Staßfurt l Robert Reiske verlor all seine Körperspannung. Er knickte ein, legte seine Hände auf den Oberschenkeln ab und pustete kräftig durch. Der Spieler des HV Rot-Weiss konnte nicht fassen, dass seine gute Saison, die starke Spielzeit der Staßfurter allgemein, nicht mit der gewünschten Rückkehr in die vierte Liga beendet wurde. Viele seiner Mitspieler wirkten ebenfalls fassungslos, mussten sich das Lächeln bei der Medaillenübergabe am Ende etwas aufzwängen. Es gab „nur“ die Bronzemedaille. Die zuvor rappelvollen Ränge waren schnell geleert, denn die SG Spergau versaute dem HV Rot-Weiss die Aufstiegsparty mit dem 32:26-Auswärtssieg gewaltig.

Auch Coach Sebastian Retting erlebte nach dem Schlusspfiff eine emotionale Achterbahnfahrt, wusste kaum, welches Gefühl er zuerst beschreiben sollte. Natürlich war er „traurig, dass wir nicht aufgestiegen sind“, trotzdem aber „nicht böse“ auf sein Team, sondern „stolz“, dass es trotz der Schwierigkeiten in dieser Saison bis zum Schluss diese Chance hatte. „Wir haben trotzdem eine gute Saison gespielt. Manchmal muss man ja einen Schritt zurück gehen, um zwei vor zu kommen“, blickt er direkt mit viel Optimismus in den Zukunft.

Im entscheidenden Spiel dieser spannenden Sachsen-Anhalt-Liga-Saison reichte die Leistung aber schlichtweg nicht aus. Die Spergauer waren besser und haben verdient gewonnen. Obwohl alles, wirklich alles in Staßfurt auf dieses eine Spiel ausgerichtet war, „fehlten bei einigen Spielern zehn bis 15 Prozent“, musste Retting feststellen.

Die Gäste aus Spergau starteten couragiert, fingen Bälle ab und gingen so 2:0 in Front (3.). Die Staßfurter hielten zunächst zwar sehr gut mit einer 5:1-Deckung dagegen, fanden offensiv aber so gut wie gar nicht statt. Nur durch den Anschluss von Robert Reiske zum 1:2 (4.). Nach dem dritten Tor der Gäste war es Sebastian Schliwa, der nach dem Spiel vom Publikum auch zum Spieler der Saison gewählt wurde, zu verdanken, dass die Spergauer sich nicht noch deutlicher absetzten. Der Keeper hielt zweimal (7./8.), die folgenden Konter saßen aber nicht.

Nachdem dann Christian Schöne (16.) und auch Reiske (17.) am bärenstark aufgelegten Luchien Zwiers im Spergauer Kasten scheiterten, war die Trefferquote schnell versaut. Trotzdem blieben die Hausherren noch dran, weil sie den Kontrahenten defensiv im Zaum halten konnten. Nach gutem Zuspiel von Patrick Postelt markierte Oliver Jacobi in typischer Kreisläufer-Manier, im Fallen und in der Drehung, das 5:5 (20.).

Schon im Aufbau kommt es zu Fehlpässen

Doch solche Szenen gab es zu selten. Viel öfter bekamen die vollen Ränge Situationen wie in der 22. Minute zu sehen, als Mario Meißner einen Konter vergab, weil der rechte Fuß von Zwiers hochschnellte wie die Zunge eines Chamäleons, wenn es Beute entdeckt. Reiske traf in der folgenden Szene nur den Pfosten. Hinten konnte zwar wieder einmal Schliwa überzeugen, als er einen Strafwurf vereitelte (23.), danach boten sich aber zwei Lücken und der Gegner zog auf 10:7 davon (27.). Die Hallenherren wollten es dann schnell machen, doch Postelt spielte schon im Aufbau einen Fehlpass, der nur neun Sekunden später zum 7:11 führte. Auch eine Rote Karte gegen Tobias Gerberding, der Reiske einen Schlag ins Gesicht verpasste, dämpfte die Überlegenheit der Spielgemeinschaft nicht ein. Bis zur Pause blieb eine Drei-Tore-Führung bestehen.

Und bis auf Reiske, der mit zehn Toren beste Werfer des Tages, war kein Spieler in der Form, die es gebraucht hätte. „Ein guter Spieler reicht eben nicht“, bedauerte Retting. „Wir hätten mehr Zugriff gebraucht, kamen gefühlt immer einen halben Schritt zu spät.“

Das besserte sich auch in der zweiten Halbzeit nicht wirklich. Der Vorsprung von Spergau blieb weiter bestehen, weil bei den Rot-Weissen die zündenden Ideen fehlten. Retting wechselte sich dann mal wieder selbst ein, hatte auch gelungene Aktionen, wie sein Pass auf Gabor Vadaszi, der in seinem Abschiedsspiel (Vertrag nicht verlängert) noch drei Mal traf. Doch hinten bedeutete fast jeder Gegenzug auch einen Gegentreffer. Patrick Tuchen, der mittlerweile zwischen den Pfosten stand, bekam kaum eine Hand an den Ball.

Den Gästen schien fast alles zu gelingen

Spielentscheidend war dann die Phase zwischen der 43. und 46. Minute, als zunächst das 18:22 fiel, im Gegenzug ausgerechnet Spielertrainer Retting unbedrängt den Ball nicht fangen konnte, woraufhin der Spergauer Konter zum 23:18 saß. Die nächste Staßfurter Aktion: Reiske pfefferte den Ball gut drei Meter drüber. Den Spergauern hingegen gelang fast alles, so auch die nächsten beiden Konter zum 25:18 (46.).

Während die Gäste im Stile eines Topteams weiterspielten, hielt bei RWS schon Frust und Enttäuschung Einzug, wie beispielsweise ein viel zu früher Abschluss von Postelt (50.) zeigte. Geistig hatten einige Staßfurter schon mit dem Spiel, mit der Saison, abgeschlossen. Und während der verletzte Spergauer Benjamin Herfurth von der Platte humpelte und draußen vom Notarzt behandelt werden musste, taumelten die Staßfurter auf dem Spielfeld wie ein angeschlagener Boxer dem Schlusspfiff entgegen. Dass zum Ende hin noch ein paar Kontertore gelangen, war nur ein wirklich schwacher Trost. An diesem Abend überwog bei den Staßfurtern ganz klar die Enttäuschung.

Staßfurt: Schliwa, Tuchen - Beinhoff (1), Reiske (10), Ernst (2), Retting (4), Jacobi (4), Vadaszi (3), Steinbrink, Spadt, Strnad, Schöne (2), Postelt, Meißner

Siebenmeter: Staßfurt 4/3 - Spergau 6/3 Zeitstrafen: Staßfurt 5 - Spergau 4