Staßfurt l Ob man als Handballinteressierter Staßfurter der Paul-Merkewitz-Halle eine Träne nachweint oder nicht, ist je nach persönlichem Empfinden wohl in beide Richtungen nachzuvollziehen. Zumindest wirft ein Blick zurück auf die ehemalige Heimstätte des HV Rot-Weiss Staßfurt (und früher SV Concordia Staßfurt) zahlreiche interessante Themen auf.

In die neue Salzlandsporthalle umgezogen, fehlt den Handballern bisher das notwendige Quäntchen Glück. Die Gründe für den bislang ausgebliebenen Wiederaufstieg der Männer des HV Rot-Weiss in die Mitteldeutsche Oberliga sind wohl nicht allein den Sportlern anzulasten. Lassen wir Corona sowie die starke Konkurrenz beiseite und widmen uns diesbezüglich den Spielstätten, mit einer Besonderheit. Ein Unterschied zwischen den Hallen ist nämlich schnell auszumachen. Die Merkewitzhalle lebte. Menschen mit gutem Gespür merkten das Beben der Balken, wenn gleich rechts vom Eingang aus eine Handvoll Enthusiasten ihre Münder öffneten und unentwegt auf Pauken und Trommeln einhämmerten. Eine Stimmung, die nicht allein (Erfolgs-)Geister weckte und den Akteuren den Weg zum Sieg wies. Das steckte an und entwickelte sich lawinenartig durch die Arena. Die Merkewitzhalle genoss den Ruf, gegnerische Spieler und Mannschaften zu schrecken. Nicht allein durch die Nähe der Zuschauer zu den Spielern, nein, auch durch die unüberhörbar mitreißende Stimmung. Doch was davon ist nach dem Umzug in die neue Halle geblieben?

Fast schon leise dringt hier von oben, vorn über dem Haupteingang, ein zaghaftes „Bum, Bum, Bum“ – begleitet von fast schon untergehenden „Staßfurt“-Rufen, welche Menschen in roten Staßfurt-Trikots anstimmen. Eine Stimme, die dabei immer hervorstach, war die von Lothar Stein. Neugierig dreinblickenden Gäste-Fans musste nicht selten erklärt werden, dass es sich dabei um die berühmte Staßfurter Hauskapelle handelte.

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Eine Bierlaune ist der Ausgangspunkt

Sprechen wir von diesem Musik-Ensemble, müssen wir Horst Stein vorn anstellen. Ein Mann, der vor gut vierzig Jahren Betreiber der Staßfurter Gaststätte Sportlerklause war. Ein Lokal voller Gemütlichkeit, mit Stammtisch und natürlich Stammkunden. Einer von Letztgenannten spielte in einer Band Schlagzeug. Und wie es so an Stammtischen ist, wenn die Bierlaune zuschlägt, betrommelte dieser Drummer mal die Tischplatte oder auch mal einen Stuhl. Ein Solo, bei dem es nicht blieb. Viele wurden angesteckt und machten es ihm nach.

Jutta Schneider, heute beim HV Rot-Weiss „Mädchen“ für Vieles, erinnert sich: „1992 hat uns, also meinen Mann Harald und mich, Rolf Schmitt, damals Handballtrainer bei Concordia, mit in seine Lieblingskneipe Sportlerklause genommen. Hier lernten wir die Herren des Stammtisches, aber auch viele Handballer kennen.“

Gestandene wie auch junge Spieler und Organisatoren, die dem Ballwurfspiel frönten und Staßfurt in fast ganz Deutschland bekannt machten, waren dabei. Und wo eine Trommel ist, sind auch Pauken. Dazu Horst Stein mit seinem Horn oder der Trompete und fertig war die Hauskapelle.

Was nun folgte, war nicht allein eine Bierlaune, sondern geplante, durchorganisierte Gemütlichkeit. Eine Zeitungsausgabe von 1995 zeigte auf einem Foto die Hauskapelle, die uniformiert wie bei Maiparaden in der DDR musizierend um den Block ziehen. Der Anfang einer steilen Karriere. Steins Truppe wurde anschließend zu Jubiläen und anderen Feierlichkeiten gebucht. Für ein Ständchen, einen Spaß und auch mehr. Mit Gastspielen auch außerhalb von Staßfurt. Die weiteste Reise für ein Ständchen ging nach Niedersachsen. Und selbstverständlich gehörte auch das Mitreisen zu den Regionalligaspielen der Staßfurter Handballer dazu.

Doch zurück zur Merkewitzhalle: Hier wurde, wie schon erwähnt, durch die Hauskapelle rhythmisch unterstützend aufgespielt. Vom damaligen Verein Concordia wurde dies als große Unterstützung angesehen und auch gefördert. Wie die Aktiven auf dem Parkett, wechselten auch die Mitglieder der Hauskapelle stetig. Doch der Stamm mit der Konstante Horst Stein blieb. Vor allem durch seine Einlagen per Horn oder Trompete, teilweise in Polizeiuniform und als Hymne vor Spielbeginn intoniert, bleiben auf ewig in guter Erinnerung. Ebenso die Fanfaren vor Siebenmeterwürfen der eigenen Mannschaft.

Aktiv im Geschehen war häufig auch Jutta Schneider. Viele Jahre lang schwang sie den Paukenschlägel, organisierte die Truppe und war die Verbindungsfrau zum Verein. Heute ist sie vom Verein mit einer anderen Aufgabe betraut. Und so ist die Realität auch, dass der Zahn der Zeit zunehmend auch an den Steinschen Musikussen nagte. Ältere Kapellenmitglieder schieden aus, der Nachwuchs beziehungsweise dessen Beständigkeit fehlte. Bei Spielen in der Merkewitzhalle waren immer wieder Kinder und Jugendliche zu erleben, die sich an den Pauken versuchten. Doch so richtig wollte oder konnte sich keiner binden. Mit einer Ausnahme, und da kam wieder Horst Stein ins Spiel, der als Familienoberhaupt mobil machte und so die eigene Familie begeisterte. Neben Horst machten auch seine Tochter Mandy Fritsche mit Ehemann Norbert und die beiden Enkelinnen Sophie und Mandy mit. Ab und an wagte sich auch Steins Bruder Lothar an die Pauke. Drei Generationen Familie peitschten das Team also enthusiastisch an.

Inzwischen ist die Hauskapelle in ihrer ursprünglichen Form Geschichte. Es bleibt die Hoffnung auf musikalisch engagierte Nachfolger Horst Steins. Dies hätte ihn ganz sicher gefreut.