicklungsfähig. Wenn er jetzt mit ein paar Spielern auf hohem Niveau zusammenspielt, dann passt er sich schnell an. Wir hatten ihm im Probetraining und haben gesehen, was für eine Dynamik und Übersicht er ausstrahlt. Mit ihm werden wir auch wieder mehr Tempo in den Staßfurter Handball bekommen. Und neben ihm werden wir noch einen weiteren Mittelmann verpflichten.

Sind davon ab weitere Neuzugänge geplant?

Nein. Christian Kunze aus der zweiten Mannschaft wird der neue Mann für Linksaußen neben Toni Fanselow. Auch Paul Hoffmann aus der Zweiten ist eingeplant. Er macht aber eine Ausbildung in Glauchau, war deshalb bislang kein Kandidat für die Erste. Er will seine Ausbildung aber in der Region fortführen und wäre dann ein potenzieller Kandidat.

Auch Tobias Ortmann und Enrico Lampe stehen als Abgänge fest. Planen Sie die beiden, die sehr im Verein verwurzelt sind, anderweitig zu integrieren?

Ich könnte mir vorstellen, dass sie im Nachwuchs etwas machen, auch Richtung Vorstand mit Sponsorenbetreuung. Das wird sich zeigen. Auf jeden Fall wollen wir sie im Verein halten. Enrico hat uns ja damals auch sehr geholfen, als er nach der Trennung von Uwe Werkmeister als Trainer fungierte. Da waren wir sehr zufrieden

Wie steht es davon ab um die Personalplanung?

Bei Cosmin ist es immer noch fraglich. Wir sind so verblieben, dass er wieder einsteigt, wenn sein Rücken total okay ist. Das kann einen Monat dauern, es kann ein Jahr dauern. Er muss erstmal die innere Muskulatur wieder aufbauen. Von Nils Hähnel habe ich für die kommende Saison sogar wieder die Zusage bekommen für Heim- und Auswärtsspiele. Wir hätten uns auch auf nichts anderes mehr eingelassen, da haben wir aus den Erfahrungen der vergangenen Saison gelernt. Der Kader bleibt in großen Teilen zusammen.

Das hätte man von vereins-treuen Seelen wie Sebastian Retting oder Oliver Jacobi erwartet. Dass aber auch höherklassig erfahrene Spieler wie Andreas Steinbrink oder Christian Schöne den Weg nach unten mitgehen, ist ein starkes Zeichen oder?

Auf jeden Fall. Das zeigt, das Gefüge in der Mannschaft ist sehr intakt. Die Jungs haben sich auch nicht zerfleischt nach Niederlagen. Ich spreche da aus eigener Erfahrung: Es ist nicht leicht, wenn man so viele Spiele am Stück verliert, da kann schnell Unfrieden in der Mannschaft aufkommen. Aber das war nicht so, die Spieler sind sich grün. Sie haben die Karre gemeinsam in den Dreck gefahren und wollen sie auch gemeinsam wieder herausziehen.

Stichpunkt Treue: Auch Coach Sven Liesegang geht mit in die Sachsen-Anhalt-Liga. Was bedeutet das für Team und Verein?

Das sehen wir sehr positiv. Er war in die Personalplanung mit involviert. Er sieht, hier bewegt sich etwas. Sein Wunsch war es, zehn bis zwölf Spieler zu jedem Training zu haben. Seine Strategie ist auch unsere. Er will das Tempo erhöhen und junge Leute entwickeln. Auch Retting stellt sich als älterer Spieler hinten an und sagt, er muss keine 60 Minuten mehr spielen. Keiner im Verein musste lange überzeugt werden, den Weg mitzugehen.

Ein Stück weit ist da sicher auch der Neuanfang reizvoll. Denn es gibt nicht nur eine neue Liga, sondern auch eine neue Halle. Es könnte ja zu einem Zuschauerzuwachs kommen. Was erwarten Sie sich vom Umzug?

Sicherlich werden viele Staßfurter neugierig sein und vorbeikommen. Vielleicht profitieren wir auch von der Lage im Wohngebiet. Da ist ein größeres Einzugsgebiet. Die Leute sind schneller da als in der alten Halle. Ich denke schon, dass wir Zuspruch haben werden. Dann müssen wir unsere Heimspiele auch gewinnen. Der Zuschauer will ja mit einem freudigen Erlebnis aus der Halle gehen. Das ist ja ein „Wir-Erlebnis“.

Haben Sie da auch Bedenken, dass Sie nicht diese gute Atmosphäre haben wie in der Merkewitz-Halle?

Momentan noch nicht. Die Tribüne in der neuen Halle geht fast bis zum Spielfeld. Die unteren Reihen sind wieder so dicht dran, bloß jetzt nicht mehr von beiden Seiten. Aber vielleicht kommt der Lärm dann geballt von einer Seite. Wichtig ist, dass genug Leute in die Halle kommen, dann bekommen wir die Mannschaft auch angeheizt.

Das wird in der neuen Liga sicher genauso nötig sein. Wie schätzen Sie die Sachsen-Anhalt-Liga ein? Ist das vom Niveau her ein großer Unterschied zur Oberliga?

Das ist die große Unbekannte, die wir haben. Wir wissen gar nicht so genau, wie stark diese Liga ist. Fakt ist: Es wird sicher drei, vier Mannschaften geben, die oben mitspielen. Da wird es darauf ankommen, die Konzentration in jedem Spiel hoch zuhalten. Wir müssen mit vollen Emotionen in jedes Spiel gehen. Da bleiben schnell Punkte liegen, weil man nicht mit der richtigen Einstellung an die Sache geht. Konkurrenzfähig sind wir mit dem Team, da werden wir oben mitspielen, da sehe ich keine Probleme. Aber wir müssen jedes Spiel mit 100 Prozent angehen. Das wird zum Anfang kein Problem sein, da sind alle heiß. Aber je länger die Saison dauert, umso größer wird diese Gefahr. Es bleibt erstmal abzuwarten, wie die anderen Mannschaften aufrüsten. Sicherlich wird Spergau eine große Rolle spielen, Calbe ist eine eingespielte Mannschaft, die auch nicht zu unterschätzen ist.

Dennoch haben Sie nach jetzigem Stand den besten Kader dieser Liga. Da kann das Ziel nur der direkte Wiederaufstieg sein?

Absolut, da nehme ich auch kein Blatt vor dem Mund. Alles andere wäre für mich eine Enttäuschung. Wir wollen wieder hoch, das ist das Ziel. Und das kommunizieren wir auch bei den Sponsoren so.

Wie ist das bei den finanziellen Rahmenbedingungen? Müssen Sie große Einbüßen beim Etat in Kauf nehmen?

Von den Sponsoren habe ich nur positives Feedback. Sie unterstützen uns weiterhin. Sie spüren, dass hier etwas Neues entsteht. Etwas weniger Geld wird es jedoch werden. Andererseits werden aber auch die Reisekosten geringer. Wir brauchen keinen großen Bus, wenn wir nach Schönebeck oder Calbe fahren. Dazu kommt, dass die Spieler es akzeptiert haben, dass die Aufwandsentschädigungen verringert werden.

Und das ist ebenfalls ein sehr starkes Zeichen.

Genau. Die Spieler sind ja nicht nur in Staßfurt, um Geld zu verdienen, sondern weil wir hier etwas Besonderes geschaffen haben. Eine familiäre Atmosphäre, ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie spielen für den Verein. Für Staßfurt. Und sind hier gut integriert. Und wir kümmern uns links und rechts.