Staßfurt/Calbe l Die Sonderschichten waren für Kevin Reiske in dieser Woche selbstverständlich. Der Spieler der TSG Calbe war im Training besonders motiviert. Trotz einer Verletzung. Beim 34:26-Sieg gegen den BSV 93 Magdeburg hatte sich der 26-Jährige eine kleine Blessur an der Schulter zugezogen, vor dem großen Derby der Sachsen-Anhalt-Liga beim HV Rot-Weiss Staßfurt (Anwurf heute 18 Uhr) ist sein Einsatz fraglich.

Für Reiske ist das natürlich ein „besonderes Duell“, wie er selbst sagt. Denn es geht gegen seinen Ex-Verein. Deshalb will er auch unbedingt auflaufen. „Ich habe alles dafür gegeben, dass ich spielen kann.“ In der Deckung wird er definitiv zum Einsatz kommen. „Dann muss ich schauen, ob der Wurfarm auch mitmacht“, so Reiske. Das Tape liegt bereit. Der Calbenser will auf seinen Körper hören, mental ist alles klar: „Natürlich bin ich zusätzlich motiviert“, verrät er.

Gerne würde Reiske mitwirken bei einer Mission, die aber schier aussichtslos scheint. Denn die Vorzeichen sind klar: Die Staßfurter, die den direkten Wiederaufstieg als klares Ziel formuliert haben, sind auch im Heimderby der klare Favorit. Während die Staßfurter in dieser Saison vom breiten Kader profitieren, sieht es bei Calbe düster aus. „Wir werden ohne Rückraum-Spieler anreisen“, ist TSG-Trainer Andreas Wiese betrübt. Ronny Krause, Marius Harig und Christoph Borzucki werden fehlen. „Da stellt sich die Mannschaft von allein auf.“

Calbe will Staßfurt ärgern

Die Vorfreude trübt das aber nicht. „Wir freuen uns auf das Derby und die neue Halle“, so Wiese. Und auch die durch die Personalprobleme nicht kleiner gewordene Außenseiter-Rolle sieht der Coach, der beim Glinder HV einst unter dem Staßfurter Trainer Sven Liesegang spielte, nicht als problematisch. „Wenn jeder Spieler seine Leistung abruft, können wir Staßfurt ärgern. Wir müssen aus einer aggressiven Abwehr heraus auf Konter setzen.“

Auch sein angeschlagener Spieler Kevin Reiske pflichtet ihm da bei: „Wenn wir mit den gleichen Emotionen und dem Kampfgeist wie gegen den BSV auftreten, ist alles möglich. Wir fahren dort nicht hin, um die zwei Punkte herzuschenken.“ Gerade nicht Reiske, der übrigens weder verwandt noch verschwägert mit Staßfurts Robert Reiske ist.

In Staßfurt erlebte der heutige Calbenser mit der Rückennummer 92 eine schwierige Zeit. Sein Wechsel aus der Verbandsliga zum damaligen Oberligisten, „kam zu früh“, blickt er heute zurück. Er kam kaum auf Einsatzzeit und entschied sich für den Wechsel in die Saalestadt. „Das war der richtige Schritt. Die ganze Mannschaft hat mich super aufgenommen. Mit meiner persönlichen Entwicklung bin ich zufrieden, in der vergangenen Rückrunde habe ich gut reingefunden.“

Gute Nachwuchs-Arbeit

Mittlerweile ist er gut ein Jahr in Calbe, war vorher genauso lange in Staßfurt. Worin sieht er die Unterschiede? Aus dem Stehgreif kann Reiske das nicht beantworten. Er fand sich bei beiden Teams gut zurecht. Doch etwas fiel im doch auf: „Die Nachwuchs-Arbeit läuft viel besser, nicht nur im Vergleich zu Staßfurt, sondern allgemein im Salzlandkreis. Keiner ist da so gut aufgestellt wie Calbe.“

Aber genau das ist auch das Konzept der TSG. Und unterscheidet sie letztlich auch vom HV Rot-Weiss. In Staßfurt wird auf den schnellen Erfolg, die sofortige Rückkehr in die Oberliga gesetzt. Dafür haben sich die Rot-Weißen mit zahlreichen gestandenen Spielern aus der Sachsen-Anhalt-Liga verstärkt.

Das Gegenstück in Calbe: An der Saale steht die langfristige Arbeit mit dem eigenen Nachwuchs im Fokus. Bis auf Ron Barby und eben Reiske sind alle Spieler aus den eigenen Reihen. „Das ist schon seit Jahren unser Weg. Wir wollen aus Eigengewächsen ein Spitzenteam formen und das gelingt uns gut“, sagt Abteilungsleiter Gunnar Lehmann.

Für den Präsidenten des HV Rot-Weiss Patrick Schliwa ist das problematisch. Natürlich ist auch für die Staßfurter der eigene Nachwuchs sehr wichtig und in der Oberliga „hatte keiner so viele Eigengewächse im Kader wie wir“, doch Schliwa sagt auch: „Nur mit eigenen Leuten wieder hochzukommen, ist schwer.“ Jedes Jahr, sukzessive ein oder zwei Spieler in den Kader zu integrieren, das ist der Staßfurter Weg.

Über 700 Zuschauer dabei

Und auch wenn die Teams in diesem Thema leicht unterschiedliche Philosophien verfolgen, zählen sie doch beide zu den Topteams der Liga. Und das macht dieses Duell zu einem „Handball-Leckerbissen“. Auch die Rahmenbedingungen stimmen: Über 700 Personen werden dabei sein in der neuen Salzland-Sporthalle. „Es wird schön voll, wir freuen uns auf ein super Derby. Das ist ein Highlight der Saison“, so Schliwa. Und das nicht nur für Staßfurt. Auch die Calbenser Anhänger freuen sich auf das Salzland-Derby. „Mit 150 oder mehr Fans“, so Lehmann, wird der eingerichtete Gästeblock gut gefüllt sein.

Und mittendrin in dieser für die Liga sicher einmaligen Atmosphäre wird dann Kevin Reiske sein. Der den letzten Schmerz in der Schulter sicher voller Adrenalin gar nicht mehr spüren wird. „Vorsichtig optimistisch“ ist er auf seinen Einsatz. „Ich freue mich riesig auf das Wiedersehen und will mir das nicht entgehen lassen.“